Lust aufs Elternsein versus Ganztagsbetreuung

Von Katja Lehwalder, Mai 2017

Zwei Ereignisse haben mich dazu bewogen, Ihnen zu schreiben: ein Elternabend unserer Kindergartengruppe, die meine vierjährige Tochter besucht, und ein Erlebnis mit unserem knapp zweijährigen Sohn.

Während des Elternabends im Waldorfkindergarten kam eine Diskussion um das Für und Wider der Ganztagsbetreuung von Kindergartenkindern und die Frage nach der Notwendigkeit des Aufbaus von Ganztagsgruppen auf. Der Kindergarten verfügt momentan über eine Halbtags- und eine Ganztagsgruppe. Für Erstere wird nun überlegt, als Zusatzan­gebot tägliches Mittagessen auf freiwilliger Basis anzubieten. Die Einen sehen darin eine willkommene Möglichkeit, ihren Tagesablauf zu entlasten, die Anderen sehen in diesem Angebot einen Schritt zur Auflösung der Halbtagsbetreuung.

Natürlich ist es für viele Berufstätige und auch für Alleinerziehende schwierig, in der Mittagszeit ihre Kinder abzuholen, von der Betreuung im weiteren Tagesverlauf ganz zu schweigen. Ich gestehe auch, dass ich für dieses Problem keine Lösung anbieten kann. Zumindest keine, die sich nicht der Gesellschaft als Ganzer zuwenden müsste. Es sollen auch nicht die Eltern, die sich aufgrund ihrer familiären Situation für die Ganztagsbetreuung entscheiden müssen, an den Pranger gestellt werden. Ich spreche für jene, die sich bewusst für die Halbtagsbetreuung entschieden und ihre Lebenssituation darauf abgestimmt haben. Auch weil wir als »Waldorfeltern« das zugrundeliegende pädagogische Konzept, so wie wir es bisher in seiner Umsetzung kennengelernt haben, mittragen und unsere Tochter mit leuchtenden Augen am Morgen in den Kindergarten hineinstürmt und ihn mittags mit dem gleichen Ausdruck wieder verlässt.

Gibt es etwas Schöneres als auch zu Hause spielen zu dürfen?

Natürlich ist sie auch müde vom vielen Spielen, Wahrnehmen und Erfahren. Während der Autofahrt, spätestens zu Hause, schläft sie ein und hat nach ihrer Erholungsphase noch einen ganzen Nachmittag zum Spielen vor sich. Und diese freie Zeit ist so wichtig. Nicht nur, weil es auch zu Hause Vieles zu spielen und zu erkunden gibt, sondern auch, um die vormittags gesammelten Eindrücke im ruhigen und geschützten familiären Umfeld verarbeiten zu können. Durch die Entwicklung hin zur Ganztagsbetreuung in Waldorf-Kindergärten geraten langsam jene, welchen die ursprüngliche Ausrichtung am Herzen liegt und die auch aus fachlichen Gründen davon überzeugt sind, in den Hintergrund und sehen Handlungsbedarf. Natürlich ist es aus kindlicher Perspektive schöner, ganztags in einem Waldorfkindergarten zu sein als in einer anderen Ganztagseinrichtung. Aber aus kindlicher Perspektive ist es noch schöner, nicht den ganzen Tag von zu Hause weg zu sein, so dass die Familienzeit auf Abendessen und Schlafengehen reduziert wird und infolgedessen die Wochenenden vollkommen mit gemeinsamen Aktivitäten überladen werden, weil der unter der Woche weggefallenen gemeinsamen Zeit nachgejagt wird.

Wenn das Baby und die Mutter nicht mehr zusammengehören

Zwei Tage nach diesem Elternabend blätterte unser kleiner Sohn in der Zeitschrift und entdeckte das Foto eines Babys. Er betrachtete es eine Zeit lang, sagte »Baby«, schaute mich an und sagte »Mama?« In seiner Welt ist es vollkommen klar, dass dort, wo ein Baby ist, auch die Mama ist. So kennt er es und es ist schön zu beobachten, dass es für ihn selbstverständlich ist, dass ich bei ihm bin. Warum ich das an dieser Stelle erwähne? Weil es sich zufällig um das Foto handelt, das in der Petition gegen die Digitalisierung in Kindergärten verwendet wird. Meine Frage ist: Wenn sich die Betreuungssituation der Waldorfkindergärten immer mehr zum Ganztagsangebot hin entwickelt, weil es »gesellschaftlich gewollt« ist – wo ist die Grenze? Beginnt in einigen Jahren die Digitalisierung in den Kindergärten, weil auch sie »gesellschaftlich gewollt« ist? Ein absurder Gedanke? Das war bis vor einigen Jahren die Ganztagsbetreuung ebenso. Es gibt unzählige Studien darüber, wie Kinder im Kindergartenalter auf Fremdbetreuung reagieren, doch absurderweise wird es zum Trend, sich dafür rechtfertigen zu sollen, wenn man die Entscheidung trifft, seine Kinder »nur« halbtags in den Kindergarten zu bringen. Die Halbtagsbetreuung ist ein wertvolles Gut, das es zu schützen und zu wahren gilt. Sie als obsolet, da nicht mehr gesellschaftlich gewünscht zu behandeln, verprellt die Eltern, die ihre Kinder gerne in den Kindergarten bringen, sie aber ebenso gerne nachmittags zu Hause betreuen. Zumindest als gleichwertige Alternative zum Ganztagsangebot sollte sie daher bestehen bleiben.

Die »Lust aufs Elternsein«, wie die aktuelle Ausgabe der »Erziehungskunst« betitelt ist, drückt sich auch darin aus, seine Kinder nachmittags um sich zu haben. Und darin, darauf aufmerksam zu machen, dass es Eltern zum Teil schwer gemacht wird, diese Lust auszu­leben.

Zur Autorin: Dr. Katja Lehwalder ist Soziologin und Mutter zweier Kinder.

Kommentare

Für diesen Artikel wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.