Interkultureller Brückenschlag

Von Gilad Goldshmidt, Dezember 2011

Die Waldorfschule Tamrat el Zeitun in Shefaram, im arabischen Teil Israels, leistet soziokulturelle Pionierarbeit

Geteilte Freude bei einer Einweihungsfeier in Shefaram

Waldorfschulen werden von Menschen gebaut. In der Shefaram Waldorfschule waren es drei: Mazen Aiub. Er ist ein erfahrener Lehrer und Schuldirektor. Mazen war lange Jahre mit einigen Waldorflehrern in Harduf befreundet (ein Nachbarort, in dem die erste Waldorfschule in Israel entstanden ist) und lernte die Anthroposophie kennen. Er fasste den Entschluss, eine arabische Waldorfschule für die Kinder in Shefaram zu gründen. Seinen Traum teilten Stefanie Allon, eine erfahrene Kindergarten­er­zieherin, die lange für die arabisch-jüdische Zusammenarbeit im Erziehungsbereich arbeitete, und Ori Ivri, ein Waldorflehrer der Hardufschule. 

Ausbildung für arabische Lehrer

Die Idee war, eine Waldorfschule als Erziehungs- und Kulturstätte für die Kinder im arabischen Sektor in Galiläa aufzubauen. Die Initiative hat im Jahr 2003 mit einem kleinen Kindergarten in Shefaram begonnen. Gleichzeitig wurde eine Waldorflehrer- und Kindergartenausbildung für Menschen im arabischen Sektor in Galiläa aufgebaut. Die Ausbildung sollte sich an den spezifischen Bedürfnissen der künftigen arabischen Lehrer orientieren, zum Beispiel wurden einige Stunden auf Arabisch unterrichtet und das anthroposophische Studium bezog sich mehr auf die praktische Pädagogik.

Die Arbeit im Kindergartenbereich war erfolgreich und im Jahr 2007 nachdem schon zwei volle Kindergartengruppen und eine kleine Krabbelgruppe bestanden, wagten wir, mit der Schule anzufangen. Die erste Lehrerin war Lahna Hisballa, eine erfahrene Kunstlehrerin einer städtischen Schule, die das Waldorfseminar absolviert hat und mit viel Mut und Begeisterung die erste Klasse übernahm. Lahna, eine kräftige, warmherzige und initiative Frau, musste sich mit vielen Fragen, die erstmals bei uns auftauchten, auseinandersetzen. Sie musste den Kindern die schwierige arabische Schrift beibringen, die Spaltung zwischen der geschriebenen und der gesprochenen arabischen Sprache überbrücken, sich entscheiden, was für ein Symbolsystem sie beim Rechnen benutzt, Kunst als Methode in einen Kulturraum tragen, in dem diese nur als untergeordnetes Medium betrachtet wird und vieles mehr. Doch sie führte die kleine erste Klasse mit Begeisterung und heute – nach fünf Jahren – stehen wir mit fünf Klassen da, mit mehr als 150 Kindern, die eine gute Waldorfpädagogik genießen.

Man kann nur staunen, wenn man an die schweren Aufgaben denkt, mit denen sich die Lehrer, Eltern, der Initiativkreis und die Kinder auseinandersetzen müssen. Ein Waldorfimpuls im arabischen Kulturraum wird mit Fragen und Aufgaben konfrontiert, die wir im jüdischen Sektor in Israel nicht einmal erahnen können. Dazu einige Beispiele.

Eine Schule für alle Religionen

In Shefaram leben Menschen aus drei Religionen: Muslime, Christen und Drusen (bis zum 19. Jahrhundert lebten auch Juden hier – im Zentrum der alten Stadt stehen eine Kirche, eine Moschee und eine Synagoge dicht beieinander). Doch in den letzten Jahren entfernen sich die drei Religionen in der Erziehung: Es gibt kaum noch Schulen mit Kindern unterschiedlicher Religionszugehörigkeit. Diese Tendenz zeigt sich auch in der Kultur und den zwischenmenschlichen Beziehungen. Die Waldorfschule nimmt Kinder aus den drei Religionen auf und versucht, sie allgemeinmenschlich zu erziehen. Die Feste sind deswegen eine besondere Herausforderung: Wir feiern alle Feste der drei Religionen zusammen mit allen Kindern. Der Religionsunterricht ist in solch einer Situation eine große Herausforderung.

Frauen spielen die Hauptrolle

Die moderne arabische Kultur kämpft um die Rolle der Frau – in der Familie, im kulturellen Leben und in der Wirtschaft. Die Tradition benachteiligt die Frauen, sie dürfen sich nicht öffentlich zu Wort melden und kaum Verantwortung für sich übernehmen. In der Schule stehen jedoch hauptsächlich Frauen an der Front: Klassenlehrerinnen und Fachlehrerinnen sind die Regel und Frauen schicken die Kinder zu uns. Die Schule wird so zu einem Ort, wo die Frauen ihre Selbstständigkeit und ihre Talente ausdrücken können, eine Tatsache, die Ursache für viele unterschiedliche Konflikte ist.

Wirtschaftliche Probleme

Die Schule ist letztes Jahr nach harten Kämpfen und Auseinandersetzungen vom Erziehungsamt als private Schule anerkannt worden, Die Eltern müssen Schulgeld zahlen, denn der Staat finanziert nur die Hälfte der Schulkosten. Vielen Eltern fällt das schwer. Dazu kommen die Investitionen, die auch bezahlt werden müssen.

Kollegiale Leitung schwierig

Von Anfang an fühlen wir uns der Idee der kollegialen Leitung und der Erziehung aus und in Freiheit verpflichtet, aber diese Ideale sind äußerst schwer zu verwirklichen. Die arabische Kultur trägt ein sehr starkes Autoritätsprinzip in sich. Vor allem die Eltern, aber auch die Behörden und die Lehrer, die nicht durch die Waldorfausbildung gegangen sind, verlangen – bewusst und unbewusst – nach Autorität. Eine freie Schule, die von den Lehrern in Eigenverantwortung getragen wird, lässt sich nur durch langwierige Auseinandersetzungen mit der Elternschaft, den Vereinsvorständen und auch unter den Lehrern aufbauen.

In ihren acht Jahren hat die Initiative viel Erfolg gehabt, vor allem im pädagogischen Bereich, mit den Kindern. Aber wir sehen auch, dass die größten Schwierigkeiten und Herausforderungen, mit denen wir zu kämpfen haben, im kulturellen Bereich liegen. So wird die Schule zu einer Stätte der soziokulturellen Veränderung, eine Tatsache, die viel Begeisterung und Freude mit sich bringt, aber auch harte Arbeit.

Zum Autor: Gilad Goldshmidt ist einer der vier Leiter des israelischen Forums der Waldorfschulen und war Gründungslehrer der Waldorfschule Harduf