Die Bildsprache des Spiels

Von Maria Luisa Nüesch, Gerda Salis Gross, Juni 2012

Die Sprache des Herzens spricht weder beim Puzzle noch beim Computerspiel oder bei den Olympischen Spielen. Maria Luisa Nüesch vom Verein Spielraum-Lebensraum e.V. und Gerda Salis Gross, Waldorflehrerin und Sonderpädagogin für Spiel und Spielforschung, zeigen, wie Kinder im freien Spiel Erfahrungen verarbeiten.

Fotos: Marie Luisa Nüesch

Wenn das Herz im Spiel ist, geht es um Beziehung. In der ersten Stunde nach der Geburt ist das Kind besonders offen dafür. Es sucht den Blick der Mutter und taucht völlig darin ein. Dieser Vorgang wird »Bonding« genannt, aber auch »Augentanz«. Die erste Lebensstunde ist wie ein Urbild des Spiels, mit allem, was dazu gehört: Ruhe, Ungestörtheit, Zugehörigkeit, Verbundenheit, Geborgenheit, Liebe, Berührung. Es liegt ein Zauber, eine Art Heiligkeit darüber.

Das ursprüngliche Spiel knüpft an diese Erfahrung an. Ethnologen fanden bei Naturvölkern, die noch als Sammler lebten, dass deren Kinder keinerlei Spielsachen hatten. Das einzige Spiel, das beobachtet werden konnte, war das Balgen, so wie junge Tiere spielen. Dabei gibt es kein Konkurrenz­verhalten. Das Spiel ist – auch wenn es sehr intensiv sein kann – immer rund und weich, liebevoll. Fred Donaldson hat bei kleinen Kindern und wild lebenden Tieren dieses Spiel ebenfalls wiedergefunden und ist dadurch Spielkamerad von vielen Menschen jeden Alters auf der ganzen Welt geworden. In diesem ursprünglichen Spiel liege der Schlüssel zum Umgang mit Aggression und Gewalt, denn es lebe reine Friedenskraft darin, sagt Fred Donaldson.

Sobald der Konkurrenzgedanke und das Miteinandervergleichen ins Leben der Kinder tritt – und der Wettbewerb durchdringt heute unsere Gesellschaft durch und durch –, kommen Angst und Misstrauen, Verhärtung und Abwehr. Schon bei drei- und vierjährigen Kindern, besonders Jungs, sind Angst und Aggression überwältigende Themen. Weil sie Angst haben, stören sie, können nicht zur Ruhe kommen und kommen auch nicht ins Spiel.

Das Kind kann in der heutigen Zeit nur bestehen, wenn es immer wieder, möglichst täglich, innerlich zu dieser »ersten Stunde« zurückkehren kann. Findet es einen solchen Ort der Sicherheit, des vorbehaltlosen Angenommenseins? Auf dieser Basis ist ursprüngliches Spiel möglich. Das »innige Spiel«, wie es hier geschildert wird, hat dieselbe Ursprünglichkeit und Einzigartigkeit. Oft geht das ursprüngliche Spiel unmittelbar über ins innige Spiel. Eine Tür zu verborgenen Innenräumen öffnet sich.

Das Schicksal verarbeiten

Es geht mehr und mehr darum, geschützte Orte zu schaffen, an denen sich Kinder so sicher und geborgen fühlen, dass sie ihr innerstes Wesen zeigen dürfen, es wagen dürfen, so zu sein, wie sie eigentlich sein möchten. Manche Kinder brauchen dazu eine lange Anlaufzeit. Doch auf einmal kommen sie in Fluss und spielen und spielen und spielen. In solchem Spiel, das von innen kommt, kann dann auch die Sprache des Herzens durchklingen. Es ist echt und wahr und kann nur von diesem Kind in diesem Moment so gespielt werden. Das kann sehr berührend sein.

Im Folgenden seien zwei Kinder geschildert, die beide zweieinhalb Jahre alt sind. Beide sind sprachlich sehr fortgeschritten und überwach.

Ein Junge, dessen Mutter eine belastete, stressreiche Schwangerschaft gehabt hat und unruhig und aggressiv ist, nistet sich in einem Berg kardierter Wolle ein. Er ist fast nicht mehr zu sehen. Da drinnen ist er für seine Verhältnisse unglaublich lange ruhig. Er fühlt sich offensichtlich warm und geborgen. Dann stopft er die Wolle in den Krabbeltunnel, kriecht selber hinein, kämpft sich durch sie hindurch wie durch einen Geburtskanal und kommt in einer vollendeten Drehung »zur Welt«. Er wiederholt das Ganze noch zwei Mal. Sein Gesicht ist weich und entspannt. Er wirkt etwas erschöpft, aber sehr zufrieden. Hat er etwas nachgeholt? Er ist ein Kaiserschnittkind.

