Mit Sympathie allein kann man nicht erziehen

Von Kilian Hattstein-Blumenthal, November 2017

Es war einmal ein König, der liebte seinen Sohn, den kleinen Prinzen, so sehr, dass er ihm keinen Wunsch versagen konnte. Er schenkte ihm erst ein prächtiges Schaukelpferd, dann ein Pony. Der Prinz aber wünschte sich immer mehr.

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Und so schenkte ihm sein Vater viele Pferde in allen Farben, zuletzt den ganzen königlichen Marstall. Dabei bemerkte der König etwas Merkwürdiges: Er fühlte sich selber mehr und mehr als Kind in seiner wachsenden Freude am Schenken! Als sich der Prinz von seinem Vater das Königsschloss wünschte und das ganze Reich dazu, gab der König ohne Reue alles hin. Nun herrschte der Prinz, der König diente ihm mit kindlicher Freude. Am folgenden Abend aber hatte sich der König im Kinderspiel auf Kinderweise so bitter mit dem Prinzen zerstritten, dass er ihn erschlug. – Des Königs jüngerer Bruder ließ den Mörder von der Palastwache verhaften. Er hatte den König stets beneidet und sich nichts sehnlicher gewünscht, als dessen Reife und Macht zu besitzen. Nun sah er ihn als einen vor sich, der nicht mehr wusste, ob er Kind oder Erwachsener war. Bevor sich das Gefängnistor hinter dem König schloss, umarmte ihn sein jüngerer Bruder und sprach: »Ich habe stets zu dir aufgeschaut. Warum nur wolltest du nicht mehr der sein, der du bist?«

Die Märchenform kann den Kern der Problematik der heutigen Eltern-Kind-Beziehung pointieren. Erwachsene verstehen Kinder heute viel besser als vor hundert Jahren. Kinder leben vielerorts in einer sehr kindgerechten Welt. Aber Eltern und Kinder sind in eine Art Gefangenschaft geraten, die tiefgehende Leiden verursacht. Es handelt sich um ein Gefängnis, dessen Mauern und Gitter eigenartigerweise aus Sympathie gebaut sind. Was liegt vor?

Der König möchte so sehr vom Prinzen geliebt werden, dass er buchstäblich alles hergibt. In ihrem Wunsch, durchgehend positiv mit ihren Kindern verbunden zu sein, verunmöglichen Eltern unbemerkt die pädagogische Situation, in der sie stehen. Sie wollen »auf Augenhöhe« mit ihren Kindern sein und halten das für geboten und vernünftig. Indem sie sich dergestalt verkürzen, geraten sie in eine Schieflage, die sie hilflos macht. Und die die Kinder so tief frustriert, dass sie zu den vielfach beschriebenen »Tyrannen« werden. Was übrigens auch für die Kinder eine schlimme, und keinesfalls kindgemäße Situation darstellt!

Fragen wir also: Wie käme der König aus der Gefangenschaft seiner Sympathie, in der er sich selbst entmachtet und schließlich sich und seinen Sohn in tiefes Unheil stürzt, heraus? »Als Sympathie muss die Kraft bezeichnet werden, mit der ein Seelengebilde andere anzieht, sich mit ihnen zu verschmelzen sucht, seine Verwandtschaft mit ihnen geltend macht«, so beschreibt Rudolf Steiner die Wirkungsweise von Sympathie in seiner »Theosophie«. Anziehung, Streben nach Verschmelzung, Verwandtschaft »geltend machen«: Deutlich wird, dass Sympathie Grenzen zum Verschwinden bringen und verwandtschaftsförmige Gemeinsamkeit herstellen will. Ideal für die Eltern-Kind-Beziehung? Wir spüren: Nein. Aber warum nicht? Im sympathisch gestimmten Handeln gilt die Sympathie nicht nur demjenigen, auf den hin ich meine Handlungen ausrichte; sondern sie gilt auch mir selbst. Von Sympathie getragenes Handeln gibt mir ein gutes Gefühl, weil ich genau das tue, was ich richtig finde. Aber das ist trügerisch. Woher weiß ich, dass das, was ich für gut und richtig halte, auch für den anderen gut und richtig ist?

