Masern zwischen Mut und Meinung

Von Sara Koenen, September 2015

»Bitte Mama, darf ich heute bei Edda übernachten? Bitte!« Maya und ihre Freundin hüpfen erwartungsvoll vor mir auf und ab. Es ist Freitagmittag, die Schule ist aus, die Sonne scheint. Kurz halte ich Rücksprache mit Eddas Mutter, glücklich winkend steigen die Mädchen ins Auto und ich packe meine beiden jüngeren Töchter ein. Das Wochenende kann beginnen.

Zwei Tage später ruft mich die Mutter an: Tom, Eddas Bruder, ist in der Übernachtungsnacht krank geworden. Jetzt ist es deutlich: Er hat die Masern. Maya und sie haben mit ihm in einem Zimmer übernachtet. Ist Maya gegen die Masern geimpft? Edda ist es nicht. Maya auch nicht. Damit gelten sie als angesteckt. Was weiß ich über die Masern? Nicht viel. Als wohl meine schwerste Krankheit habe ich sie in Erinnerung, gefühltes wochenlanges Fieberdelirium erinnere ich, in welchem ich im Geiste jeden Spruch, jedes Gedicht, das ich auswendig wusste, immerzu wiederholte, und das waren einige als Waldorfschülerin. Ich war bereits sechzehn Jahre und damit eher zu alt für eine klassische Kinderkrankheit.

Also informiere ich mich jetzt im weiten Netz, bei meiner Mutter, in Dr. Glöcklers »Kindersprechstunde« und bei unserem Arzt: Bei den Masern beginnt nach einer Inkubationszeit von ca. zehn bis elf Tagen das Vorstadium mit Schnupfen, Husten, Bindehautentzündung, mäßigem Fieber. Nach einer kurzen Entfieberung folgt das sogenannte Exanthem Stadium mit sehr hohem Fieber und einem Ausschlag, der hinter den Ohren beginnt und sich vom Kopf über den ganzen Körper ausbreitet und zusammenfließt. Dieser »gemaserte« Ausschlag, befällt jetzt auch alle inneren Schleimhäute, es kann daher zu Begleiterkrankungen kommen wie Mittelohrentzündung, Bronchitis, Lungenentzündung und – sehr selten, aber besonders gefürchtet, – Hirnhautentzündung. Verläuft alles komplikationslos, ist man nach etwa fünf Tagen über den Berg, muss sich dann noch eine Woche körperlich schonen und für etwa vier Wochen mit einem geschwächten Immunsystem rechnen. Man hat eine lebenslange Immunität erworben.

Noch vor ein bis zwei Generationen galten die Masern als eine normale Kinderkrankheit: Ein Baby war im ersten Lebensjahr durch den von der immunen Mutter weitergegebenen Nestschutz noch gut geschützt, die meisten Kinder erkrankten im Laufe ihrer Kindheit dann an den Masern. Erkrankte ein Nachbarskind, so konnte man das eigene Kind zum Spielen dazu bringen, um dem Kind Gelegenheit zu geben, sich entweder anzustecken oder den vorhandenen Schutz aufzufrischen. In ihren Ratgebern schrieben Ärzte, es seien bei ausreichend Ruhe und Pflege keine Komplikationen zu erwarten, und auf Grund der regelmäßig auftretenden Epidemien konnten die Menschen ihren Schutz immer wieder auffrischen (boostern).

Dieses Bild hat sich heute in der öffentlicher Darstellung und Meinung stark gewandelt. Ein Blick ins Netz und in die Literatur zeigt: Die Masern, seit 2001 meldepflichtig, gelten als eine hochinfektiöse schwere Krankheit, die potenziell tödlich ausgehen kann. Praktisch heißt das: Bereits bei einem Masernverdacht schaltet sich das Gesundheitsamt ein. Es wird genau gefragt, wer Kontakt zum Erkrankten hatte, und diese Menschen werden abtelefoniert. Wenn sie nicht geimpft oder immun sind, dürfen sie keine Gemeinschaftseinrichtungen besuchen. Auch in der Schule ist man alarmiert. Der mediale Druck ist da.

