Hochsensible Kinder

Von Dörthe Huth, Mai 2014

Fast ein Fünftel aller Menschen ist hochsensibel. Bereits im Kindesalter zeigen Hochsensible besondere Fähigkeiten und Bedürfnisse. Im Zusammenleben und in der Zusammenarbeit mit ihnen ist es daher wichtig, eigene feste Vorstellungen vom Lernen und vom sozialen Miteinander hinter sich zu lassen. Dörthe Huth, Psychologische Beraterin und Supervisorin, beschreibt dieses neue Phänomen.

Foto: © Katrin Bpunkt/photocase.de

Sensibel zu sein, gilt als Makel

Wer besonders intensiv spürt, fühlt oder erlebt und dies durch sein Verhalten zum Ausdruck bringt, eckt an. Sensibilität wird in unserer Gesellschaft nicht immer positiv bewertet. »So ein Sensibelchen« heißt es dann oder »Bist du heute wieder dünnhäutig«. Häufig steckt in solchen Sätzen nicht nur ein leiser Vorwurf, nicht richtig zu sein, sondern auch die Aufforderung, »anders« zu werden. Die Aufforderung, sich »nicht alles so sehr zu Herzen zu nehmen«, hilft einem Hochsensiblen allerdings nicht weiter, weil er nicht weiß, wie er das tun soll. Hochsensible Erwachsene, die ihre Besonderheiten nicht einordnen können, leben häufig mit einem defizitären Grundgefühl und haben meist kompensatorische Strategien entwickelt, solche Situationen beherrschbar zu machen. Kinder verfügen jedoch nicht über den gleichen Erfahrungsschatz wie Erwachsene. Körper und Psyche sind noch nicht ausgereift, ihre Stellung innerhalb der Gruppe noch nicht gefestigt. Hinzu kommt die komplexe Reizwelt, der Kinder heutzutage ausgesetzt sind, die neuen Medien und die hohen Anforderungen von Schule und Freizeitgestaltung.

»Sensibilis« bedeutet im Lateinischen, so viel wie »der Empfindung fähig«. Das sind wir in der Regel alle, doch die Ausprägung der Empfindsamkeit ist individuell. Hochsensibel zu sein, ist nicht besser oder schlechter, sondern nur anders, mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen. Die US-Amerikanerin Elaine Aron hat erstmals Ende der 1990er Jahre die »Highly Sensitive Person« (HSP) beschrieben. Gemeint sind Menschen, die auf Reize stärker reagieren als normal sensible. Hochsensible nehmen Geräusche, Gerüche, Gefühle und die Stimmungen anderer Personen verstärkt wahr. Lautstärke, Stress und Hektik machen ihnen zu schaffen. Eltern, Erzieher und Lehrer können viel tun, um ein hochsensibles Kind zu unterstützen. Dazu ist es wichtig, die Symptome und Auswirkungen der Hochsensibilität einschätzen und einordnen zu können.

Anzeichen für Hochsensibilität

Nadine (11 J.) ist eine gute Schülerin. Besonders lerneifrig ist sie bei den Themen, die über die Sinne erfahrbar sind und ihre Kreativität fordern. Werken und Musik sind ihre Lieblingsfächer. Im geregelten Klassenverband fällt sie kaum auf, doch die Pausen verbringt sie gerne in einer Ecke des Schulhofes und beobachtet die anderen Kinder beim Spielen. Sie macht sich viele Gedanken über sich selbst und andere, geht aber Konflikten am liebsten aus dem Weg. Die Lehrerin wünscht sich, dass Nadine sich mehr in das Gruppengefüge der Klasse eingliedert und sich ein dickeres Fell zulegt. Die Eltern wünschen sich, dass Nadine öfter mal rausgeht und mit anderen Kindern spielt. Doch gerade Gruppen und Konfliktsituationen machen Nadine zu schaffen. Den Lärm in der Klasse und auf dem Schulhof kann sie nur schwer ertragen, ein Streit ist für sie unerträglich. Nadine ist gerne für sich allein, liest gerne Bücher, träumt vor sich hin oder denkt sich Geschichten aus. Dann fühlt sie sich wohl.

Viele Hochsensible leben eher zurückgezogen und beschäftigen sich gerne allein oder mit dem Computer. Sie meiden Gruppen nicht nur wegen der Lautstärke, sondern weil es in Gruppen häufig Spannungen gibt. Die Befindlichkeiten, Spannungszustände und Gefühle jedes einzelnen Gruppenmitgliedes strömen auf den Hochsensiblen ein, selbst wenn diese nicht offen ausgesprochen werden. Viele Hochsensible haben ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden und leiden bei Grenzüberschreitungen und Grenzverletzungen mit den Betroffenen mit. Auch für Kritik sind sie besonders empfänglich und haben insgesamt eine niedrige Frustrationstoleranz. Besonders hochsensiblen Kindern mangelt es häufig noch an Abgrenzungsstrategien. Sie neigen dazu, auf seelische Überreizung körperlich zu reagieren, mit Kopf- oder Bauchschmerzen beispielsweise. Typisch auch, sie halten erst einmal inne, bevor sie auf eine neue Situation eingehen, um die neuen Eindrücke zu verarbeiten. Auf andere wirken sie häufig wie »Tagträumer«. Dadurch wirken sie auf ihre Umgebung nicht selten als langsam, vergesslich oder unpünktlich.

Die Kreativität, Phantasie, überschäumende Lebensfreude, Einfühlungsvermögen und Reflexionsfähigkeit treten kaum sichtbar in Erscheinung, weil sie von Überreizungsreaktionen überdeckt sind.

