Ein Garten für Kinder. Elterninitiative in Wahlwies bringt Kindern die Natur nahe

Von Susanne Kiener, Daniel Schaarschmidt, Juli 2017

Oktober am Bodensee. Die Herbstsonne scheint und die Erde dampft. Wir sind mit unseren neuen Vorschulkindern im Garten verabredet. Die Kürbisernte steht an.

Foto: © Susanne Kiener und Daniel Schaarschmidt

Foto: © Susanne Kiener und Daniel Schaarschmidt

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Nach kurzer Zeit wuselt es in allen Ecken und die Kinder schleppen ihre Beute durch den Garten. Dann beginnt das Zählen, Messen und Verteilen. Die schönsten Exemplare werden in die Gruppenräume getragen und traditionell bekommt auch die erste Klasse einen Kürbisgiganten für ihren Jahreszeitentisch – diese Schüler hatten den Samen im Frühjahr in die Erde gesteckt. Gemeinsam kochen die Kinder mit den Erzieherinnen Suppe aus den geernteten Kürbissen. Die Samen werden im Zuge der Zubereitung gewaschen, getrocknet und bis zum nächsten Frühjahr aufbewahrt. Und an dieser Stelle kommt immer wieder die Frage: Wie entsteht eigentlich ein Kürbis?

Ein Gartentag im »KinderSinnesGarten« beginnt bei uns zu jeder Jahreszeit mit einem ausführlichen Rundgang. Wir betrachten gemeinsam die Pflanzen in ihren Entwicklungsstadien. Von der Aussaat über das Keimen, das erste zarte Wachsen, die Knospenbildung, das Erblühen, den Fruchtansatz bis hin zur Ernte, das Absterben und die Samenbildung können die Kinder den Kreislauf der Natur ganzheitlich er- und begreifen.

Der Kürbis ist dafür ein eindrückliches Beispiel. Überhaupt ist die Zeit der Saatgutgewinnung immer wieder ein spannendes Erlebnis für die Kinder: Neben den ovalen, glatten Kürbiskernen liegen dann die kleinen Würmchen der Ringelblume, die symmetrischen Perlen der Malve (aus denen auch gerne Ketten gebastelt werden), die kleinen haarigen Schirmchen der Kornblumen oder die rosa gesprenkelten, dicken Kerne der Feuerbohnen – hier wird Vielfalt erlebbar. Die Kinder säen ab Mai die Kürbissamen direkt in unsere Hügelbeete und nach kurzer Zeit kann man beobachten, wie sich die eindrücklichen Keimblätter aus der Erde schieben. Fast täglich ist eine Veränderung erkennbar. Wenn sich dann die ersten Blätter gebildet haben, der Stängel dicker wird und eine kratzige Behaarung ausbildet, hat es die Pflanze meist geschafft. Jetzt ist – bei geeigneter Witterung – ein gigantisches Wachstum zu beobachten. Jeden Tag bilden sich neue Ranken und die Pflanze nimmt mehr und mehr Raum ein. Die ersten gelben und orangenen Blüten öffnen sich, der ganze Hügel ist überwuchert und die Pflanzen hangeln sich unaufhaltsam an den Zäunen entlang. Mit Kinderaugen betrachtet entsteht so innerhalb kürzester Zeit ein imposanter, undurchdringlicher Pflanzendschungel. Wenn die Kinder dann aus den Sommerferien zurückkommen, fallen die riesigen, bunten Früchte beim Rundgang sofort ins Auge und der Kreislauf beginnt mit der Ernte und der Verarbeitung von neuem.

Vielfalt im »KinderSinnesGarten«

Unser »KinderSinnesGarten« besteht seit Januar 2014 auf einem brach liegenden Stück Wiese gegenüber dem Waldorfkindergarten Wahlwies. Eingerahmt von einer Wildfruchthecke gedeihen hier süße Erdbeeren, duftende Kräuter und Bienenstauden, roter Mangold, große Kürbisse, leuchtende Wildblumen, lila Bohnen und ein Dschungel aus mannshohen Stauden. Von jeder Gruppe wird ein Tischbeet bewirtschaftet, in dem Kresse, Möhren oder Zuckerschoten gedeihen. Das Herz des »KinderSinnesGarten« bilden der mit Weiden eingewachsene Sandkasten und eine kleine Feuerstelle. Totholzhecken, Lehm- und Steinhaufen bieten Tieren Unterschlupf. Selbstgebaute Nisthilfen, Wildpflanzenbeete und Insektentränken schaffen Raum für die Entwicklung von Mensch, Tier und Pflanze. Unser vielfältiger, sortenreicher, naturnaher und kindgerechter Garten soll elementare Erlebnisse, Eindrücke und Erfahrungen für alle Sinne bieten. Wir möchten den Kindern schon früh zeigen, wie vielfältig unsere Pflanzen- und Tierwelt ist, wie alles zusammenhängt. Säen und Zwiebeln stecken, Pflanzen beim Keimen beobachten, mit den Händen in der Erde wühlen und leckere Früchte pflücken – gärtnern macht Kindern Spaß.

