Knoten und Knospen

Von Werner Kuhfuss, Februar 2015

Kinder entwickeln sich recht unterschiedlich: Einige nur unter großen persönlichen und sozialen Schwierigkeiten, so als würde ein Knoten geschürzt und gelöst, andere so, dass zarte Veränderungen in der Zeit erscheinen wie das organische Entfalten einer Knospe.

Foto: © Mr. Nico / photocase.de

Eine schwierige und manchmal für Kinder und ihre Umgebung schmerzliche Entwicklung kann durch das Bild des Lösens eines Knotens gefasst werden. Bei den eher unkomplizierteren Kindern können wir von der Entfaltung einer Knospe sprechen.

Sicher, Kinder sind keine Pflanzen und auch die Entfaltung einer kindlichen Knospe ist immer, wenn auch verborgener, dramatisch, ist umgeben von Gefahren und ist die Folge von Erfahrungen, Taten und Leiden aus früheren Leben. Es ist die Folge oder die Verwirklichung von dem, was in der geistigen Welt diese Individualität sich für dieses Leben vorgenommen hat.

Diese Folgen sind komplizierter und schicksalsbeladener als das, was in der Entfaltung einer pflanzlichen Knospe doch das immer sich Wiederholende ist. Gemeint ist nicht der Inhalt dessen, was sich bei dem Kind offenbart, sondern dessen friedliche, sanfte oder dessen sperrige, anstoßende Entwicklung als Qualität. Es kann auch beides bei einem Kind nacheinander kommen, das Knospende und das Knotende.

Schwierig wird es, wenn in einer Gruppe mehrere Kinder den dramatischen Weg in das Leben hinein gewählt haben. Dann erscheint es mir so, als ob eine ganze Schicksalsgruppe sich hier zusammen gefunden hätte, um mit den anderen Kindern und auch den beteiligten Erwachsenen nachzuholen, was an Konflikten einst nicht geklärt wurde, oder um vorzubereiten, was künftig an Schwierigkeiten zu bearbeiten sein wird.

Wie können wir Kindern helfen, die das Paradies der Kindheit scheinbar verloren haben?

Das ganze Geschehen nicht »pädagogisch« zu sehen, sondern als Lebenswirklichkeit, bei der es gleichsam um Leben und Tod geht, also um den ganzen Lebenseinsatz und nicht um gewohnheitsmäßige pädagogische Berufserfahrung: das allein nur kann dem gerecht werden, was die Individualitäten, die zu uns als Kinder gekommen sind, von uns verlangen.

Dazu gehört das Bemühen, Ahnungen, ja Gewissheiten zu entwickeln, weit über das hinaus, was landläufig pädagogisch möglich ist. Tritt bei einem Kind das auf, was als Knoten erscheint, so ist anzuraten, nicht sofort in der pädagogischen Erfahrung nachzuschauen, was in einem solchen Fall zu tun ist – also eher schematisch zu denken, um daraus eine Maßnahme zu entwickeln –, sondern im eigenen Inneren das aufzusuchen, was man den künstlerischen Sinn für Dramatik nennen kann. Das heißt, dass ein persönliches Interesse irgendwo in der Seele darauf wartet, geweckt zu werden, das mit dem künstlerischen Sinn für dramatische Geschehnisse zu tun hat. Pädagogische Ratgeber können diesen Sinn nicht anregen, eher dramatische Dichter, Maler, Bildhauer oder Musiker. Denn bei ihnen kommt zum Ausdruck, was Konflikte löst: Nicht deren Beseitigung, sondern deren künstlerische Erhöhung und Erweiterung. Das macht Erziehung zur Lebenskunst. Ein Farbfleck im Bild eines Malers stört nicht, sondern wird zu einer Anregung der Phantasie: Das »Problem« des Kindes wird dankbar als ein Motiv begrüßt, das uns Einblick in die Dramatik eines individuellen Schicksals gewährt.

Sich als Erwachsener gewürdigt zu fühlen, dieser Schicksalsoffenbarung beizuwohnen und ihr Zeuge zu sein, macht das Leben als Erzieher interessant. Wir kommen ab davon, gleich eine Veränderung des kindlichen Verhaltens als Abweichung von einer Norm zu sehen, oder gar mit therapeutischen Eingriffen helfen zu wollen.

Blick in die Geschichte

Natürlich scheint das zunächst schwieriger zu sein, als ein direkt eingreifendes und scheinbar normalisierendes Handeln. Doch was sich hier offenbaren will, enthält die begleitenden Hilfen bereits in sich, wenn wir sie sehen wollen. Wir werden, statt ständig pädagogische Ausgleichsbewegungen auszuführen, zu Geburtshelfern einer Individualität.

