Säuglinge bilden Vorstellungen im Schlaf

Von Lorenzo Ravagli, Januar 2015

Mitarbeiter des Max-Planck-Institutes für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig untersuchen die Gehirnaktivitäten von Kleinstkindern. Sie stellen fest, dass der Schlaf das Erinnerungsvermögen der Kinder verbessert und das kindliche Gedächtnis strukturiert.

Elektroden auf der Kopfoberfläche registrieren die von den Nervenzellen ausgehenden elektrischen Signale und leiten sie an Messgeräte weiter. MPI f. Kognitions- und Neurowissenschaften/ Ch. Rügen

Auch während des Schlafs finden im Gehirn von Säuglingen und Kleinstkindern Aktivitäten statt. Sie verarbeiten dabei zuvor Gelerntes. Die Leipziger Kognitionswissenschaftler haben zusammen mit Forschern der Universität Tübingen herausgefunden, dass sich Kleinstkinder im Alter von 9 bis 16 Monaten durch ein kurzes Schläfchen die Namen von Gegenständen besser merken können. Außerdem können sie erst nach dem Schlaf gelernte Namen auf neue ähnliche Gegenstände übertragen. Im Zusammenhang mit den Aktivitäten im Gehirn entstehen im Schlaf verallgemeinerte Kategorien – Erlebtes wird so zur Vorstellung. Die Forscher konnten darüber hinaus zeigen, dass die Bildung von Kategorien eng mit einer typischen rhythmischen Gehirnaktivität, den sogenannten Schlafspindeln, zusammenhängt: Kinder, die starke Schlafspindeln erzeugen, können ihre Erfahrungen besonders gut verallgemeinern und bilden dabei neue Vorstellungen im Schlaf.

Während des Schlafs sind wir zwar weitgehend vom Informationsfluss aus den Sinnesorganen abgeschnitten, viele Regionen des Gehirns sind aber gerade dann besonders aktiv. Die meisten Hirnforscher gehen heute davon aus, dass im Schlaf zuvor Erlebtes noch einmal durchlebt, neue Gedächtnisinhalte gefestigt und in das bestehende Gedächtnis integriert werden. Dabei werden auch Verbindungen zwischen Nervenzellen verstärkt, neu geknüpft oder auch abgebaut. Schlaf ist also für das Gedächtnis unverzichtbar.

Bestimmte Hirnwellen hängen maßgeblich mit dem Lernerfolg zusammen: die sogenannten Schlafspindeln. Sie entstehen, wenn Nervenbündel zwischen Thalamus und Großhirnrinde eine rhythmische Aktivität von 10 bis 15 Schwingungen pro Sekunde erzeugen. Schlafspindeln beeinflussen auch die Gedächtnisbildung bei Erwachsenen. Je stärker ein Baby solche Schlafspindeln ausbildet, desto besser kann es nach dem Schlaf die Namen von Kategorien auf neue Objekte anwenden.

Wie ein Kommentar zu diesen Untersuchungsergebnissen lesen sich Ausführungen Rudolf Steiners aus dem Jahr 1908, enthalten in Band 108 der Gesamtausgabe. Im Unterschied zu den auf Projektionen beruhenden, verbreiteten Vorstellungen der Neurowissenschaften, die dem Gehirn eine Form von Subjektivität und Handlungskompetenz zuschreiben, die uns nur aus dem wachen Seelenleben und der Erfahrung unserer Ichtätigkeit bekannt sind, spricht Steiner nicht von den autonomen Aktivitäten des Gehirns, sondern von dem, was diese Aktivitäten bewirkt, nämlich unserer Seele (die er hier als »Astralleib« bezeichnet). Diese verfällt auch im Schlaf nicht in Untätigkeit, sondern setzt unter veränderten Bedingungen ihre Tätigkeit fort:

»Was tut nun beim gewöhnlichen Menschen der astralische Leib in der Nacht? Er ist nicht untätig. Wie eine spiralige Wolke erscheint er dem Auge des Hellsehers, und es gehen Strömungen von ihm aus, die ihn mit dem daliegenden physischen Leibe verbinden.

Wenn wir des Abends ermüdet einschlafen, was ist da die Ursache dieser Ermüdung? Dass der astralische Leib den physischen Leib während des Wachens am Tage gebraucht und dadurch abnützt, das erscheint als Ermüdung. Die ganze Nacht aber, während des Schlafens, arbeitet der astralische Leib an der Fortschaffung der Ermüdung. Daher rührt die Erquickung durch den guten Schlaf, und daraus ist zu ermessen, wie wichtig ein wirklich gesunder Schlaf für den Menschen ist. Er stellt in der richtigen Weise wieder her, was durch das Wachleben abgenutzt wurde. Auch noch andere Schäden bessert der astralische Leib während des Schlafes aus, so zum Beispiel Krankheiten des physischen und auch des Ätherleibes. Sie werden es nicht nur aus eigener Lebenserfahrung an sich selbst und an anderen Menschen beobachtet haben, Sie werden auch erfahren haben, dass jeder vernünftige Arzt sagt, in gewissen Fällen sei der Schlaf ein unentbehrliches Heilmittel zur Wiedergesundung. Das ist die Bedeutung des Wechselzustandes zwischen Schlafen und Wachen.«

Gehen wir von diesen Beobachtungen des »Hellsehers« aus, lässt sich folgende Arbeitshypothese formulieren: Während des Wachzustandes taucht die Seele des Menschen in den Leib, insbesondere in die Nerven- und Sinnesorganisation ein und bewirkt dadurch eben dieses Wachbewusstsein. Die Vorgänge, die sich während des Wachzustandes im Gehirn abspielen, sind auf die Aktivität der Seele im Leib zurückzuführen. Während des Schlafs arbeitet die Seele von aussen an der Nervenorganisation und bewirkt ebenfalls Vorgänge, die sich am Gehirn beobachten lassen. Auf diesem Wege werden die bewussten Erlebnisse während des Schlafs in den Ätherleib übertragen. Dieser Vorgang liegt der Erinnerung und dem Wiedererkennen zugrunde. Um die Entstehung der Erinnerung und generalisierter Vorstellungen zu erklären, müssen wir das Gehirn nicht zum handelnden Subjekt hypostasieren, wir können vielmehr davon ausgehen, dass das handelnde Subjekt seine Tätigkeit fortsetzt, auch wenn es vorübergehend unserer Beobachtung entzogen ist.

Originalpublikation: Manuela Friedrich, Ines Wilhelm, Jan Born, and Angela D. Friederici, Generalization of word meanings during infant sleep, Nature Communications, 29. Januar 2015

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