Das Impfen. Spätestens hier kommt es ins Spiel. Denn es ist nicht möglich, über die Masern zu sprechen, ohne über das Impfen zu sprechen. Eigentlich wird darüber zuerst gesprochen. »Ist Maya geimpft?« Und sofort sind wir drin in der großen öffentlichen Diskussion über Für und Wider des Impfens, über Freiheit und Pflicht. Jeder hat seine Meinung. Dabei wollen wir Eltern doch alle das gleiche: Wir wollen das Beste für unser Kind. Wir wünschen uns, dass es gesund ist und glücklich und am Leben teilnehmen kann. Unser Kind kommt auf die Welt und wir machen uns viele Gedanken, wie es uns gelingen kann, gute Eltern zu sein. Wir müssen wichtige Entscheidungen treffen. Eine solche Entscheidung ist die Impf-Entscheidung. Viele Eltern lassen ihr Kind impfen, und sind davon überzeugt, dass es gut ist. Andere lassen es bewusst nicht impfen. Aus dem gleichen Grund. Wir entscheiden nach bestem Wissen und Gewissen und somit können wir hinter unserer Entscheidung stehen, sie vertreten. Später zeigt uns das Leben, ob unsere Entscheidung richtig war. Diese Entscheidung steht jetzt zur Debatte, denn ich kann Maya innerhalb von drei Tagen nach Masernkontakt noch impfen lassen. Plötzlich liegt es an mir: Lasse ich Maya erkranken in dem Bewußtsein, dass sie auch ihre Schwestern anstecken wird, oder lasse ich alle drei Kinder schnell impfen?

Was tun? Nun, ich habe als meine Kinder klein waren bereits eine bewusste Impfentscheidung getroffen, gegen die Masern-Mumps-Röteln Impfung. Das heißt im Umkehrschluss für die Krankheit. Das würde bedeuten, ich lasse mein Kind jetzt bewusst krank werden. Auch die Schwestern werden dann wahrscheinlich angesteckt. Werden sie das? Eddas Mama bleibt keine Zeit sich lange zu entscheiden. Ihren kranken Sohn vor Augen lässt sie Edda schweren Herzens impfen. Ich zögere. Jeden Tag spielen Edda und Maya miteinander. Beide dürfen nicht in die Schule gehen, scheinen aber ganz gesund zu sein. Wir warten ab. Ich spreche mit dem Arzt, der Tom, zu Hause begleitet. Er sagt einen Satz, der mich nachhaltig beeindruckt: »Masern durchmachen ist wie in die Berge gehen.« Ich denke nach. Wie ist es, in die Berge zu gehen? Es ist ein steiniger Weg, der zum Gipfel führt, anstrengend und mühevoll, ein schmaler Grat. Mit Ehrfurcht erfüllt mich der Berg. Manche sind umgekehrt. Manche haben es nicht geschafft. Jeder Atemzug, jeder Schritt, kann schmerzen, kann sich aber auch lohnen. Wenn ich den Gipfel erreicht habe: welch ein Triumpf! Ich habe es geschafft! Die Aussicht. Eine ganz neue Sichtweise. Ich bin über mich hinausgewachsen, blicke klar in eine neue Ferne, habe meinen Horizont erweitert. Und dann bin ich »über den Berg«. Nachher habe ich etwas erlebt, ich bin eine andere geworden, ich trage die Erfahrung in mir, ich kann davon berichten, und andere begleiten auf ihrem Weg in die Berge.

Ist Impfen wie Fernsehen? Eine Sendung über die Berge?

Ich spreche mit unserem Arzt, frage ihn persönlich. Seine Kinder haben die Masern durchgemacht. Aha. Er macht sich keine Sorgen, keinen einzigen Masernfall kennt er aus seiner Praxis, bei dem es Probleme gab. Dann wird Edda krank. Trotz Impfung. Eddas Mama ist froh und erleichtert, dass Edda sich entschieden hat, doch noch die Masern richtig durchzumachen. Jetzt erwirbt sie eine sichere Immunität und auch ihre zukünftigen Kinder werden einen guten Nestschutz mitbekommen. Maya ist immer noch gesund. Jetzt ist klar: Tom hat sie nicht angesteckt! Aber vielleicht hat sie sich jetzt bei Edda angesteckt und auch Klara und Pauline, Mayas kleine Schwestern, haben gestern mitgespielt, dann dürften auch die beiden angesteckt sein. Absurder Weise führte der Quarantäneplan von Schule und Gesundheitsamt (Ausschluss vom Schulunterricht) indirekt erst zur Infektion. Oder werden sie alle drei gar nicht erkranken?

