Theater im Kindergarten

Von Maike Keibel, September 2011

Erwachsene brauchen Kurse und Therapien, um phantasie- und lustvoll Spielszenen improvisieren zu können – Kinder tun das von alleine ...

Sicherlich hatten Sie auch schon einmal das Vergnügen, Zuschauer in einem Improvisationstheater zu sein und sich an den mehr oder minder spontan-witzigen Ausdrucksbemühungen der Schauspieler zu erfreuen. Improvisationstheater (oft auch kurz Improtheater) ist eine Form des Theaters, bei dem eine oder mehrere zuvor nicht einstudierte Szenen gespielt werden. Meist lassen sich die Schauspieler ein Thema oder einen Vorschlag aus dem Publikum geben. Diese Vorschläge sind dann Auslöser und Leitfaden spontan entstehender Szenen. Häufig werden die Spieler durch einen – meist ebenfalls improvisierenden – Musiker begleitet. In meiner täglichen Arbeit als Waldorfpädagogin mit Kindergartenkindern ergeben sich oft Spielsituationen, die mich an eine gut gelungene »Improshow« erinnern, nur dass die »Schauspieler« mit einer »ernsthaften Leichtigkeit« ihrem Spiel nachgehen, die ein Erwachsener sich mühsam aneignen muss. Hier eine Kostprobe.

Die Bergbahn

Paul Joe baut mit der Hilfe von Nelio Kindergartenstühle zu einer Bergbahn um.

Paul Joe: »Ich bin der Bergbahnführer, alles einsteigen, wir fahren nach Ellersdorf!!!« Nelio aus voller Brust: »Alles einsteigen!« Lee Marie mit ihrem typischen »Lee Marie Schmollmund-Gesichtsausdruck«: »Ich will aber lieber nach Italien!« Paul Joe (resolut): »Nein, wir fahren nach Ellersdorf!« Alle Mitreisenden sitzen auf ihren Plätzen, Matteo und Kurt spielen um die Bergbahn herum ungerührt Fußball mit einem kleinen gefilzten Ball und Paul Joe möchte nun endlich losfahren.

Nelio als Assistent ist noch nicht abfahrbereit. Er dreht mit einem »Bohrer« in Form einer kleinen Baumwurzel noch mal schnell ein paar Schrauben an den Stühlen, nein, an der Bergbahn fest. Dann setzt er sich nach einem Ruf von Paul Joe auch in den Zug. Die Bergbahn fährt nun unter bergbahnähnlichen Geräuschen den Berg hinauf – bis zum Bergmuseum. Dort müssen laut Anweisung des Zugführers alle Mitreisenden aussteigen und sich umgucken. Alle laufen durcheinander und unsere beiden Fußballspieler wundern sich, warum es plötzlich so lebendig um sie herum wird. Dann ein lauter Ruf von Elisa: »Wir wollen jetzt alle was essen!«

Spontan bieten sich Oskar und Jula, die in der Spielecke mit Kastanien und Muscheln gerade ein Café aufgebaut hatten, als Essenslieferanten an.

Oskar: »Hey, wir bringen euch was zu essen! Was wollt ihr denn?« Paul Joe schlägt für seine Bahngäste Cola vor. Lee Marie klemmt sich die Puppe unter den Arm und geht forschen Schrittes Richtung Café: »Ich will auch Cola haben!«

Immer noch spielen Matteo und Kurt lachend ihr Ballspiel. Plötzlich fällt ein Spielständer aus Holz um. Empörung bei den Bergbahngästen.

Paul Joe: »Ey, das ist unsere Berghütte, das geht nicht!!« Betretene Gesichter …

Aber inzwischen liefert der Catering-Service. Verteilt werden Kataloge (die beiden Märklinkataloge von Paul und Nelio) zum Angucken, dazu gibt es Pommes (Kastanien) und ein paar Colaflaschen (Muscheln). Nun wird geschmaust. Aber die Pause ist nur von kurzer Dauer, auch die beiden Fußballspieler erhalten großzügig eine Cola. Dann ermahnt Paul Joe zur Weiterfahrt: »Alles wieder hinsetzen, wir fahren zur Tierforschungsstation! Da gibt’s Bergziegen, die sind so groß wie Bisons!«

