Wissen wir, was wir wie spenden? Organtransplantation für die Oberstufe

Von Christel Traut, Oktober 2013

Das Thema Organtransplantation ist sehr komplex und wirft viele Fragen auf. Was kann der Mensch von seinem Körper, lebend oder tot, eigentlich alles spenden und wie tief greifen diese Spenden in seine Existenz ein?

Abgesehen von Samen- und Eizellspenden für die künstliche Befruchtung, fällt einem hierbei sofort die Blutspende ein. Seit der Mensch vor rund hundert Jahren gelernt hat, adäquat mit den Blutgruppen umzugehen, wurden mit gespendetem Blut schon viele Leben gerettet. Bei der Blutspende werden dem Spender bis zu 500 ml Blut aus der Vene genommen und nach Blutgruppen sortiert auf Vorrat aufbewahrt. Der Empfänger baut das Spenderblut innerhalb von drei Monaten wieder ab und ersetzt es – wenn alles gut geht – durch sein eigenes Blut. Es handelt sich also um ein Geschenk, das dem Spender nicht schadet und für den Empfänger eine große Hilfe sein kann, Notfallsituationen mit Blutarmut zu überbrücken.

Die erst ca. 45 Jahre praktizierte Knochenmarkspende greift schon deutlich tiefer ein. Der potenzielle Spender muss sich zuerst typisieren lassen, das heißt, dass die Gewebemerkmale des Blutes sehr genau bestimmt werden, damit es beim Empfänger nicht zu Abstoßungsreaktionen kommt. Dem Knochenmarkspender wird zum Beispiel unter Vollnarkose etwa ein Liter Knochenmark-Blutgemisch aus dem Beckenkamm entnommen. Hierfür wird der Spender für ein paar Tage stationär in einem Krankenhaus aufgenommen. Der Empfänger von Knochenmark, der typischerweise an einem aggressiven Blutkrebs leidet, durchläuft vor der Transplantation eine sogenannte Konditionierung, das heißt, er bekommt eine hoch dosierte Chemotherapie mit evtl. einer Ganzkörperbestrahlung. Dabei werden die kranken Zellen zerstört und gleichzeitig das gesamte eigene Abwehrsystem abgetötet, um Abstoßungsreaktionen nach der Transplantation zu vermeiden. Die Übertragung der Blutstammzellen erfolgt dann mittels einer Infusion. Die Zellen finden ihren Weg ins Knochenmark von selbst. Nach zwei bis vier Wochen gibt es dann erste Anhaltspunkte dafür, ob die neuen Stammzellen ihre Aufgabe erfüllen und gesunde Blutzellen bilden.

Der Spender, der den Eingriff in der Regel problemlos verarbeitet, und der Empfänger, der durch die Knochenmarkspende zumeist ein lebensrettendes Geschenk erhält, lernen sich in der Regel nie kennen, obwohl sie nun so eng verbunden sind, dass sie das gleiche Knochenmark und damit auch Immunsystem haben. Der Empfänger baut das fremde Knochenmark, wenn alles gut geht, ohne Abstoßungsreaktionen vollständig in seinen Organismus ein, auch wenn hierzu, zumindest vorübergehend, Medikamente zur Unterdrückung des Immunsystems notwendig sind.

Die sogenannte Lebendspende von Organen, hierfür kommen die Nieren und Teile der Leber in Betracht (die Leber kann in Teilen nachwachsen) geht noch mal einen Schritt weiter. Dies wird daran deutlich, dass der Körper des Empfängers auf die fremden Organe nun mit starker Abstoßung reagiert. Deshalb muss der Empfänger dann lebenslänglich Tabletten schlucken, die sein Immunsystem unterdrücken. Abgesehen davon kann die Lebendspende auch für den Spender deutlich problematischer sein, als es in der Regel öffentlich dargestellt wird. Dies beschreibt zum Beispiel die Pilotin Christiane Geuer sehr eindrücklich, die nach einer Nierenspende an ihre Mutter berufsunfähig wurde (TAZ Nr. 9952,9.11.2012 S. 05).

Im nächsten Schritt sind wir bei der Organspende der Sterbenden, die aus zweckdienlichen Gründen seit 1968 zu Toten erklärt werden, den sogenannten »Hirntoten«. Laut Definition gilt der Mensch als »hirntot«, sobald alle seine Gehirnfunktionen ausfallen, wobei Stoffwechsel und Blutkreislauf durchaus noch intakt sind und für eine potenzielle Organentnahme auch möglichst lange aufrecht erhalten werden müssen. Die gewünschten Organe zum Beispiel Leber, Herz, Lunge, Niere, Augen, Magen, Darm, Bauchspeicheldrüse usw. werden dann dem noch lebenden, (hoffentlich) narkotisierten Körper des Sterbenden entnommen. Der Empfänger bekommt in einer großen Operation zuerst sein krankes Organ herausgenommen und dann das noch lebensfrische, dem Spender gerade erst entnommene Organ eingesetzt. Damit sein Organismus das fremde Organ nicht abstößt, muss der Empfänger sein Leben lang viele, teure Tabletten schlucken.