Eine große Hilfe dabei ist, wenn wir unseren Blick aus dem Alltag des Erziehens heraus in die Geschichte richten und uns anmuten lassen, im schwierigen Erscheinen des Kindes historische dramatische Ereignisse und Zeitperioden wiederzuerkennen. Dabei ist es nicht wichtig, ob wir vielleicht die wirklich entsprechende Epoche, gar bestimmte Individualitäten gefunden haben, sondern dass wir uns überhaupt anregen lassen von der Dramatik der Menschheitsgeschichte, um den Blick zu weiten vom Kinderalltag hin zu dem, was in diesen unbeachtet hereinscheint aus Vergangenheit und Zukunft. Warum also nicht im Geschichtsbuch eine Periode aufschlagen, welche unsere Seelenfähigkeit mit Bildern versieht, die einen Hintergrund für ein zunächst unerklärliches oder unleidliches Verhalten eines Kindes abgeben? Sei es die Französische Revolution, der Dreißigjährige Krieg, ja die beiden großen Kriege des letzten Jahrhunderts.

Was können wir von Kindern lernen, die uns die Unschuld unserer Herkunft zeigen?

Ganz anders erscheint das knospenartige Sich-Entfalten von Kindern im Spiel. Wir als Erzieher wissen um den Unterschied zwischen beiden Formen der Entwicklung. Wo bei den dramatischen Phasen der Entwicklung die kind­liche Unschuld eher im Hintergrund sich verbirgt, sind die Kinder des knospenden Sich-Entfaltens die Offenbarer der Unschuld.

Wo bei den Dramatikern das Paradies verloren scheint und die nicht leichte Aufgabe darin besteht, ihnen das innere Bild des Paradieses der Kindheit nicht durch unseren Ärger und pädagogischen Übereifer zu entziehen, so zeigen die knospenden Kinder uns die Unschuld der Herkunft der Menschheit, wenn sie zum Beispiel im Weihnachtsspiel im blauen Gewand der Maria oder des Sternenengels erscheinen. Etwas von ihnen offenbart sich durch die innere Aufnahme der Rollenbilder, was sonst im täglichen Getümmel nur hervorblitzt. Hier sind die Erzieher, schon auch als Geburtshelfer, eher die von der Unschuld Lernenden.

Geistgemäße und moderne Pädagogik kann nur eine solche sein, die lernend dient, dem dient, was täglich neu und zu keiner früher gemachten Erfahrung passend, sich den Sinnen und der Seele des Erziehers zeigt. Während das sich seinem Knoten entringende Kind den Beistand des dramatisch Interessierten braucht, benötigt das sich knospend ent­faltende Kind die seelisch eher sphärisch »streichelnden« Gebärden des Erziehers. Worin keine Sentimentalität liegt, sondern eher die sachlich warme Fürsorge eines guten Gärtners.

Wenn wir hineinschauen in die Geschichte des mensch­lichen Denkens, dann finden wir die beiden Arten der Entwicklung wieder in Friedrich Schillers Schrift »Über naive und sentimentalische Dichtung«. Schiller beschreibt den Gegensatz seiner eigenen, dramatisch ringenden Natur, die gleichsam das Paradies verloren hat und es sucht mit

Goethes Wesen, das er »naiv« nennt und das in seinem Schöpfertum immer das Wachsen und Werden der Welt in sich schließt. Vor diesem Hintergrund taucht dann auf das Urgeschwisterpaar von Kain und Abel, mit dem in der Tiefe und durch lange Zeiten sich zu befassen, einen Sinn aufzuschließen vermag, der uns als Erzieher nicht nur, sondern als handelnde und leidende Menschen durch das Leben zu geleiten vermag.

Nicht umsonst ist Schiller der große Dramatiker und damit der Gestalter auch des Schmerzes in seiner Entwicklung gegen Widerstand. Goethe hingegen tat nichts freiwillig in seinem Leben, das nicht, wie er selber immer wieder sagte, mit Behagen verbunden war. In ihrer zehnjährigen intensiven Verbindung bis zu Schillers Tod ist dieser der Kain, der nicht selten seinen Abelbruder Goethe verletzt durch seinen kühnen Drang nach vorne.

Zugleich aber gibt er Goethe, der zum Zeitpunkt ihrer Begegnung in seiner Entwicklung festgefahren war, wie er selber es aussprach, eben durch diesen kühnen Angriffsgeist wieder den Impuls zu neuen Taten. Das ist der neue Kain, der das Mörderische in anregende, aufbauende, ja heilende Entwicklungsfähigkeit verwandelt. Lassen wir uns so anregen durch Kinder, die deshalb schwierig sind, weil sie nicht nur ihre, sondern auch die Probleme der Welt auf sich genommen haben. Lassen wir uns beglücken durch die anderen, die Knospenden, die vielleicht durch das Zusammensein mit den Dramatikern etwas an Mühen modellartig geschenkt erhalten, was ihnen später Dramatisches in ihrem Leben zu bewältigen hilft.

In den Knospen und Knoten der Kinder erhalten wir Hilfe, um das, was kindlich erscheint, als das zu sehen, was es ist: Wurzel und Keim für kommendes Leben in immer schwierigeren Zeiten.

In diesem Alter, dem des Spieles, so sagt Rudolf Steiner, wird in den Kindern vorbereitet, was zwanzig, dreißig Jahre später in deren Biographien die konkreten Lebensentscheidungen möglich macht.

Zum Autor: Werner Kuhfuss ist Berater und Leiter des Projektes Sinnbildung im Kindesalter im Kindergarten »Bienenkorb« in Waldkirch-Kollnau (Elztal), www.kalliasschule.de

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