Waldorf aus Sicht einer Lehramtsstudentin

Von Sarah Estermann, April 2017

Ich befinde mich im letzten Semester meines Lehramtsstudiums für Neue Mittelschule, österreichisches Regelschulsystem. Im Herbst soll ich meine Arbeit an einer öffentlichen Schule aufnehmen. Bei dem Gedanken überkommt mich ein leichtes Unbehagen.

Seit mein Sohn in einen Waldorfkindergarten geht, spiele ich immer wieder mit dem Gedanken, noch einen Master in Waldorfpädagogik dranzuhängen. Was ist es, das mich an Waldorf so fasziniert, dass ich die Schule, für die ich ausgebildet wurde, am liebsten links liegen lassen würde?

Letztens bin ich auf eine heiße Spur gekommen: Waldorf, das ist eine Lebenseinstellung. Im Zentrum des Interesses stehen das Kind und die Bildung des Kindes. Dieses gemeinsame Bekenntnis führt zu einem außerordentlichen Zusammenhalt und zu einer Wertschätzung gegenüber der Schule, den Lehrern, aber natürlich auch gegenüber den Schülern und deren Eltern. Im öffentlichen System ist das anders. Die Schule ist das ungeliebte Stiefkind. Wie es scheint, hat »die alte Schule« vor langer Zeit aufgehört zu funktionieren – das muss sie aber, denn sie soll funktionierende Menschen hervorbringen. Die sollen dann nützliche Teilchen im großen Getriebe der Wirtschaft werden. Sind die von der Schule erbrachten Ergebnisse nicht zufriedenstellend, schraubt man ein bisschen hier und ein bisschen dort. Man testet. Wurden die Erwartungen nicht erfüllt, macht man zuerst einmal die Lehrer dafür verantwortlich. Auch wenn die für das Scheitern am wenigsten können – im Grunde genommen kämpfen sie völlig alleingelassen in einem System, in dem einfach gar nichts mehr stimmt. Alles hört sich so wunderbar an, solange man im geschützten Raum der Pädagogischen Hochschule oder der Universität vor sich hin studiert. Mit den besten Absichten kommt man hinaus in die reale Welt und dann kommt der große Crash: Ausgebrannte, zynische Kollegen, die ihren Frust an den Schülern auslassen, Schüler die ihren Frust weitergeben an die »Schwächeren«, meist jüngeren Lehrer, Eltern, die Schule für eine Aufbewahrungsstätte halten und sich darüber hinaus nicht im geringsten dafür interessieren. Düstere Aussichten? Oh, ja. Vor allem, weil kaum Besserung in Sicht ist. Was fehlt, sind keine Reformen und schon gar keine Reförmchen. Was fehlt ist ein gesellschaftliches Umdenken. Die Kinder und ihre Bildung müssen in den Mittelpunkt gestellt werden. Sie sind die Zukunft. Und was könnte es Wichtigeres geben?

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