Tasten, Riechen, Schmecken

Von Christiane Kutik, Oktober 2009

Zehnjährige Schüler bei einem Riechtest. Sie werden mit verbundenen Augen in einen Raum geführt. Aufgebaut sind hier verschiedene Früchte, Kräuter, und Gewürze. Riechend sollen die Kinder herausfinden, was das ist, was ihnen unter die Nase gehalten wird. Samuel schnuppert an Verschiedenem und jedes Mal zuckt er nur mit den Schultern: »Keine Ahnung.« Auf einmal erhellt sich sein Gesicht: »Ah, Shampoo,« meint er. Und was ist es in Wirklichkeit? Es ist ein, reifer, saftiger Pfirsich.

Schmecken will gelernt sein. Foto: Charlotte Fischer

Woher sollen Kinder es denn wissen, wenn es ihnen niemand beigebracht hat? Es ist nicht nur der Geruchsinn, der heute bei vielen Kindern unterentwickelt ist. Eine Studie der Österreichischen Gesellschaft für Agrarmarketing aus dem Jahr 2008 belegt, dass drei von vier Kindern Schwierigkeiten haben, Geschmacksrichtungen zu bestimmen: »Nur jedes vierte Kind zwischen 10 und 13 Jahren kann süß, sauer, salzig und bitter unterscheiden.« Deutlich schlechtere Wahrnehmungsergebnisse bei Geruch und Geschmack hatten jene Schüler, die angaben, häufig oder ausschließlich Fastfood, Softdrinks, Knabberartikel und Süßigkeiten zu sich nehmen.

Natürlich ist es verführerisch, auf das zurückzugreifen, was den Alltag möglichst praktisch, pflegeleicht und einfach macht. – Vorgefertigte Nahrung gehört dazu.

Nebenwirkungen?

Doch Vorsicht. Das Konsumieren von Fertigprodukten hat zur Folge, dass man sich an die mit Zusatzstoffen aufgepeppten Gerichte gewöhnt. Und das liegt – so der Geruchsforscher Hanns Hatt in seinem Buch Das Maiglöckchen-Phänomen – an den darin enthaltenen Geschmacksverstärkern. Diese »führen dazu, dass der Gaumen nicht mehr oder schwerer empfänglich ist für natürliche Aromen […] Wer weiter zu Schokoriegel und Fertiggericht greift, wird nie erleben, dass es Spaß machen kann, gesünder zu essen, weil man es einfach nicht mehr schmeckt.«

Überdies enthalten Fertiggerichte extrem viel Zucker. Genaue Belege dazu liefert die von »Foodwatch« gestartete Kampagne »Fett statt fit«. Außerdem haben wir es mit handfesten Interessen zu tun: «Wenn Sie ein zweijähriges Kind für Ihr Produkt gewinnen und bis zum Alter von acht Jahren unablässig mit Werbung bombardieren, wird es sein Leben lang ein treuer Konsument bleiben«, so der Ex-Chef einer Bildungssoftware-Firma, Kevin O’Leary.

Eine weitere Nebenwirkung ist, dass Kinder »lernen«, nur noch zu konsumieren. Es ist ein hoher Preis, der verhindert, dass sie sich mit der wirklichen Welt verbinden. »Lass nur, es ist doch schon fertig«, so ruft es unseren Kindern von allen Seiten entgegen. Doch dadurch wird das natürliche Erfahren- und Lernenwollen der Kinder unterdrückt.

Kinder wollen Selbermacher sein

Wie leicht übersehen wir Erwachsenen, dass sich ein Kind die Welt erst erobern will. – Es ist spannend zu beobachten, wie die Kleinen tastend, riechend, schmeckend auf die Welt zugehen, welche Freude sie haben, zu experimentieren, zu ergründen und die Welt zu erobern – wenn wir sie lassen. Manchmal kommt da etwas ganz Überraschendes heraus: Es ist Sommer. Ein zehn Monate altes Kind ist mit seiner Mutter im Schwimmbad. Es sitzt auf der ausgebreiteten Decke. – Unweit von ihm zwei gelbrote, kugelige Gebilde. Die Mutter hat sie gerade ausgepackt. – Sofort ist sein Interesse geweckt. Es bewegt sich auf die Gebilde zu. Es tastet, hält inne und nimmt eines. »Wie gut das duftet«, mag das Kind empfinden. Es beißt hinein und schon ist es wohlig ganz dem Pfirsich hingegeben. Es ist für Momente vollkommen bei sich zu Hause. Ganz behaglich. – Die Mutter isst die andere Frucht und genießt und ist selbst ganz bei der Sache – und beim Kind: »Ein Pfirsich«, sagt sie. »Hmmh, riecht der gut. Ja, den magst du auch. Der schmeckt.« – Das Kind strahlt.

