Wir brauchen mehr Schulärzte

April 2012

Renate Karutz, Schulärztin an der Freien Waldorfschule Köln, stellt eine Initiative vor, mehr Ärzte aus dem schulischen Umfeld für die Tätigkeit als Kindergarten- und Schularzt zu gewinnen. Zu dem Initiativkreis gehören Claudia McKeen (Stuttgart), Martina Schmidt (Frankfurt) und Michaela Glöckler (Dornach).

Erziehungskunst | Frau Karutz, wenn es nach Rudolf Steiner geht, gehört an jede Schule ein Schularzt. Warum?

Renate Karutz | Von Anfang an liegt im Konzept der Waldorfschulen, dass die Wahrnehmung des einzelnen Kindes durch den Lehrer ergänzt werden sollte durch die Wahrnehmung des Arztes. Während der Lehrer beim Kind primär die geistig-seelische Ebene betrachtet, richtet sich der Blick des Arztes in erster Linie auf das Leiblich-Konstitutionelle. Erst aus der gemeinsamen Betrachtung ergibt sich ein wirkliches Verständnis für das Wesen und die Gesundheit des einzelnen Kindes, woraus dann pädagogische oder therapeutische Maßnahmen abgeleitet werden können. In Anbetracht der immer größer werdenden Zahl von Kindern mit Entwicklungsauffälligkeiten ist dieses Anliegen aktueller denn je.

EK | Wie eine Umfrage Anfang dieses Jahres zeigte, sieht es mit der schulärztlichen Versorgung an Waldorfschulen nicht gerade rosig aus. Woran liegt das?

RK | An vielen Schulen existiert bisher wenig Bewusstsein für die Möglichkeiten einer pädagogisch-medizinischen Zusammenarbeit, so dass vor allem in finanziell angespannten Situationen an den Schulen andere Schwerpunkte gesetzt werden. Andererseits gibt es viel zu wenig anthroposophische Ärzte, die sich inhaltlich und zeitlich die Zusammenarbeit mit einer Waldorfschule vorstellen können.

EK | Sie vermuten, dass es in der Elternschaft viele ausgebildete Ärzte gibt, die für eine Tätigkeit als Schularzt offen wären. Welche Beobachtungen haben Sie gemacht?

RK | Über Jahrzehnte hin habe ich mitverfolgt, dass etliche besonders stabile und fruchtbare Beziehungen zwischen Waldorfschule und Schularzt so zustande gekommen sind, dass sich (überwiegend) Ärztinnen aus der Elternschaft in eine schulärztliche Tätigkeit eingearbeitet haben. In den letzten Jahren wird auch auf den Schulärztetagungen in Dornach deutlich, dass sich mehr junge Frauen aus diesem Bereich für Schularztaufgaben interessieren.

EK | Müssten Schulärzte nicht eine Waldorf-Zusatzausbildung haben? Wie sähe ihre pädagogische Qualifikation aus?

RK | Wir haben während der letzten Jahre eine berufsbegleitende Weiterbildung für Kindergarten- und Schulärzte konzipiert, in der Grundkenntnisse in Anthroposophischer Medizin, Entwicklungsphysiologie und Waldorfpädagogik erworben werden. Dazu gehört der Austausch mit erfahrenen Pädagogen, aber auch Kenntnisse in Heileurythmie und Kunsttherapie. Es ist ein weitgefächertes Spektrum, das wir uns als »Ärzte für Präventivmedizin« aneignen müssen.

Kontakt: Dr. Renate Karutz, Lothringer Str. 40, 50677 Köln, E-Mail: R.Karutz(at)tobiashaus.de


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