»Nein. Ich bin ein Pferd, das fliegen kann«

Von Killian Hattstein-Blumenthal, Februar 2017

Das »Nein« der Dreijährigen der Welt und anderen gegenüber führt zur Bildung der eigenen Persönlichkeit. Es ist notwendig für eine gesunde Entwicklung und wir sind dazu aufgefordert, den Kindern einen liebevollen Raum für dieses »Nein« zu schaffen.

Foto: © Nora Philipp/photocase.de

»Nein« – mit diesem Wort scheiden sich die Geister. Der biografische Moment, ab dem wir beginnen, mit der trennenden Kraft des »Nein« zu arbeiten, liegt überraschend früh. »Bist du ein Schmetterling?«, frage ich einen dreijährigen Jungen, der mit großen Schmetterlingsflügeln durch die Wohnung hüpft. »Nein, ich bin ein Pferd, das fliegen kann!« Welcher Genuss, meinen Irrtum mit einem kräftigen Wort zurückweisen zu können! Und mit welch wunderbarer Klarheit das Zutreffende formuliert wird! Die ganze Macht der Wörter, die darin besteht, dem anderen sich selbst, so, wie man wirklich ist, darzustellen, wird spürbar: »Ich bin ein Pferd, das fliegen kann«: Jetzt, wo ich das weiß, sehe ich, dass der vermeintliche Schmetterling tatsächlich einen gemäßigten Trab bei seinem Weg durch die Wohnung vollführt. Sich selbst auszusprechen, mit treffenden Worten, und damit abwegige Ansichten anderer zu korrigieren – das ist Antipathie. Sie scheidet, aber sie führt auch zum Ich.

Fremde Ansprüche zurückweisen

Wie das? Das Alter, in dem der Junge sich befindet, nennen wir die »Trotzphase«. Das sagt mehr über uns als über die Kinder aus, die diesen Entwicklungsschritt tun. Für die Kinder verbinden sich darin zwei gewaltige Fortschritte: Sie können, erstens, mit der Benennungs-Macht der Sprache arbeiten. Und sie können, zweitens, das »Nein« benutzen, um fremde Ansprüche zurückweisen. Wie gerne Dreijährige das mit einer gewissen euphorischen Freude tun, kann man erleben, wenn man sich über ihr häufig geübtes »Nein« nicht gleich ärgert. Dass sie ihr Weigern-Können auch ins Unglück führt, und wir sie dann in tränenreicher Verweigerung sich selbst im Wege stehen sehen, ist der Grund, warum wir von einer »Trotzphase« sprechen. Rudolf Steiner beschreibt den Zusammenhang in der »Allgemeinen Menschenkunde«: »Der Umstand, dass wir uns durch unsere unter der Schwelle des Bewusstseins liegende Antipathie absondern können von der Umgebung, diese Tatsache bewirkt unser gesondertes Persönlichkeitsbewusstsein.«

Schule und Freundlichkeit für das »Nein«

Das »Nein« des Dreijährigen ist ein frühes, in Vielem zu frühes Zu-sich-selber Kommen. Wenn das Trotz-Unglück herrscht, muss der Erwachsene das Kind daraus erlösen. Es sollte ihm dann gelingen, die Antipathie beiseite zu lassen. Nur Sympathie wird, im einfühlsamen Sprechen mit dem heulenden Trotzkopf, gangbare Wege finden. Damit dem Erwachsenen diese Wendung gelingt, ist eine tiefere Einsicht in den Vorgang von Nöten. Denn das Scheitern von Erwachsenen am Umgang mit antipathisch gestimmten Kindern nimmt meiner Beobachtung nach immer dramatischere Ausmaße an.