Wenn Antipathie hilft

Das Nachdenken über diese Frage ist der erste notwendige Schritt. Während ich nachdenke, kann ich nicht handeln. Es entsteht ein Raum, der Distanz heißt. Er wird von der Antipathie geöffnet: Nachdenken statt Handeln, Distanz statt Sympathie. So bereite ich den Boden für den zweiten Schritt: Bewusste Einfühlung in das Kind – als einen anderen, von mir sehr verschiedenen Menschen. Wen ich nicht deutlich in seinem Anderssein vor mir habe, den kann ich nicht verstehen. Erziehung hat so keine Chance. Und die Beziehung kann grausam misslingen, wie oben am König gezeigt. Wenn es mir als Erwachsenem nicht gelingt, Antipathie in Form ernüchternder Klarheit und bewusster Distanz in mein erzieherisches Handeln einzubeziehen, wird mich die verführerische Macht meiner Sympathie ins Unheil führen. Sie will die Grenzen zwischen Ich und Du einreißen. Aber nicht grenzenloses Verständnis, sondern ein Trümmerfeld aus Missverständnissen und Enttäuschungen bleibt dann zwischen Kindern und Erwachsenen zurück.

Freundliche Distanz und klares Bewusstsein der eigenen Rolle sind Voraussetzungen für ein verantwortungsvolles Erwachsenenhandeln gegenüber Kindern. Dazu braucht es Distanz als eine milde, aber den Blick klärende Form von Antipathie. Trotzdem wäre Erziehung ohne Sympathie ein Unding. Sympathie ist die Atmosphäre, die gute Erziehung erst ermöglicht. Es gilt aber, ihre Wirksamkeit genau zu kennen und bewusst mit ihr umzugehen. Die entscheidende Sympathie-Gefahr in Bezug auf Kinder lautet: Gefühlt wird Liebe, praktiziert wird Geliebt-Werden-Wollen. Sympathie kann aber als Erziehungsmotiv nicht alleine stehen. Sie öffnet den Blick – aber kann ihn nicht leiten. Um pädagogisch relevant werden zu können, muss Sympathie durch Antipathie ergänzt werden. Sie muss hören lernen, statt zu wünschen. Die von der Antipathie aufgehaltene Sympathie kann in Empathie übergehen, und letztere ist es erst, die uns die Augen für das öffnet, wessen das Kind wirklich bedarf.

Zum Autor: Kilian Hattstein-Blumenthal ist Autor sowie Klassenlehrer und Regisseur an der Rudolf Steiner Schule Berlin.

Literatur: R. Steiner: Theosophie, GA 9, Dornach 1987

Kommentare

Anna Büttner, 20.11.17 10:11

Sehr geehrter Herr Hattstein-Blumenthal,

ich möchte Ihnen ganz herzlich für Ihren Artikel danken.

Sie sprechen etwas aus, analysieren scharfsinnig, was mir schon lange auffällt, für das ich aber immer nicht recht die Begrifflichkeiten fand. Ich denke, dass Sie wirklich recht haben mit allem, was Sie aussprechen. Dieses Erziehen mit reiner Sympathie fällt mir vor allem bei "Teilzeit - Alleinerziehenden" auf. Nach der Trennung sind die Kinder (oder oft eben auch nur ein Kind) bei beiden Eltern fast gleich viel und bekommen von beiden 100 % Aufmerksamkeit, Liebe, Sympathie.

Sicherlich spielen Schuldgefühle dem Kind gegenüber eine große Rolle, weil keine Familie mehr geboten werden kann etc., aber ich nehme auch sehr stark wahr, dass die Eltern sich eben auch viel aus der Beziehung mit den Kindern holen (geliebt werden, wie Sie es ja sagen), eigenen Mangel kompensieren, und bloß in keinen Konflikt gehen wollen. Zumal die eingeschränkte Zeit miteinander maximal in Harmonie genutzt werden soll.

Ich finde es allerdings äußerst schwierig, diese Dinge mit den Eltern zu thematisieren - will man sich schnell unsympathisch machen, kritisiert man die Erziehung …

Ich bin gespannt, was aus diesen "Goldkindern" (so nenne ich sie) wird - seelisch sind sie sicherlich letztlich gut genährt, wenn auch nicht optimal. Vermutlich wird das Leben ihnen zeigen, dass nicht jeder Wunsch erfüllbar ist und sich nicht alles um ihre Bedürfnisse dreht.

Vielen Dank noch einmal - es tut gut, wenn jemand endlich in passende Worte fasst, was man selbst fast nur empfinden konnte. Und wenn man weiß, dass auch noch anderen diese Schieflage in der Erziehung auffällt.

Herzliche Grüße
Anna Büttner

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