Kleider machen kleine Leute. Worauf man bei Kinderkleidern achten sollte

Von Wolfgang Creyaufmüller, Januar 2011

Bekleidung fängt schon vor der Geburt eines Kindes an, ein Thema für die Eltern zu werden, Mode nicht unbedingt. Kleidung muss, Mode darf sein. Die Haut ist das größte Organ und beim jungen Menschen noch außerordentlich dünn – »zart wie Babyhaut« ist ja ein geflügeltes Wort. Aber was soll man anziehen und was nicht?

Ein neu geborenes Kind hat für einige Monate einen Nestschutz, sozusagen ein von der Mutter geborgtes Immunsystem, und entwickelt erst in den Folgejahren sein eigenes. Deshalb ist der Erstkontakt mit der Kleidung so wichtig. Die Kleidung des Kleinkindes darf nirgendwo einengen, die des Krabbelkindes nicht wegrutschen. Zwischen zu locker und zu fest ist aus eigener Erfahrung ein Mittelweg zu finden. Farben sind ein Mittel, therapeutisch auf Menschen einzuwirken. Dies kann einerseits positiv über das Licht geschehen und andererseits physikalisch über den Körperkontakt mit dem Farbstoff. Was gesund ist, muss nicht schön sein, was schön ist, kann leider auch ungesund sein. An den Farben, weniger an den Formen der Kleidung, entwickelt ein kleines Kind Geschmack für Stil – wobei sich die Eltern meist mehr über Muster, Bommel und Glitzerapplikationen freuen als das Kind. Damit wäre das Thema abgehakt, wenn die Kleider es nicht in sich hätten. 

Wichtig ist, was man nicht sieht 

Denn der unsichtbare Teil ist für die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Kindes entscheidend. Hüllen Sie Ihr Kind schon in Wolle und Seide und machen Sie sich ansonsten keine Gedanken? –Rhetorische Frage, natürlich nicht. »Wolle kratzt!« – »Kratzt nicht!« – schon ist der Glaubenskrieg um die richtige Kleidung in vollem Gange. »Nimm ein Baumwollhemd unter die Wolle« – Problem gelöst? Nur bedingt.

Schürfen wir etwas tiefer. Bei einem nicht vorhandenen oder kaum entwickelten Immunsystem gibt es eigentlich keine Allergie. Aber die Möglichkeit der Vergiftung. »Gift in Kinderkleidung? Nicht möglich!« Oh doch. Allergien entwickeln sich erst im Laufe der Jahre. Eine Schweizer Studie wies vor rund dreißig Jahren weniger als zwei Prozent Allergiker bei Kindern aus. Gegenwärtig sind es zehnmal so viele, Tendenz steigend. Ursache: die zunehmende urbane Lebensweise – auch auf dem Land.

Von einer Allergie spricht man, wenn der Körper mit einer heftigen, oft entzündlichen Reaktion auf geringste Stoffmengen antwortet. Dazu muss er aber schon einmal diesem Stoff ausgesetzt worden sein. Man kann gegen bestimmte Fasern Allergien entwickeln. Die Erfahrung zeigt aber, dass sie nicht immer nachzuweisen sind, wenn es sich um reine Naturfasern handelt. Kann man die Zusatzstoffe analysieren, die der Faser beigemischt sind, stößt man öfter einmal auf beigemischte Kunststoffe oder Chemikalien. Allergische Reaktionen auf genveränderte Baumwolle sind zwar noch nicht untersucht, allerdings sind spontane körperliche Reaktionen auf bestrahlte oder genveränderte Lebensmittel bekannt. Der Darm ist ja auch eine Haut, nur liegt sie innen.

Bei so genannter Funktionskleidung ist bereits nachgewiesen, dass die Silberbeschichtung der Fasern durch Abrieb verschwindet. Die Haut wird dadurch mit Metall belastet. Die meisten Schwermetalle sind giftig, die Empfindlichkeit der Menschen ist verschieden.