Die Osterferien stehen vor der Tür, die Luft ist raus, das Warten auf eine Krankheit, die nicht kommt, zermürbt. Die drei Schwestern wirken müde und erschöpft, irgendwie angeschlagen, dabei sind sie sonst doch außergewöhnlich gesund. Nun, es ist einiges geplant, das Zirkusprojekt, die Reise zu den Großeltern, ein paar freie Tage für mich … oder geht es für uns alle »in die Berge«?

Im wöchentlichen Lesekreis arbeiten wir uns durch Rudolf Steiners »Offenbarungen des Karma«. In dem Vortragszyklus geht es um den Sinn und die Bedeutungen, die einzelne Krankheiten in der Biographie eines Menschen ausmachen. Welche Einflüsse, Verhaltensweisen und Eindrücke aus vergangenen Inkarnationen können sich in welcher Krankheit zeigen? Unmittelbar vor dem Abschnitt über die Masernerkrankung stoppen wir. Es geht in die Ferien. Bei mir geht es weiter im Text. Was wird mich erwarten?

Nach den Osterferien bin ich schlauer: Meine drei Mädchen haben alle drei die Masern durchgemacht. Ich durfte sie begleiten auf ihrem Weg durch die Berge. Wie sie sich weigerten, krank zu sein, leugneten, die Masern zu haben. Wie sie sich dann der Krankheit hingaben, zum ersten Mal in ihrem Leben, so hohes Fieber entwickelten. Wie der Vertretungsarzt kam und sie zu dieser Fähigkeit beglückwünschte und uns Wegweiser war im Vorstadium mit den gut unterstützenden anthroposophischen Medikamenten Belladonna, Meteoreisen und Agropyron. »Haben Sie Angst?«, fragte er mich. »Ich habe keine. Sie machen das richtig gut!« Dann verabschiedete auch er sich in den Osterurlaub. Nun war ich allein mit Dr. Glöcklers »Kindersprechstunde«, in der steht, dass man täglich in Kontakt mit dem Arzt bleiben solle. Ein Anruf im städtischen Kinderkrankenhaus ergibt den Rat, über Nacht das Fieber zu senken. Ich frage, ob sie sich mit der Masernerkrankung überhaupt auskennen. Denn man soll um keinen Preis mit künstlichen Mitteln das Fieber senken, da der Körper es benötigt, um mit dem Virus klarzukommen, so dass sich keine der gefürchteten Komplikationen entwickelt. Mit dem gesellschaftlichen Kampf gegen die Masern ist anscheinend auch das Wissen über die Krankheit verlorengegangen, es heißt, viele Ärzte können sie gar nicht mehr diagnostizieren!

Also verlasse ich den vorgegeben Weg und begebe mich mit meinen drei kranken Kindern auf unwegsames Terrain. Der Anstieg beginnt. Maya entwickelt ihr Exanthem, den typischen Ausschlag, arbeitet sich innerhalb eines Tages vom Kopf bis zu den Füßen durch. Das ist gut. Der Ausschlag muss gut rauskommen, damit die Masern nicht nach innen schlagen und es zu Komplikationen kommt. Das weiß ich da aber noch nicht. Die Kinder haben andere Sorgen: Wird der Osterhase kommen? Klara und Pauline, noch deutlich im Vorstadium mit mäßigem Fieber, helfen beim Eierfärben, um dem Osterhasen zu helfen. Der kommt morgens um halb vier, alle sind wach, und für einen kurzen Moment ist Osternacht. Der Osterhase ist tatsächlich ausnahmsweise ins Haus gekommen, die Schokohasen können wir später essen, aber das kleine Edelsteinherz kühlt für einen Moment das heiße Händchen und gibt Kraft. Pauline macht sich gleich an den Aufbau des neuen Legos, Klara will das Buch vorgelesen haben. Maya will Ruhe. Wir achten aufeinander. Wir richten uns ein. Wir sind achtsam. Es geht ins Hochgebirge. Wir verabreden uns, dass Maya Bescheid gibt, wenn es ihr nicht mehr gut geht. Und dass ich ihr sage, wenn ich den gleichen Eindruck habe. Sie sieht aus wie als Baby, tatsächlich, den gleichen Ausdruck, die kleine spitze Nase, die aus der Decke guckt, »meine kleine Maus«, ganz eingehüllt in Mütze, Schal und Pullover, so groß ist ihr Wärmebedürfnis trotz des Fiebers. Am Abend ist es soweit. Ich bin in eine Lawine geraten, Maya entgleitet mir, ich habe keine Idee, wohin ich den nächsten Schritt setzen kann. Ich rufe in der Filderklinik an.

