Sichere Bindung

Von Brigitte Bayer, Juni 2017

Waldorfpädagogik und Bindungsforschung sind sich einig: Bindung ist ein psychisches Grundbedürfnis. Urvertrauen und die daraus sich entwickelnde Zuversicht für den Lebenslauf kann nur aus einem Zusammenspiel physischer und seelischer Geborgenheit, spiritueller Umgebung und einer sicheren Bindung entstehen.

Foto: © Charlotte Fischer

»Bindung ist«, so der Pionier der Bindungsforschung und Kinderarzt John Bowlby, »ein gefühlsmäßiges Band, das zwischen zwei Individuen entsteht.«

Die Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit sind die Grundlage für die sogenannten inneren oder mentalen Arbeitsmodelle des Selbst mit der Bindungsperson. Diese Modelle dienen dazu, das Verhalten der Bindungsperson zu interpretieren und ihr Verhalten vorherzusagen. Darüber hinaus ermöglichen sie, das eigene Bindungsverhalten, die eigenen Gedanken und Gefühle zu regulieren (Bowlby 1996).

Es hat sich erwiesen, dass sicher gebundene Kinder bessere Voraussetzungen haben, sich ihren individuellen Fähig­keiten entsprechend optimal zu entwickeln. Die sichere Bindung entsteht, wenn das Kind sein Signalverhalten (Schreien, Weinen, Lächeln, Vokalisieren, Anblicken, Lautieren) direkt vom Gegenüber gespiegelt bekommt. Es ist auf diese direkte Zuwendung angewiesen, da es in den ersten Lebensmonaten seine Affekte nicht selber regulieren kann. Jedes Kind hat die angeborene Neigung, Nähe und Kontakt zur primären Bezugsperson zu suchen und aufrechtzuerhalten. Eine Bezugsperson muss für das Kind ständig emotional verfügbar sein. Werden diese Bedürfnisse durch Zuwendung beantwortet, spürt das Kind seine Selbstwirksamkeit und kann an ihr reifen.

Eine sichere Bindung kann sich beim Kind nur entwickeln, wenn der Erwachsene durch sein feinfühliges Verhalten dem Kind das Gefühl vermittelt, selbstwirksam zu sein. Feinfühligkeit ist die Fähigkeit des Erwachsenen, die Signale des Kindes wahrzunehmen, sie richtig zu interpretieren, angemessen und prompt darauf zu reagieren.

Vom Bindungsmuster des Kindes, das sich in den ersten Lebensjahren entwickelt, hängt seine Fähigkeit ab, sich sozial kompetent und neugierig zu verhalten und sich einen Aktionsradius zu verschaffen, der eine gute Exploration zulässt, die wiederum Entwicklung ermöglicht.

Der magische Moment

Jede Interaktion zwischen Eltern und Kind hat die intensivsten Momente in der unbewussten Reaktion der Eltern auf das Kind. Hat man einmal den unbewussten, dem Kind zugewandten Blick einer Mutter oder eines Vaters erlebt, sieht man den sogenannten »magischen Moment«.

Dieser entsteht, wenn die Mutter

• prompt und intuitiv auf die Signale des Kindes reagiert,

• das Lächeln oder ein anderes Signal des Kindes mit einer unbewussten, hingebungsvollen Geste oder einem Lächeln spiegelt,

• die Geste des Kindes nicht imitiert, sondern spontan und affektiv auf das Verhalten des Kindes reagiert.

Diesen magischen Moment nehme ich als Seelenbegegnung wahr. Er ist die Voraussetzung für das Begleiten der Inkarnation des Kindes durch die Sinne in die Umwelt und durch die Organe in den eigenen Leib.

Nehmen wir als Erzieher diese Interaktion zwischen Mutter und Kind mit Achtung wahr, können wir deren Beziehung begleiten und gestalten. Für eine sichere Bindung sind auch Vertrauen und Verlässlichkeit zwischen Eltern und Erziehern notwendig. Denn das Kind kann sich nur auf eine Bindung einlassen, wenn die Erwachsenen, von denen es versorgt und behütet wird, ihrerseits eine tragfähige Beziehungsebene haben. Durch den Tagesrhythmus, Wochenrhythmus, Fest- und Jahreszeitenrhythmus, das Puppenspiel, das Freispiel und die Jahresfeste mit den Eltern geben wir dem kleinen Kind Geborgenheit. Wir bieten ihm damit ein verlässliches Gefüge und schaffen einen Schutz- und Entwicklungsraum für das Kind und dessen Familie.

Der Kindergartenalltag mit den geregelten Abläufen, die jedoch immer schwingen und nie starr sind, fördert eine sichere Bindung, die das Kind bleibend schützt. Das sicher gebundene Kind hat Vertrauen in die Welt. Sein Aktions­radius wird sich dem Alter entsprechend vergrößern und es kann im Rahmen von Vorbild und Nachahmung, Rhythmus und Kontinuität sich zu einem Menschen entwickeln, der die Möglichkeit hat, mit Respekt, Frustrationstoleranz, Empathie, Zuversicht und Freude dem Leben zu begegnen.

Zur Autorin: Brigitte Bayer ist Heilpädagogin im Haus Mignon Hamburg

Literatur: J. Bolwby: Bindung, München 1975

Kommentare

Nadia Jessen, Hamburg, 20.06.17 11:06

Brigitte,

Vielen Dank für den schönen Artikel. Habe ihn mit Freude gelesen und mich in meiner Beziehung zu meiner Tochter bestätigt gefühlt.


LG
Nadia

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