Sehr schnell kommen sie bei der Tierforschungsstation an. Paul Joe: »Die kleinen Babyziegen kriegen erst einmal medizinische Spritzen! Ihr könnt nun alle aussteigen! Ihr könnt jetzt alle Tiere anschauen, aber nicht ärgern! Kommt mal, hier hinten ist eine Bergziege (er krabbelt auf Händen und Füßen), die ist schon erwachsen!« Lenny und Lee streicheln freundlich zugewandt die große Bergziege. Auf einmal ein Aufschrei von Lee Marie: »Das ist ja ein Bison!« Elisa widerspricht: »Nein, ein Babytiger!«

Während die Reisenden nun die vielen Tierarten bestaunen, blättert Assistent Nelio in seinem Eisenbahnkatalog … Derweil sind das Catering-Duo Oskar und Jula in ihrem Café mit Tisch decken beschäftigt. Oskar: »Jula, deck doch mal wieder ab, das Geschirr kommt in die Spülmaschine!!!« Jula: »Weißt du Oskar, erst mal muss man vom Geschirr essen, dann kann man es erst abdecken!« Oskar: »Nö, ich bring jetzt mein Geschirr raus« (er trinkt einen Schluck Cola aus einer Muschel und deckt die Hälfte des Geschirrs ab). Jula dreht sich leicht genervt um, nimmt eine Puppe auf den Arm, wiegt sie und ignoriert Oskar. Nun springt Oskar von seinem Platz auf, rennt zur Bergbahn und schaut nach dem Rechten. Hier macht nun Paul Joe eine neue Ansage an seine Gäste: »Alle einsteigen, wir fahren zum Bergkrankenhaus!« Daraufhin springt Oskar aus der Bahn und ruft: »Ich fahr' doch nicht mit, ich bleib bei meiner Frau!« Kaum ist Oskar bei seiner Frau Jula angekommen, hört man Paul Joe rufen: »Essensnachschub, wir brauchen Essensnachschub!« Flink holt Oskar die Bierflaschen (große Tannenzapfen) aus dem Getränkekorb und ruft: »Es gibt auch noch Kartoffeln dazu!«

Im Zug, der doch noch nicht abgefahren ist, wird’s nun unruhig. Wieder einmal ein kleiner spitzer Aufschrei von Lee Marie: »Eine Riesenkakerlake ist unter meinem Stuhl!« Paul Joe ganz begeistert: »Oh, ein Tierexperiment!« Elisa mit ängstlichem Gesicht fragt daraufhin: »Äh, eine Kakalake?« Alles lacht, nur Jula meint mit ernstem Gesicht: »Das ist nicht witzig!«

Die anderen Bergbahnreisenden zeigen eine leichte Beunruhigung, nur Lousia schaut nach wie vor glücklich und strahlend aus dem Fenster und sieht wen? Na, unsere Fußballprofis am Berghang … Wieder Lee Marie kreischend: »Achtung, ein Kojote!« Paul Joe (nun in der Rolle des Kojoten): »Ich kletter jetzt zum Fenster rein!« Lee: »Darf ich auch ein Kojote sein?« Paul Joe sehr streng: »Ja, Lee auch, aber die anderen nicht!« Das ruft wiederum Jula auf den Plan: »Ich bin dann eben ein Pumababy!« Oskar: »Hee, nicht alle jetzt …!« Paul Joe nimmt das beginnende Chaos wahr und hat den rettenden Einfall: »Alle einsteigen, es geht weiter jetzt! Ich gebe euch ein Tierbestimmungsheft. Wenn ihr aus dem Fenster guckt, könnt ihr Tiere sehen und bestimmen …!« Die Bergbahn setzt ihre Fahrt fort …

Aus den obigen Zeilen sprechen Spontanität, Kreativität, Phantasie und die Freude am Sein. Die »Freispielzeit« im Waldorfkindergarten gibt den Kindern Raum, Erlebtes und Phantasiebilder in einem freien kreativen Spiel miteinander zu verknüpfen und auszuleben. Dieses Spiel zu beobachten, war eine »Sternstunde« im Alltag, und was mich zusätzlich noch beeindruckt hatte, war folgende Antwort des ältesten Jungen aus der Gruppe, der dieses Spiel maßgeblich lenkte. Auf die Nachfrage von mir an Paul Joe, ob er denn schon mal mit einer Bergbahn gefahren sei, verneinte er und ließ mich verblüfft zurück: Woher kannte er eine Berghütte, ein Bergmuseum und vor allen Dingen die Aufgaben eines Bergbahnführers?

Zur Autorin: Maike Keibel, Heilpädagogin und Kunsttherapeutin im Waldorfkindergarten Bad Oldesloe

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