Die Ärztin sagt, sie kenne sich mit Masern nicht aus und möchte Rücksprache mit den Kollegen halten. Ich bekomme Vertrauen, da ist jemand ehrlich und bemüht zu helfen. Wir werden kurz danach in die Klinik bestellt, ein Familienzimmer wartet auf uns. Wie transportiere ich ein hochfieberndes Kind, das nicht mal mehr alleine zur Toilette gehen kann? Unbedingt liegend, sagt mir meine Dr. Glöckler. Ich organisiere den Krankentransport. »Mama, mir geht’ s nicht gut!« Da sagt Maya das, was ich seit Stunden spüre. Ich erkläre ihr, dass wir in die Klinik fahren. Der Krankenwagen kommt mit zwei Männern im kompletten Seuchenkostüm, Ganzkörperanzug, Mundschutz, Überschuhe, Handschuhe. Während mein Fieberthermometer 39,6 zeigt, misst das Ufoteam 40,3. Das ist ein Unterschied. Hatte sie also die ganze Zeit so hohes Fieber? Ich bin ein Stück weit froh, dass ich vor diesem Wissen geschützt war und auch, dass wir jetzt in die Nähe eines Arztes kommen. Zuflucht in der Berghütte. Klara und Pauline laufen noch, mit Mundschutz versehen, auf eigenen Füßen in die Klinik. Dann sind wir da.

Am Ostermontag erkranken auch Klara und Pauline. Die Ärzte laden uns ein zu bleiben. Medizinisch wäre es auch zu Hause denkbar, jetzt da die Feiertage vorbeigehen. Ich bin dankbar für die Begleitung. Die Mädchen lieben die Schwestern, die alles tun, um es ihnen ein wenig angenehm zu machen. Die Ärzte erfreuen sich an den schönen sich ihnen präsentierenden Masernbildern. Alle kommen zur Visite, es wird deutlich, dass die Masern selten geworden sind, ehrfurchtsvoll und mehr oder weniger in die obligatorischen Schutzkleider gehüllt, stehen sie alle vor den Betten, vom Chefarzt bis zum Praktikanten, begutachten die Verläufe und können wunderbar vergleichen. Da wird auch mal fotografiert.

Nach vier Tagen, die wir im augenschonend abgedunkelten Zimmer verbracht haben, gehen wir nach Hause. Maya und Pauline sind über den Berg, bei Klara ist eine Besserung abzusehen. Über die Terrasse des Krankenzimmers und immer noch sicherheitshalber mit Mundschutz versehen, verlassen wir die Klinik, draußen blühen die ersten Bäume. Wir beziehen unser Krankenzimmer zu Hause, tagelang werden wir auch hier noch Bettruhe halten, am kleinen Tischchen essen, vorlesen, malen. Maya hat angefangen zu lesen und beendet ihr erstes ganz selbst gelesenes Buch. Dann folgt die Zeit der Genesung, über eine Woche lang bleiben die Kinder noch im Haus, die drei Schwestern spielen und sind sich selbst genug. Zwischendurch wird vorgelesen, gegessen, geschlafen. Erst gute zwei Wochen nach Abklingen des Exanthems kann ich sie wieder in die Schule bringen. In den dann folgenden zwei Wochen halten sie die sonst ausgefüllten Tage mit Schule, Mittagsbetreuung und Nachmittagsaktivitäten noch nicht durch. Erst kurz vor den Pfingstferien sind sie wieder ganz in ihrer Kraft, alle tüchtig gewachsen und man hat im Ganzen den Eindruck, dass sie einen großen Entwicklungssprung getan haben. Die Freundschaft zwischen Edda und Maya ist noch dicker geworden, sie sind jetzt »Masernschwestern«. Unsere Familien hat es richtig zusammengebracht. Wir feiern die gesunde Wiederkehr von der großen Masern-Bergtour mit einem gemeinsamen Ausflug zum Baggersee am Ende der Pfingstferien.