Wolle ist in der Regel heute waschmaschinenfest oder filzfrei, das heißt, ihre Oberfläche ist mit einem Kunstharz überzogen oder die Schuppenschicht des Haares chemisch entfernt worden. In beiden Fällen erfüllt die Faser nicht mehr ihre ursprüngliche Funktion. Baumwolle ist eine Hohlfaser und kann in ihrem Innern bis zu dreißig Prozent Feuchtigkeit speichern, bevor sie sich klamm anfühlt. Damit speichert sie aber auch die Pestizide und Insektizide aus der Anbauzeit, denn in den letzten Wachstumsmonaten benötigt die Baumwolle ein regenfreies Klima. Tipp: Unterwäsche vor dem ersten Tragen (mindestens einmal) waschen. 

Biosiegel haben ihren Sinn 

Diesen Gefahren kann man zum Teil entgehen, wenn man auf die diversen Biosiegel achtet. Ein Hersteller muss nachweisen, dass er seine Produkte im Herstellungprozess mehrfach auf Chemiefreiheit hin kontrolliert hat. Ist dies nicht gewährleistet, dürfen Sie immer das Gegenteil annehmen.

Viele Modehäuser lassen ihre Kleidung in Süd- oder Ostasien fertigen, generell in Billiglohnländern, wo Kinder­arbeit kein Fremdwort ist. Wer das nicht will, findet bei Fair Trade erste Alternativen. Letzteres ist jedoch kein Gütesiegel für giftfreie Anbaumethoden oder umweltschonende Färbemethoden. Jüngst ist bei der Stiftung Warentest Kinder-Regenbekleidung wegen vehementer Ausdünstung von Weichmachern mit der Note ungenügend deklariert worden. Derartige Kunststoffe riechen häufig stechend oder zumindest fremdartig. Jeder Geruch, den Kleidung ausströmt – ungetragene wohlgemerkt–, kommt von einer Chemikalie, die man beim Tragen oft direkt auf der Haut hat. Unterkleidung schützt leider nicht immer. Mir sind Fälle bekannt, in denen Metalle oder Azofarbstoffe durch bis zu drei Kleiderschichten hindurch wirkten und Ausschläge mit Juckreiz verursachten.

Verschiedene Faserstoffe verursachen durch Reibung elektrostatische Aufladung, die mehrere Tausend Volt Spannung haben kann. Wer kennt nicht das Knistern des Pullovers, der über die Haare gezogen wird? Zunehmend mehr Menschen, auch Kinder, sind elektrosensibel mit vielen Folgeerscheinungen respektive diffusen Krankheitsbildern oder Verhaltensauffälligkeiten.

Kleidung aus einheitlichem Fasermaterial vermindert diesen Störfaktor erheblich. Aber Vorsicht: schon eine zweiprozentige Kunstfaserbeimischung kann das gesamte Verträglichkeitsprofil durcheinanderbringen. Erfahrungsgemäß lassen sich reine Naturfasern ohne oder nur mit wenig elektrostatischen Problemen mischen. Ein Kunstfaseranteil verändert das Verhalten vollständig. Ohne Labor im Handkoffer müssen wir uns auf die Labels verlassen, aber diese deklarieren nicht alles.

Kleidungskauf kann also leicht zu einer Tätigkeit werden, die einem Chemie- oder Physikunterricht in Nichts nachsteht. Grundkenntnisse wären also nützlich. 

Zum Autor: Dr. Wolfgang Creyaufmüller, Lehrer für Mathematik und Naturwissenschaften an der Freien Waldorfschule Aachen und Heilpraktiker.

www.aliquot.de

Kommentare

Sabine Voß, 81829 München, 25.01.11 16:01

Guter Artikel! Es geht hier schließlich wirklich um was: Umweltschutz beim Baumwollanbau und faire Entlohnung der Arbeiter. Es ist schlimm was man in Berichten über die Textilindustrie in Entwicklungsländern liest. Heutzutage kriegt man ja kaum Sachen, bei denen nicht irgendeine Appretur angebracht ist, damit die Sachen im Laden gut aussehen. Bis zum ersten Waschen. Für meine zweite Tochter habe ich einen Anbieter von Babykleidung in München gefunden, der das alles hinbekommen hat. Sehr schöne Sachen, keine unnötigen Schnörkel und frei von jeglicher Chemie. Gibt’s (noch) nur im Internet: www.lucebabywear.de Den kann ich echt empfehlen. Viele Grüße, Sabine

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