Etwas ist gut – weil die Eltern es gut finden

Die Rückmeldung der Mutter ist genau das, was das Kind jetzt ganz auf den Geschmack bringt. Es ist das Du, wie der Riechforscher Hanns Hatt bestätigt: Es sind die Eltern gegenüber, die sagen: Das schmeckt gut. Das Kind freut sich über diese Rückmeldung und hat ein positives Gefühl.

Ein zweites Beispiel: Ein etwa zweijähriges Kind im Restaurant. Einem Gast am Nachbartisch wird gerade seine Suppe serviert. Als er genüsslich anfängt zu essen, kommt das Kind herbei und schaut höchst interessiert auf den Teller mit der schön angerichteten Suppe: Tomatenrot, mit einem weißen Sahnehäubchen und frisch gehackten Kräutern darauf. Es erkundigt sich, was das ist. Und gleich wendet es sich an Mama: »… auch haben!« – »Nein, nein, für Dich hab ich etwas dabei. Für Dich kocht Firma H.« – Die Mutter zieht ein Gläschen aus der Tasche, öffnet es und füttert. Das Kind nimmt einen Happen im Stehen. Noch einen. Jetzt läuft es weg. »Komm, es gibt noch.« Das Kind schüttelt energisch den Kopf. »Noch ein bisschen wenigstens …« Hin und her. Schließlich kippt noch das Glas um. – »Was bist du denn immer so schwierig?«, ruft die Mutter mit ärgerlicher Stimme.

Was ist es denn, was die Sache hier so schwierig macht? Das Kind soll alleine essen. Die Mutter selbst sitzt nur vor einem leeren Teeglas. Sie isst nicht und genießt nicht. Damit fehlt dem Kind ein Vorbild, ein Erwachsener, der auch isst und es sich schmecken lässt. – Außerdem wird das Zweijährige auf Babystufe gehalten und aus dem Gläschen gefüttert. Es hat keinen Löffel, keinen Teller – also keine Gelegenheit zum Greifen und Tasten. Es kann nicht erkennen, was es eigentlich gibt. Kein köstlicher Duft, der lockt. Die Sinne bleiben außen vor.

Schmecken will gelernt sein

Kinder können nahezu alles an Geschmack lieben lernen, je nachdem, was im sozialen Umfeld gegessen wird. Damit das Schmeckvermögen unserer Kinder sich wach und differenziert ausbilden kann, ist meine Empfehlung dazu, das Ernähren in der Familie von Anfang an als Kulturgut zu pflegen.

Scheinbar kleine Dinge sind wichtige Vorbereitungen auf dem Weg dort hin. Das kann ein Einkauf auf dem Markt sein, wenn das Kind auch in »seinem« Körbchen Kartoffeln, Birnen und Trauben tragen darf. Oder die gemeinsame Gartenarbeit: »Was ist denn das Braune da?«, fragt ein Achtjähriger, als er seinem Onkel im Garten hilft. Der Onkel: »Komm mal mit.« In der Küche wäscht der Onkel »das Braune« sorgfältig ab, er nimmt ein Messer, und schneidet ein etwa fingerlanges Stück heraus und reicht es dem Jungen: »Weißt du’s jetzt?« – »Ah, Pommes«, sagt der Junge.

Und er erfährt jetzt zum ersten Mal, was eine Kartoffel ist.

Kinder können selber backen

Es ist eben kein liebevolles Verwöhnen, wenn Kinder alles fix und fertig bekommen oder wenn wir sagen: »Lass nur, ich mach es schnell selbst.« Kinder lieben es mitzuwirken da, wo Mama und Papa aktiv etwas tun. Deswegen ist es geradezu notwendig, so oft wie möglich frisch zu kochen und Kinder von klein an in der Küche dabei sein zu lassen. Da, wo es Karotten, Kartoffeln und anderes anzufühlen, zu greifen, zu schälen und zu schneiden und zu kosten gibt, wo Kräuter an der Fensterbank versorgt und geerntet werden, wo feiner Duft aufsteigt, wenn Gemüse angeschmurgelt wird und wo es schon mal etwas, abzuschmecken oder auszulecken gibt, da lernen die Kinder, ihre Sinne zu entwickeln und mit ihnen die Welt zu entdecken.