Sein belasteter Lebensbeginn kommt mir auch in einem anderen seiner Spiele entgegen. Er kriecht in unser »Haus«, eine große Möbeltransportschachtel mit Fenstern und einer gerundeten Türe. Hier drin ist es ihm möglich, etwas zur Ruhe zu kommen. Er hat sonst die Angewohnheit, wie ein Wirbelwind durch das Zimmer zu sausen, eine Chaos-Spur hinter sich her zu ziehen, nie länger bei etwas zu verweilen, denn wenn etwas nicht gleich gelingt, verwirft er es wieder. Er konnte eben auch seine Geburt nicht »zu Ende bringen«, er hatte damals keine Führung und keinen Halt durch den Geburtskanal und in der Folge, wie viele Kaiserschnittkinder, Mühe, Grenzen anzuerkennen. Zugleich sind diese Kinder auch originell. Lange Zeit war es niemandem in den Sinn gekommen, dieses Karton-Haus nicht nur einfach auf dem Boden zu lassen. Nur drei Kinder (alles Kaiserschnittkinder) brachten es fertig, das Haus völlig auf den Kopf zu stellen, es oben und unten zu öffnen und es beispielsweise als Tunnel zu gebrauchen. Und was spielte nun dieses Kind?

Es wünschte sich, dass ich und die Mama es in diesem Haus herumschieben sollten. Es nannte das »Herumgehen mit mir drin«. Das Kind hatte das Haus dabei auf die Seite gekippt, so dass ein Fenster oben war. Nun kam es der Mutter in den Sinn, die Hand da oben durch die Öffnung zu stecken, zu ihm hinein. Es reagierte panisch. »Nein, nein, das darfst Du nicht, gar nichts darf oben hinein kommen«. Ich hatte von einem andern Kind gehört, das ähnlich reagiert hatte in einer Spiel-Höhle aus Tüchern; es hatte große Angst, dass oben ein Loch in die Höhle gemacht würde, dann dringe plötzlich helles Licht herein und eine Hand komme und packe es und reiße es heraus. Eine genaue Schilderung der Kaiserschnittgeburt. Wir verschlossen das Fenster gut, deckten noch ein Tuch darüber und versicherten ihm, niemand werde es je wieder hier öffnen.

Ein kleiner Junge, dessen Mutter ebenfalls eine äußerst belastete Schwangerschaft durchlebt hatte, mit vielen, vielen Ultraschalluntersuchungen und Ängsten, das Kind zu verlieren, zog gern seine langen Hosen aus, damit die Beine schön nackt waren. Dann wickelte er sich in ein langes rosa Seidentuch. So wollte er in der Hängematte geschaukelt werden, oder die Mutter musste ihn auf ihrem Schoß wiegen und beruhigende Lieder für ihn summen. Sein Spiel sagte: »Ich muss das nachholen: Hülle, Geborgenheit, Ursicherheit«. Seither konnte dieses ebenfalls rastlose Kind, das sich nicht selbst regulieren konnte, nach und nach selber winzige Pausen einlegen.

Die wenigen Beispiele zeigen: Kinder können im Spiel »erzählen« und verarbeiten, was sie beschäftigt. Diese Spielsprache verstehen Erwachsene, wenn sie ihr Herz öffnen.

Schulkinder sind nicht zu alt dafür

Immer wieder höre ich Mütter, Väter und auch Pädagogen sagen: Spielen? Ja, ja, für die Kleinen ist das schon wichtig, aber nicht für die Großen. Ganz andere Erfahrungen haben wir mit Schulkindern gemacht.

Ein Mädchen, das als Säugling arg vernachlässigt worden war und wiederholt einen ganzen Tag lang kein Essen bekommen hatte, zeigte große Mühe, sich in der Schule einzuordnen. Es war ihr kaum möglich, sich an das Gruppen­­- geschehen anzupassen und sich auf die Schularbeiten einzulassen. Sie brauchte sehr viel Einzelbetreuung. Mit zwölf Jahren begann sie in einer Einzelstunde zu spielen, dass sie auf einer Insel lebte. Dieses Spiel ging über mehrere Wochen hinweg. Von zu Hause schleppte sie Rucksäcke und Taschen voll mit leeren Essensverpackungen an: Pizzaschachteln, Marmeladengläser, Eierschachteln, Reis- und Schokoladenverpackungen. Sie baute damit einen Laden und konnte jetzt von der Insel aus immer so viel einkaufen, wie sie wollte. Sie hatte immer genug zu Essen. Auf der Insel richtete sie sich häuslich ein und ging von dort aus auch in die »Schule« (zu einem Tisch, der vor der Wandtafel stand). Manchmal war sie Lehrer, manchmal Schüler. Entspannt und konzentriert konnte sie – befreit von allen Erwartungen – einen ganzen Vormittag arbeiten: Rechnen, Schreiben, Lesen, was ihr im Klassenzimmer immer noch nur sehr begrenzt möglich war.

Die Bildsprache des Spiels ist manchmal leicht zu ver­stehen, wie bei diesem Mädchen. Oft verstehen wir jedoch nicht, noch nicht. Es bleibt ein Rätsel und nicht jedes Rätsel ist einfach zu lösen. Es braucht Geduld und Hingabe und, weil es eben ein lebendiges Kinder-Rätsel ist, viel Liebe.

Literatur: Maria Luisa Nüesch: Spiel aus der Tiefe. Über die Fähigkeit der Kinder, sich gesund zu spielen, Schaffhausen 2004

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