Eigene Vorstellungen loslassen, um zu unterstützen

Eltern, Erzieher und Lehrer können ein hochsensibles Kind unterstützen, indem sie dessen Anderssein akzeptieren. Der Wunsch, ein aktives, geselliges und gruppenkonformes Kind zu haben, widerspricht häufig dem Bedürfnis eines solchen Kindes nach Ruhe und kreativem Alleinsein. Erwachsene interpretieren ein solches Verhalten möglicherweise als »unsozial«. Wenn im Vergleich mit anderen Kindern die Defizite in den Vordergrund rücken, kann das Kind kein positives Selbstwertgefühl entwickeln. Eltern, Erzieher und Lehrer sollten daher besonders die Fähigkeiten fokussieren und die Orientierung an der Norm hinter sich lassen. Wer ein Kind so haben will, wie es nicht sein kann, treibt es dazu, sich auf Dauer zu verbiegen. Eltern, Erzieher und Lehrer sollten ein hochsensibles Kind darin bestärken, dass es gut ist, wie es ist. Dass es vielleicht etwas anders wahrnimmt und empfindet als viele andere, und dass es dennoch »normal« ist.

Hochsensibilität ist wahrscheinlich angeboren und vererbbar. Deshalb sollten Eltern eines hochsensiblen Kindes prüfen, ob sie auch auf sie selbst zutrifft. Wer über sich selbst Bescheid weiß, kann besser Hilfe leisten. Das beginnt damit, Möglichkeiten zu finden, sich vor der Überreizung zu schützen oder zu akzeptieren, dass man langsamer ist als andere, vielleicht mehr Schlaf braucht oder feste Rituale zum Lernen und für Gemeinsamkeit. Das morgendliche Singen, das abendliche miteinander Beten, ein fester Rhythmus in der Schule und zu Hause führen auch ein hochsensibles Kind zu mehr Stabilität und Vertrauen in sich und die Welt.

Literatur: Dörthe Huth: Lass’ los und werde glücklich, München 2009 | Elaine N. Aron: Sind Sie hochsensibel? Wie Sie Ihre Empfindsamkeit erkennen, verstehen und nutzen, Heidelberg 2005 | Susan Marletta-Hart: Leben mit Hochsensibilität: Herausforderung und Gabe, Bielefeld 2009

Links: www.aurum-cordis.de | www.doerthe-huth.de

Kommentare

christoph , 17.05.14 17:05

schade, dass bei solch wichtigen Themen am ende immer wieder die Bedeutung der täglichen Regelmässigkeit hervorgehoben wird - mit "mahnendem" Finger. Ich finde mich in allen Merkmalen wieder - auch meine Waldorfschuldirektorin hat mich mal als "Asotial" bezeichnet. Doch ein erzwungener regelmäßiger Tabeslauf war für mich die Hölle.

Lisa , 06.12.14 19:12

Mir fehlt in diesem Artikel das hochsensible Kinder auch genau anders reagieren können, als introvertiert und zurück gezogen. Gerade Jungs können aggressiv und provokativ sein, da sie sich nicht verstanden und ausgeschlossen fühlen. Die Bezeichung Hochsensible löst bei manchen Befremdlichkeit aus, ist aber genauso wie Lichtkinder oder Indigo-Kinder. Ich würde mir wünschen, das jeder Lehrer sich klar macht, das ca 2-5 hochsensible Kinder sich in seinem Klassenverband befinden, dann wäre der Umgang mit den schwierigen Kindern ein ganz anderer.

Bina , 13.01.16 19:01

Leider hat mein hochsensibles Kind an der Waldorfschule viel Ablehnung und keinerlei Verständnis und Unterstützung erfahren. Sozial war es eher ein Supergau, Mobbing und körperliche Angriffe von Mitschülern wurden ignoriert ("Das wird sich noch finden.").
Daher verstehe ich diesen Artikel nicht so ganz... Wird jedenfalls nicht gelebt im Waldorfland.

Thekla , 15.11.16 09:11

Leider ist Waldorf nicht gleich waldorf. Meiner Erfahrung nach gibt es da eine riesige Bandbreite von sehr konservativ und regelkonform bis hin zur kreativen Individualität in einem stützenden Gerüst der Rituale. Ich denke, es geht darum die Waage zwischen Ritualen und spontanen Hingebungen zu finden. Das Kind braucht einerseits Halt, den Rituale geben KÖNNEN (sie tun dies nicht zwingend), und andererseits eine Freiheit, die spontane Handlungen, wie kreative Ausübungen, zulässt. Ich wünsche allen Eltern, den zu ihnen und ihrem Kind passenden Stil zu finden und sich nicht durch Belehrungen irritieren zu lassen, sondern die Ideen als Anregungen für ihren persönlichen Umgang zu verstehen.

Natascha , 30.11.16 00:11

Ein sehr empfehlenswertes Buch zu diesem Thema ist auch "Empfindsam erziehen " von Julie Leuze

Meine beiden Kinder haben an der Waldorfschule zum Glück einfühlsame und gesprächsbereite Lehrer/Innen gefunden. Der regelmäßige Austausch mit uns Eltern war dabei besonders wichtig.

Ariane Meyer, Barenburg, 29.01.17 10:01

Das Buch von Julie Leuze hat mir wirklich weitergeholfen, ersteinmal auch zu sehen, wie das Kind überhaupt zu Verstehen ist und das eskeine Krankheit ist anders zu sein. Leider haben die Kinder in den Regelschulen doch derart mit den Leistungsanforderungen zu kämpfen, das kaum Raum für die persönliche Entfaltung bleibt. Immer grössere Schulen- hohe Reizüberflutung. Daher hätte ich mir gewünscht, das ein Waldorfschule in unserer Nähe gewesen wäre....

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