Menschenskind oder was heißt hier Emanzipation?

Von Ute Hallaschka, März 2015

Als das Wort durch die Frauenbewegung aufkam, war es ein Kampfbegriff und Schimpfwort zugleich. »Emanze« – das klingt nicht gut, irgendwie unweiblich. So wurde das, was damit gemeint war, flugs degradiert.

Dabei stammt der Begriff »Gleichstellung« aus dem politischen Kontext, er wurde sowohl in der Französischen Revolution, als auch in der Befreiungsbewegung der amerikanischen Sklaverei verwendet.

Emanzipation in Bezug auf die Frauen kann man als Entmachtung der Männer missverstehen. Aber damit kommt man nicht weit, es kann ja nicht um die  Umkehrung der Herrschaftsverhältnisse gehen. Emanzipation ist imaginative Kopfarbeit. Das Menschenbild zu befreien vom Ballast vergangener Zeiten. Von allem was der faktischen Gleichbehandlung der Geschlechter heute konkret im Weg steht. Die Konzeption eines neuen Frauenbilds – jenseits aller Rollenklischees.

Schaut man die aktuelle gesellschaftliche Wirklichkeit daraufhin an, dann haben wir gründlich versagt. Das neue Frauenbild hat einen alten Bart – es ist eine Witzfigur. Kein Phönix, der sich aus der Asche alter Vorstellungen erhebt, sondern Klamauk. Nach dem Motto: Menschenbild – ist mir doch Conchita! Alles Wurst! Hauptsache die Freiheit macht Spaß! Doch das ist das Gegenteil von Freiheit, wenn wir die alten weiblichen Rollenklischees und ihre Fixierungen nun auch den Männern zugestehen. Alte Schnürleibchen im neuen Gewand. Frau Conchita konnte zur Siegerehrung nicht ohne fremde Hilfe gehen in ihrem engen Wurstkleid. Da brauchte es die galant helfende männliche Hand. Phantastischer Fortschritt!

Und das Männerbild? Neuerdings dürfen Fußballer ja bekanntlich schwul sein und sich outen. Aber bitte erst nach der Pensionierung. Vorher traut sich niemand aus der Deckung. Als aktiver Ballermann hat man das Bild des echten Kerls zu bedienen und darf sich keine Schwäche leisten. Was wir an Menschenbildern der Moderne in Bezug auf Freiheit von Geschlechterklischees zusammengeschustert haben, ist ein Flickwerk aus alten Lumpen. Und die Jugend – die doch immer Vorreiter und Bilderstürmer ist – wie stehts mit ihr?

Auf YouTube agieren ganz neue Stars vor Millionenpublikum. Völlig emanzipierte Mädels, die sich selbst vermarkten. Bianca Heinicke lässt sich beim Schminken und Shoppen zusehen. In ihrem Kanal »Bibis Beauty Palace« erfahren anderthalb Millionen Nutzer – vermutlich eher Nutzerinnen – wie man ein It-Girl wird – eine angesagte Persönlichkeit. Schlechte Zeiten für Mädchen, die sich nicht für Mode interessieren. Die sind eben out. Sehr lehrreich ist auch die Geschichte von DJ Tatiana Alvarez. Sie musste sich in der männerdominierten Branche jahrelang als Mann verkleiden und ausgeben. Bis sie sich mit ihrem männlichen Alter Ego »DJ Musikillz« endlich einen Ruf erarbeitet hatte. Jetzt darf sie auch als Frau auflegen und die Partyszene aufmischen.

Auch die Jugendlichen – und gerade sie scheinen befangen in uralten Mustern. Selbstinszenierung um jeden Preis, gilt als die neue Originalität der Persönlichkeit. Aber das Menschenbild als Kunstwerk und als Ebenbild des schöpferischen Geistes braucht dann doch ein bisschen mehr als einen durchgeknallten Schneider oder Germanys Next Top Model. Madonna und Lady Gaga gehören ebenfalls in die Kategorie: Geschäftsgeist gibt sich als kulturelles Freiheitspotenzial aus.

Die beiden Extreme, die sich – weltweit gesehen – verzeichnen lassen: hier der nackte Wahnsinn der inszenierten Körperlichkeit und da der vergitterte Sehschlitz der Burka. Beides Spielarten der Unmenschlichkeit. Woher ein neues Bild, einen neues Blick beziehen, jenseits aller Ideologien?

Es könnte sein, dass wir noch einmal gefordert sind – wir Frauen, uns gegen jede Unterstellung zu wehren. Auch im Namen der Männer. Wenn wir es wirklich gründlich satt hätten, dass Weiblichkeit verraten und verkauft wird als hirnrissige Ästhetik der Äußerlichkeit und der Oberflächen. Weibliche Anmut – dazu gibt es eine Überraschung aus der Wortwurzel. Anmut war ursprünglich ein Wort mit maskulinem Geschlecht, in der Bedeutung von Verlangen – was in den Sinn (Mut) kommt. Später verschob sich die Bedeutung vom wahrnehmenden Subjekt zum beschriebenen Objekt.

Wenn es uns nun in den Sinn käme, dass die Lebensimpulse des Weiblichen als Kraftfigur des Inneren aufgefasst, sich entsprechend in der Welt verhalten dürften – wie das äußerlich erscheinen und sich gestalten könnte,  das weiß kein Mensch. Was wir aber alle wissen, definitiv, dass beide Kraftpole in uns sind – in jedem Menschen. Wollen wir es nicht endlich erfinden? Das neue Menschenbild, in dem Männer und Frauen in ihrem jeweiligen Zusammenhang der Wesensglieder, das auch äußerlich sein dürfen, was sie innerlich sind: Eine individuelle menschliche Persönlichkeit.

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