Vorlesen ist eine Kunst

Von Heide Mende-Kurz, Januar 2017

Es ist ein Jammer, dass wir die kostbare Fähigkeit des Vorlesens so wenig nützen. Entsteht doch eine ungeahnte, dichte Stimmung zwischen Vorleser und Zuhörer, ja es geschieht ein Wunder, wenn die schwarzen, gedruckten Buchstaben, die Vokale und die Konsonanten, von unseren Sprechwerkzeugen in den Raum gerufen werden.

Foto: © Charlotte Fischer

Man wusste einst und hat es fast vergessen: Laute sind Geschenke des Himmels, die aufgemacht werden wollen. Vergessen ist, dass Vokale Planetenkräfte, Konsonanten Tierkreiskräfte sind.

Beim Vorlesen stellen sich die Buchstaben selbstlos und objektiv zur Verfügung, mehr als wenn wir selber miteinander sprechen. Denn beim Miteinandersprechen schwingen viele äußere Sinnesprozesse mit: Wir sehen die Augen, das Gesicht, das Mienenspiel, die Körperhaltung, die Kleider oder die Umgebung – aber Buchstaben sehen wir beim Reden nicht. Beim Vorlesen werden Buchstaben zu Lauten. Und so wie man das Vorlesen üben kann, kann man auch die Laute üben. Jeder kann seine Mundbewegungen beobachten und belauschen, um die schönsten Vokale und Konsonanten zu erzeugen.

Probieren Sie, statt zu denken! Es macht Spaß und den Kindern auch – beim Vorlesen-Üben, einmal im gleichen Wort die Vokale, einmal die Konsonanten zu übertreiben. Sie werden bald merken, was besser und richtiger klingt. Adjektive wollen eigenartigerweise viel Vokalisches. Wichtig ist das tiefe Einatmen vor jedem Satzbeginn, die Atemzäsur, die Pausen bei den Satzzeichen. Wie gliedere ich die Sätze in die wesentlichen Einheiten, wie fasse ich lautlich Naturbeschreibungen, wie Gegenstände, wie Dialoge? Sie werden bald hören, dass gut artikulierte Laute im Wort lebendige Bilder erzeugen können. Ein Gefühl für Silben und Rhythmus bildet sich allmählich.

Was geschieht also beim Vorlesen? Der Zuhörer wird in eine innere Bilderwelt versetzt. So können wir eine tiefe, für alle beglückende Atmosphäre schaffen, die sich mit keinem anderen Medium gestalten lässt. Vorausgesetzt, wir lesen gute Literatur. Vorlesen können wir Kindern und Jugendlichen genauso, wie sich auch Erwachsene gegenseitig vorlesen können.

Vorlesen schafft durch das Zuhören ein Zusammengehörigkeitsgefühl, das in unserer zunehmend einsamen, atemlosen und zerrissenen Welt heilend wirken kann. Nicht von ungefähr wird im Kultus der Text gelesen.

Zur Autorin: Heide Mende-Kurz ist Sprachgestalterin und Logopädin sowie Autorin mehrerer Sprachbilderbücher, zuletzt neu erschienen: »Das Trollkind« von Selma Lagerlöf, www.wortforum.de

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