Am Schlimmsten wird es, wenn Eltern beginnen, mit »trotzenden« Dreijährigen zu diskutieren. Die Argumente der Eltern werden nicht verstanden. Die durch sie ausgedrückte Antipathie wird von den Kindern als erschreckend erlebt. Sie beginnen zu weinen, sagen immer weiter »Nein«. Darauf werden die Eltern wütend, engagieren sich seelisch schnell bis zur Verzweiflung. Der Fehler liegt bei den Eltern und besteht darin, dass sie annehmen, die Persönlichkeit des Kindes sei – jetzt, wo sie sich gerade zu zeigen beginnt –, schon so ausgereift, dass sie sich mit der Persönlichkeit des Erwachsenen auf gleicher Ebene auseinanderzusetzen vermag. Das erste »Nein« ist aber nur ein erster kleiner Keim, der aus der Erde schaut – keine vollausgebildete Pflanze. Das dreijährige »Nein« braucht freundliche Aufnahme, ja sogar Schutz. Es sucht keine Argumentation, und ist ihr auch nicht gewachsen. Vor allem aber ist es keine Anti­pathie. Rudolf Steiner sprach von »unter der Schwelle des Bewusstseins liegender Antipathie«. Genau so ist es für das Kind. Es drückt mit dem »Nein« keine bewusste Zurückweisung aus. Es arbeitet mit Antipathie, um sich mit ihr auf den Weg zur eigenen Persönlichkeit zu machen. Dabei sucht es keinen Konflikt – sondern sich selbst: als weit in der Zukunft liegendes, viel später erst ausgereiftes Ich. Der Erwachsene empfindet im Kinder-»Nein« meist Antipathie. Will er angemessen reagieren, muss er einen Schritt weiter­gehen und den Vorgang der Antipathie in sein Bewusstsein heben.

Das Problem in seinem ganzen Umfang entsteht erst, weil die Erwachsenen grundsätzlich Probleme mit Antipathie haben. Sie wollen sie nicht empfinden, erst recht nicht zeigen – und artikulieren sie um so öfter. Maßlos ihre Kinder anschreiende Erwachsene sind ein leider inzwischen häufig anzutreffendes Resultat dieser selbst verschuldeten Hilflosigkeit. Wie finden wir heraus? – Steiner gibt einen Hinweis: »Alles, was das Kind tut und tobt, ist aus Sympathie zu dem Tun und Toben vollbracht. Aber sie [die Sympathie] kann nicht so bleiben, sie muss durchdrungen werden vom Vorstellen. Das geschieht, indem wir eingliedern in unsere bloßen Instinkte die Ideale, die moralischen Ideale. Jetzt werden Sie besser begreifen können, was eigentlich auf diesem Gebiete die Antipathie bedeutet. Blieben uns die Instinktimpulse, die wir in dem kleinen Kinde bemerken, durch das ganze Leben nur sympathisch, wie sie dem Kinde sympathisch sind, so würden wir uns unter dem Einfluss unserer Instinkte animalisch entwickeln. Die Instinkte müssen uns antipathisch werden, wir müssen Antipathie in sie hineingießen.«

Antipathie ist geboten

Antipathie ist also nicht nur erzieherisch legitim – sie ist moralisch geboten. Wie aber »gießen« wir Antipathie »in Instinkte hinein«? Da es dabei um die »Eingliederung« von Idealen geht, kommt uns die Differenz zwischen dem Ideal und der Wirklichkeit zu Hilfe. Die Kinder-Ablehnung – wogegen richtet sie sich wirklich? Wie ernst ist sie zu nehmen? Wie kann man ihr, ohne sie anzugreifen, Brücken bauen? Wie den erstaunlich frühen Eigen-Willen elastisch aufnehmen und, wo nötig und möglich, auf idealere Bahnen lenken?

Antipathie reift lebenslänglich mit uns. Ein zehnjähriges Kind kann sie bereits souverän artikulieren. »Ich mag den Stefan zwar nicht, aber wir sollten ihn gut verabschieden«, sagt eine Viertklässlerin in der Besprechung über den Weggang eines umziehenden Mitschülers. Der schaut bedröppelt, aber er kennt den Umstand zu gut, um noch in Tränen auszubrechen. Antipathie kann jetzt ausgehalten werden. Wir erkennen, dass wir an der Antipathie wachsen. Wir können sie über das reine Aushalten in ein gesetztes Ausagieren, und dann weiter in die kontroverse, aber anerkennende Argumentation ausdehnen. Indem wir an antipathischen Gefühlen Antipathie-Reife entwickeln, verstehen wir tätig, warum sie nicht die soziale Untugend ist, für die wir sie so gerne halten würden.

Zum Autor: Kilian Hattstein-Blumenthal ist Klassenlehrer und Regisseur an der Rudolf Steiner Schule Berlin.

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