Grundgesten des Lebens

Von Claudia Grah-Wittich, Oktober 2017

Wie auch immer die Familie aussieht, es kommt darauf an, die Selbstbestimmung und Beziehungsfähigkeit des Kindes zu fördern.

Foto: © afromatte / photocase.de

Wir können heute nicht mehr von einem einzigen, allgemeingültigen Familienmodell ausgehen. Und doch gibt es Urgesten des Mütterlichen und Väterlichen, die den Nährboden der Entwicklung des Kindes bilden und die unabhängig von den äußeren Formen bestehen.

In der Beratung von Familien und in der Begegnung mit ihnen ist es immer wieder überraschend, wie sie zusammen leben. Vater mit Kindern aus erster Partnerschaft? Mutter mit Kindern aus zweiter Partnerschaft? Oder es bringen beide Kinder mit in ihre Beziehung, sind verheiratet oder auch nicht? Sie leben seit Jahren zusammen, aber er nennt die Mutter seiner Kinder Freundin und sie ihren Partner ihren Mann. Alleinerziehend, einvernehmlich mit geteiltem Sorgerecht oder in Streit mit gerichtlich erzwungenem Umgang. Oma zieht die Kinder groß, die Kinder wohnen mehr oder weniger dort, nur am Wochenende bei den Eltern. Schließlich verschiedene religiöse, kulturelle und weltanschauliche Hintergründe … Es gibt nichts, was es nicht gibt – und wenn wir die für die Kinder so wesentliche Bindungsqualität und das innere Beziehungsgeflecht der Bezugspersonen anschauen, dann wird deutlich: Wir können längst nicht mehr von einem Familienmodell ausgehen. Jede Familie hat ihr eigenes Gesetz, ihre eigene Hülle, in der jede individuelle Entwicklung in ihrer Dynamik geprägt wird von dem jeweiligen soziokulturellen Hintergrund.

Was aber bleibt bei aller Vielfalt immer gleich? Jedes werdende Menschlein braucht einen Zeugungsakt – oder besser: zwei Zeugen für seinen »Akt«. Die zwei Protagonisten dieses Geschehens sind und bleiben die komplementären Elemente in Form einer weiblichen, hüllenden,  ruhenden Qualität, der Qualität eines Innenraums (Gebärmutter) und in Form einer  überströmenden, aktiven, männlichen Fülle, die Hüllen zerstören muss, um befruchten zu können. Diese Polaritäten in ihrer Vereinigung sind die Basis des Lebens und damit werden diese Qualitäten immer etwas sein, auf das wir innerhalb der Vielfalt des Lebens als Urgeste zurückgreifen müssen.

Kinder brauchen männliche und weibliche Qualitäten

Mit dem Blick auf kleine Kinder stellt sich immer wieder die Frage: Ist eine männliche und weibliche Qualität als Basis für die individuelle Entwicklung in angemessener Form vorhanden? Schaffen es die vielfältigen und individuellen Familiengefüge, in welchen Geschlechtsverhältnissen auch immer, die Kräfte des Männlichen und Weiblichen als Hülle für die individuelle Entwicklung zur Verfügung zu stellen? Diese Polarität dient wie guter Nährboden der Entwicklung des Kindes: Sich zu einem selbstbestimmten Wesen in Freiheit und Autonomie zu entwickeln und beziehungsfähig zu werden durch die Erfahrung der Geborgenheit und Wärme. Ersteres, sich zielgerichtet die Welt zu eigen zu machen, ist eine eher männliche Geste. Als Basis für dieses Grundbedürfnis des Menschen, die Exploration, ist aber eine nährende Hülle und eine vertrauensvolle Beziehung unerlässlich, in ihrer Geste mütterlich. So entwickeln wir für das individuelle Leben zwei Basisfähigkeiten der Selbstbestimmung und der Beziehungsfähigkeit, die unabhängig vom Geschlecht sind, aber doch aus der Geste des Geschlechts stammen – auch wenn es heute eher eine herausfordernde Bewusstseinsleistung ist, wie diese in Familiengefügen zustande gebracht wird.

Die verschiedenen Familienmodelle bieten die Chance, auf das Wesentliche zu schauen und sich von Traditionen zu verabschieden, die oft sinnentleert sind. Den Mut, »Ja« zu sagen zur Unangepasstheit und auch zu individuellen Lebensformen, fordert die Zeit. Respekt vor der Andersartigkeit des Anderen ist eine Voraussetzung, um in der Vielfalt und Verschiedenheit sich entfalten zu können.

Doch Voraussetzung für eine gesunde Familie heute ist mehr als ihre Art der Zusammensetzung und die Fülle an Lebensmöglichkeiten. Es ist die Frage, wie ich zugunsten der so entscheidenden Entwicklung des Kindes eine Umgebung gestalte, in der Selbstbestimmung und die Beziehungsfähigkeit des Menschen sich entwickeln können.

Zur Autorin: Claudia Grah-Wittich ist als Diplom-Sozialarbeiterin in der Frühförderung und Beratung tätig und verantwortlich für die Weiterbildung »Eltern beraten, Kinder neu sehen lernen« am »Hof« in Frankfurt-Niederursel.

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