Wir haben es geschafft. Es fühlt sich an, wie das Glück, wenn man eine mühsame Arbeit mit Erfolg abgeschlossen hat. Unser Arzt, aus dem Urlaub zurückgekehrt, nimmt mich zur Seite und sagt: »Jetzt mal ehrlich, es war doch nicht so schlimm, oder? Da wird doch in den Medien völlig übertrieben! Die Gefährlichkeit der Masern wird überbewertet. Komplikationen gibt es nur, wenn falsch behandelt wird. Also ich hatte überhaupt keine Bedenken.«

Ich bin auch froh, mich so entschieden zu haben.

Und was sagt Dr. Steiner?

»Es gibt keine Möglichkeit, der Krankheit zu entkommen, wenn man die Gesundheit haben will. Jede Möglichkeit, sich gegen die äußeren Einflüsse stark zu machen, beruht auf der Möglichkeit, Krankheit zu haben, krank zu sein. So ist die Krankheit die Bedingung der Gesundheit. (…) Wollen wir die Stärke, die Gesundheit, dann müssen wir ihre Vorbedingung, die Krankheit, mit in Kauf nehmen. Wollen wir stark sein, dann müssen wir uns gegen die Schwäche schützen, indem wir die Schwäche in uns aufnehmen und in Stärke verwandeln.«

Durch das Impfen haben wir heute die Möglichkeit, der Krankheit zu entkommen. Die Gesellschaft fordert uns geradezu auf, der Krankheit keinen Raum zu lassen. Mütter gehen arbeiten und Kinder in die Kita. Eine mehrwöchige Krankheit ist da nicht vorgesehen. Geimpft wird nach Plan, da muss ich mich als Eltern schon bewusst dagegen entscheiden. Noch habe ich die Freiheit, aber der Ruf nach einer Impfpflicht wird laut. Aber haben wir dadurch wirklich die Gesundheit? Ist es nicht so, dass etwas in uns bisweilen die Zeit und den Raum benötigt, sich wieder ganz in uns selbst zurückzuziehen, neu zu werden und mit frischer Kraft die nächsten Schritte zu tun? Es ist schon gut, wenn es uns gelingt, täglich etwas Zeit zu haben um wieder neue Kraft zu schöpfen, sei es durch Meditation, Sport oder Mußezeit wie einfach ein Spaziergang durch die Natur, an der wir den Kreislauf des Lebens ja durch die Jahreszeiten hindurch auf das Schönste beobachten können. Oft jedoch sind wir einfach im Hamsterrad gefangen, Alltag, Arbeit, Wochenendaktivitäten und Ferienprogramm. Wundern wir uns über Erschöpfungszustände, Burnout und Depression, ein Gefühl der Sinnlosigkeit und Leere, des nicht mehr Hinterherkommens der äußeren Verpflichtungen und des inneren Getriebenseins?

Wie geht es unseren Kindern, wunderbar betreut vom Frühstück in der Schule bis zum Feierabend im Hort, in den Ferien dann bunte Programme, und an langen Wochenenden einen Kurzurlaub mit der Familie, in den alles gepackt wird, wozu sonst keine Zeit ist, und aus dem sie, im Grunde erholungsbedürftig, wieder in den Alltag starten? Wundern wir uns, wenn sie ähnliche Ermüdungserscheinungen zeigen? So war es ehrlich gesagt auch ein Stück weit bei uns. Jedenfalls bin ich meinen Kindern überaus dankbar für diese Masernzeit. Es war eine besondere, intensive Zeit. Und ein großes Innehalten. Zeit, die meine Kinder und mich, auch durch das pflegerische, wieder näher zueinander gebracht hat. Unsere Beziehung hat sich vertieft, in diesem für eine Weile von der Welt abgeschlossenen Zusammenseins, vergleichbar nur mit dem Wochenbett. Ich habe es wie einen Segen empfunden, der uns sicher durch die nächsten Jahre tragen wird. Und ich werde nicht vergessen, wie Maya ganz oben auf dem Gipfel des Fiebers aus tiefstem Herzen zu mir sagte: »Mama! Wenn ich mal Kinder habe, dürfen sie auch die Masern bekommen!« Und ich hoffe sehr, dass sie und ihre Kinder diese Freiheit haben werden.