Zudem soll der »KinderSinnesGarten« als Brücke zur benachbarten Waldorfschule und dem Pestalozzi-Kinderdorf sowie zur angrenzenden Nachbarschaft fungieren. Der Zugang ist öffentlich und vom Kindergarten getrennt. Das Projekt basiert auf einer Elterninitiative und wird unabhängig vom Kindergartenbudget durch Spenden realisiert.

Die Farben der Natur

Bei der Gestaltung des »KinderSinnesGarten« orientieren wir uns am Farbkreis. Die vorgegebene runde Form haben wir in sieben Segmente aufgeteilt. Links neben dem Garteneingang, der von einem Rosentor gebildet wird, befindet sich das grüne und weiße Segment. Hier herrschen die unbunten Pflanzen vor, es gedeihen viele grüne Kräuter mit eher unscheinbaren Blüten, wie zum Beispiel Estragon, verschiedene Minzen, Angelika ... Ein riesiger Gewürzfenchel mit seinem fiedrigen, filigranen Laub kontrastiert mit einem massigen Rhabarber neben einer grünen Stachelbeere, weißem niedrigem Beinwell, weißem Lavendel, Melisse, Phloxen und Malven. Der grüne Bereich geht nahtlos in das gelbe Farbsegment über. Hier dominiert ein mächtiges Topinamburfeld. Staudensonnenblumen, Alant, Fuchsbohne, gelbe Taglilien und zwei gelbe Rosen ergänzen diesen Bereich. Im Frühjahr blühen zudem als erstes gelbe Krokusse und Schlüsselblumen. Daran anschließend befindet sich neben dem Kompost der orangene Bereich. Tag- und Nachtlilien blühen hier neben einem imposanten Federmohn, Calendula, einer Mirabelle und Hokkaidokürbissen eingefasst von Weidenelementen. Der rote Bereich ist geprägt von dem gewaltigen Erdbeerhügel, auf dem auch dunkelrote Stockrosen und rote Melde wachsen. Umrahmt wird dieser von Johannisbeeren, roten Monarden, Klatschmohn und Montbretien. An dieser Stelle ist der Übergang fließend in den magentafarbenen Abschnitt mit einer alten Rosensorte, echtem Herzgespann, Herbstastern, Verbenen, Himbeeren und Staudenknöterich.

Es schließt sich das purpurfarbene Segment an. Hier wachsen am Zaun entlang dunkle Brombeeren, Malven, Josta- und schwarze Johannisbeeren, eine Kletterrose und eine lila Clematis. Mit dem blauen Beet schließt sich der Kreis. Hier finden sich blaue Wegwarten, Iris, Lavendel, Storchenschnäbel, Kugeldisteln, ein Schmetterlingsflieder, Phloxe, Ysop, Glockenblumen und blauer Beinwell. Die Mitte mit dem »Dschungel« bildet ein buntes, farbiges Zentrum, das mit dem mit Weiden umwachsenen Sandkasten kontrastiert.

Die Umwelt unserer Kinder ist heute oft schnell, unruhig und virtuell. Arbeit im Garten, in der Natur regt alle Sinne an und hilft dem Kind, sich zu »erden«. Leben zieht Leben nach, blühende Pflanzen ziehen Insekten an, die Vögel folgen, die Vielfalt der Natur wird erlebbar, der Kindergarten wird zum Kinder-Garten.

Zu den Autoren: Susanne Kiener und Dr. Daniel Schaarschmidt sind im Vorstand der Freien Waldorfschule Wahlwies und initiierten 2014 ehrenamtlich den »KinderSinnesGarten« auf einem Stück brach liegender Wiese.

Kommentare

Brokop Ulla, Hergenrath, Belgien, 03.07.17 15:07

ein wirklich schönes Projekt und ein
informativer Artikel

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