Da erst das Sterben eines anderen Menschen diese Therapieform ermöglicht, stellen sich an dieser Stelle viele ethisch-moralische Fragen. Entsprechend wird es spätestens jetzt auch interessant, welches Welt- und Menschenbild wir haben. Gehen wir davon aus, wie es die Transplantationsmedizin tut, dass unser menschliches Leben ausschließlich von unseren Gehirnfunktionen abhängt, dann ist das Leben mit dem kompletten Versagen des Gehirns, dem sog. »Hirntod«, tatsächlich zu Ende. Nach dem Motto »Stecker raus – Fernseher aus« kann man dann den Rest der »Maschine« problemlos noch sinnvoll weiter verwerten. Deutlich schwieriger wird es, wenn wir unseren Körper als Geschenk oder Tempel Gottes sehen oder sogar noch zusätzlich von einem vorgeburtlichen und einem nachtodlichen Leben ausgehen und den Körper als Instrument der Seele betrachten, den sich diese im vorgeburtlichen Leben individuell aufgebaut hat, wie es zum Beispiel Rudolf Steiner beschreibt (zum Beispiel GA 218, 3. Vortrag oder Karmavorträge). An dieser Stelle würden sich dann auch die Fragen stellen, wie der Spender die Organspende von der geistigen Welt aus erlebt, bzw. welche weitere Schicksalsbeziehung Spender und Empfänger auf diese Weise eingehen (ca. 95 % der deutschen Spender haben nie selbst über eine evtl. spätere Organentnahme entschieden) und nicht zu vergessen, welche Schicksalsrolle die Ärzte dabei spielen.

Stellt man das Hirntodkonzept in Frage, muss man konsequenterweise die gesamte Praxis der Organtransplantation in Frage stellen. Das folgende Beispiel zeigt, an welch brisanter Stelle wir mit diesen Fragen zur Zeit stehen:

Der international renommierte Neurochirurg, Gehirnspezialist und Havard-Dozent, Dr. Eben Alexander erkrankte 2008 an einer seltenen Hirnhautentzündung und fiel ins Koma, wobei seine Gehirnfunktionen nach und nach vollständig ausfielen. Nach sieben Tagen erwachte er, den die behandelnden Ärzte schon aufgegeben hatten und wurde auch wieder ganz gesund. Er berichtet nun in seinem erst kürzlich auf Deutsch erschienenen Buch »Blick in die Ewigkeit« über seine faszinierenden Erlebnisse im Jenseits und wie diese intensive Nahtoderfahrung seine Sicht auf Leben und Tod vollständig verändert hat.

Da Dr. Alexander auf seinem Gebiet eine Kapazität ist, kann man nur hoffen, dass auch seine Fachkollegen seine Geschichte ernst nehmen und die zur Zeit anerkannte Lehrmeinung des sogenannten »Hirntodes« noch einmal neu hinterfragt wird. Dr. Alexander stellt fest, dass das Leben nach dem Tod nicht zu Ende ist und dass es ein Bewusstsein gibt, welches nicht an das Gehirn gebunden ist. Interessanterweise hat u.a. Rudolf Steiner dies vor rund hundert Jahren durch seine geisteswissenschaftlichen Forschungen auch herausgefunden.

Aufgrund dessen, dass immer erst ein Mensch sterben muss, damit ein anderer weiterleben kann und außerdem viel Geld im Spiel ist, rückt die Organtransplantation schnell in eine moralische Grauzone, wo auch Missbrauch nicht weit ist. In China zum Beispiel, wo es kaum freiwillige Organspender gibt, werden trotzdem nach den USA die meisten Organe verpflanzt. Es ist ein offenes Geheimnis, dass in China die Gefängnisse mit den Transplantationskliniken eng verzahnt sind. Das heißt die Gefangenen werden auf Bestellung getötet. Die Wartezeit auf ein relativ günstiges Organ beträgt entsprechend nur wenige Wochen. Die Transplantationen werden von gut ausgebildeten chinesischen Ärzten durchgeführt, die ihre Ausbildung in Europa, auch in Deutschland, erhalten haben. Die dazugehörigen immunsystemunterdrückenden Medikamente stammen ebenfalls aus dem Westen (Martina Keller in DIE ZEIT vom 15.03.2013: »Organhandel: Herz auf Bestellung«). So können gut betuchte Patienten aus aller Welt in China schnell und günstig zu neuen Organen kommen.

Ist dies nun als Verbrechen zu betrachten oder ein Beispiel für gute internationale Zusammenarbeit zum Wohle der Patienten?

Nach dem Tode fängt es dann mit den Spendenmöglichkeiten erst so richtig an. Die Verwertung und Aufbereitung von Leichenteilen für die Gewebetransplantation (= Gewebespende) ist in der Medizin schwer im Kommen. Das sogenannte »Tissue Engineering«, mit dessen Hilfe Leichenteile zu High-Tech-Produkten veredelt werden, ist eine Wachstumsbranche. Die aus einem einzigen Spender gewonnenen Transplantate verteilen sich hier statt auf wenige Empfänger mitunter auf sechzig Personen und mehr und werden möglicherweise in verschiedenen Ländern verkauft. In den USA, wo es besonders viele Firmen gibt, wird der Wert aller menschlichen Körperteile aus einer Leiche auf 250.000 Euro geschätzt, wobei die Zahl der Anwendungen ständig wächst (aus: Martina Keller »Ausgeschlachtet – die menschliche Leiche als Rohstoff«). Damit der Nachschub an Leichen nicht ausgeht, stimmt man seit einigen Jahren bei der Unterzeichnung eines Organspenderausweises praktischerweise auch der Gewebespende zu.

Handelt es sich hierbei um Leichenschändung, Störung der Totenruhe und gewissenlose Geschäftemacherei, oder um eine sinnvolle Rohstoffverwertung zum Wohle der Menschheit?

Abschließend möchte ich allen Interessierten das Buch von Anna Bergmann: »Der entseelte Patient: Die moderne Medizin und der Tod« empfehlen. In diesem unter die Haut gehenden Werk werden die geschichtlichen und weltanschaulichen Hintergründe sowie die praktische Seite der Transplantationsmedizin ausführlich dargestellt.

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