Wie groß und wichtig fühlt sich dieser Sechsjährige, als die Mutter ihn einen Löffel Suppe abschmecken lässt und fragt: »Fehlt noch was – was meinst du?« – »Bisschen Salz vielleicht noch!«

»Kinder werden als Riesen geboren …«

heißt es in einem Lied von Reinhard Mey, »… doch mit jedem Tag, der dann erwacht, geht ein Stück von ihrer Kraft verloren, tun wir etwas, das sie kleiner macht«. – Und das geschieht ohne Absicht. – So ist zum Beispiel bei kleinen Kindern der Tastsinn schon besonders gut angelegt. Tastorgane, die Babys und Kleinkinder am meisten nutzen, sind neben Handflächen, Fingerkuppen und Fußsohlen ganz besonders auch Mund und Zunge. Deswegen stecken sie Gegenstände, die sie greifen können, so gerne in den Mund.

»Das nervt mich«, sagt die Mutter der kleinen Sarah, »immer nimmt sie alles in den Mund. Ich kann doch auch nicht immer alles abwaschen. Meistens nehm’ ich ihr dann die Sachen weg.«

Warum alles in den Mund kommt

Genau das sollten wir nicht tun, denn gerade im Mundbereich befinden sich besonders viele Tastzellen. »Sich hinneigen zum Kind«, das empfiehlt der große Kinderfreund Peter Rosegger – mit gutem Grund. Tun wir dies und mischen uns mal nicht ein, dann haben wir Erwachsene ein »Aha-Erlebnis«. Wir können nur staunen, wie aufmerksam zum Beispiel ein Einjähriges einen ihm unbekannten Gegenstand regelrecht studiert, betastet, damit klopft, mit Lippen, Mund und Zunge darangeht, weil es so noch genauer, als nur mit Händen und Füßen, dessen Beschaffenheit erforschen kann. Schmeckend, riechend, tastend begreifen Kinder die Welt. – Was ist, wenn sie zu wenig Gelegenheit dazu haben?

Vom Greifen zum Begreifen

Eine Ergotherapeutin berichtet, dass sie zunehmend Kinder erlebt, die es vermeiden zu greifen, und dass genau diese Kinder sich so schwer tun, Dinge und Zusammenhänge zu begreifen. Sie führt das direkt zurück auf fehlende Tasterfahrungen in den ersten Lebensjahren. – Kinder wachsen lassen und fördern, das geht nur, indem wir sie fordern: Lassen wir sie anfassen, tasten, schmecken, greifen, rennen, kriechen, hüpfen, barfuß laufen, balancieren, mit Material experimentieren – ohne sie dauernd mit Erste-Hilfe-Paket und eigenen Ängsten zu behelligen. Geben wir ihnen Gelegenheit, eigene Geschicklichkeit zu entwickeln, anstatt sie zu mahnen, wenn sie aufs Klettergerüst oder auf einen Baum wollen. Lassen wir sie sich die Knie anschlagen – das gehört zum Kindsein. Lassen wir sie auch etwas werkeln, wenn wir in Haus und Garten zu schaffen haben – damit ermöglichen wir ihnen, Forscher zu sein. Denn – wie Aristoteles es treffend feststellte: »Es ist nichts im Verstand, was nicht zuvor in den Sinnen war.«

Zur Autorin: Christiane Kutik arbeitet als Elterncoach und leitet das IPSUM-Institut München.

Weitere Informationen unter: www.kreativ-erziehen.de

Literatur: Hanns Hatt / Regine Dee, Das Maiglöckchen-Phänomen – Alles über das Riechen und wie es unser Leben bestimmt, München 2009 / Greenpeace Magazin, Heft 1/2003 / Christiane Kutik, Erziehen mit Gelassenheit, Stuttgart 22009

Interessante Hintergrundinformationen sind zu finden unter: www.foodwatch.de

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