Zur Autorin: Sara Koenen ist Schauspielerin, Autorin und Mutter dreier Töchter. Sie ist tätig als Coach für Schauspiel, Sprechen und Persönlichkeitsentwicklung.

Literatur: Wolfgang Goebel/ Michaela Glöckler: »Kindersprechstunde«, Verlag Freies Geistesleben & Urachhaus, Stuttgart 2013; Dr. med. Michael Stellmann: »Kinderkrankheiten natürlich behandeln«; Rudolf Steiner: »Offenbarungen des Karma« (GA 120); Rudolf Steiner: Vortrag vom 13.12.1906; in: »Die Erkenntnis des Übersinnlichen«

Kommentare

Malisabeth , 18.09.15 21:09

Herzlichen Dank für diesen Artikel! Ich bin gespannt, ob und wie wir einmal in die "Masern-Berge" steigen werden. Dieser Artikel hat mir gleichzeitig Respekt und Ehrfurcht vor dieser Krankheit - als auch Mut gegeben.

Ulrich , 18.09.15 22:09

Hallo! Das hat mich sehr berührt und ermutigt. Danke!

Alexandra , 20.09.15 14:09

Liebe Sara Koenen, Ihr text gefällt mir rein stilistisch sehr gut! Sie beschreiben nicht nur die Zeit, in der Sie Ihre Kinder begleiteten und dabei gute Erfahrungen gemacht haben, Sie übertragen das Ganze auch in den gesellschaftlichen Kontext hinein, wo ja im Grunde die Basis dafür geschaffen wurde, dass Kinderkrankheiten und auch andere Krankheiten eben so gut wie nicht vorkommen dürfen. Danke sehr für diesen Text, ich habe selbst immer versucht, diese Dinge zu verbinden und hatte das Glück, durch meine Arbeit ebenso meine Kinder begleiten zu können. Wie traurig ist es, dass dies ein Previleg ist und nicht selbstverständlich. Liebe Grüße.

Annika , 21.09.15 13:09

Vielen Dank für diesen Artikel!

Georg , 21.09.15 15:09

Liebe Sara

Danke für deine tollen bericht und herzlichen Glückwunsch für dein, in heutigen Zeiten, mutige entscheidung. Ich würde es genauso machen.

Beste Grüße
Georg Mücke (Hauser)

Patricia , 21.09.15 17:09

Liebe Sara, ich wünschte ich hätte damals den Mut gehabt mich gegen das Impfen zu entscheiden! Solche Texte wie der Ihrige helfen hoffentlich jungen Müttern heute! Liebe Grüße und vielen Dank

Kerstin , 21.09.15 21:09

Vielen Dank für den schönen Bericht. Er ermutigt mich, wirklich nicht impfen zu lassen.
Allerdings würde mich noch interessieren, ob im Krankenhaus dann das Fieber doch noch gesenkt wurde)
Herzlichst
Kerstin

Christian , Düsseldorf/Berlin, 21.09.15 21:09

Liebe Sara,
vielen Dank für den - mittlerweile muss man es ja leider so nennen - mutigen Artikel.
Beste Grüße.

Hanna Kirsch, Würzburg, 23.09.15 12:09

Vielen Dank für diesen berührenden und Mut machenden Artikel! Er hat mir aus der Seele gesprochen! Ich hoffe, dass ihn sehr viele Menschen lesen werden und auch ermutigt werden, sich kritisch mit Impfungen und Krankheiten auseinander zu setzen.

Nike Hohenfeld, 29.09.15 17:09

vielen Dank für diesen Mut machenden Artikel. Es ist mutig, diese Dinge auszusprechen, und hat mich in der Entscheidung bestärkt meine Kinder Nele und Jasper nicht gegen Kinderkrankheiten impfen zu lassen, es ist besser für sie.
Herzliche Grüße
Nike Hohenfeld

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