Was Kinder sich wünschen

Von Katharina Offenborn, Dezember 2016

Weihnachten naht. Alljährlich suchen Eltern, Großeltern, Tanten, Onkel und Paten nach passenden Geschenken. Die Spielzeugindustrie hat Hochkonjunktur. Kinder werden mit Spielsachen überhäuft, und wenn anfangs die Freude auch groß ist, liegt Vieles davon bald nur noch herum – alle Jahre wieder –, denn nur wenig Spielzeug eignet sich zum Spielen.

Welche Geschenke sind sinnvoll? Was wünschen sich die Kinder? Glauben wir der Werbung, so wollen sie Dinge, mit denen sie in unterschiedlichster Weise hantieren und bauen können – Dinge aus Naturmaterialien oder Kunststoff, schöne und weniger schöne – da sind die Geschmäcker verschieden. Aber letztendlich geht es immer um allzu fertige Produkte, die die Fantasiekräfte der Kinder zu wenig herausfordern, die ihnen wenig Anreiz bieten, innerlich rege und aktiv zu werden – sprich: damit lange und immer wieder zu spielen. Womit wir eine erste Antwort auf unsere oben gestellte Frage hätten: Kinder wollen spielen und brauchen dazu möglichst wenig »Zeug«.

Was sie aber sehr wohl brauchen können, ist das eine oder andere Möbelstück, wie einen schönen Vollholztisch, ein neues Bett, ein Schaukelpferd oder Puppenbett. In all diesen Fällen wäre es sinnvoll, wenn die Eltern die Geschenke aussuchen und die Verwandten bitten, dafür zusammenzulegen.

Erster Wunsch: Spielen

Kinder spielen mit allem, was um sie herum ist, vor allem aber mit Dingen, die ihre Fantasie anregen – das gilt für alle Altersgruppen. Sie ahmen nach, was die Erwachsenen tun und brauchen dazu keine detailgetreuen Miniwerkzeuge und Geräte – sie tun es wie nebenbei mit allem, was ihnen in die Hände fällt: Ein Holzklotz wird zum Handy, zum Auto oder zum Brotlaib.

Beim Spielen bekommt die kindliche Fantasie Flügel, schärfen sich die Sinne, werden die Bewegungen geschickter, die Muskeln kräftiger, tritt das Kind in einen Dialog mit der Umgebung. Kinder bilden beim Spiel also genau die Fähigkeiten aus, auf denen alle Bildung aufbaut, die heute schon im frühesten Alter beginnen soll. Nur: Kinder erleben und bilden sich selbst durch alles, was sie tun, in einer selbstbestimmten spielerischen Begegnung mit der Welt. Von Anfang an erforschen sie die Dinge mit allen verfügbaren Sinnen, untersuchen ihre Form und Funktion: Indem sie sich der Schwerkraft entgegenzustemmen bemühen beim Sich-Aufrichten, das Gleichgewicht zu wahren versuchen bei den ersten Gehversuchen und Höhenverhältnisse einschätzen beim Klettern, erforschen sie physikalische Gesetze und lernen dabei die Elemente und ihren Körper kennen.

Sie erkennen aber auch Abläufe und Menschen in ihrem Alltag wieder, gehen in den Dialog beim Spracherwerb, interessieren sich zunehmend für das soziale Miteinander – die kleinen auf sich selbst bezogenen »Individualisten« der ersten drei Jahre entwickeln sich nach und nach zu sozialen Wesen.

Zweiter Wunsch: Authentische Vorbilder

Den Erwerb all dieser Fähigkeiten verdanken sie nicht zuletzt ihrem unglaublichen Nachahmungsvermögen. Sie lernen nicht zwangsläufig aufzustehen, zu gehen und zu sprechen, wie die Beispiele der »Wolfskinder« belegen. Die Voraussetzung dafür sind Menschen um sie herum, die über diese Fähigkeiten verfügen.

Unsere Aufmerksamkeit, unsere Stimmung, unser Dasein, unser Tun bilden das »Element«, das Fluidum, in das die Kinder eintauchen, das sie umgibt und prägt bis in die Gestaltung ihres Leibes hinein. Wir sind uns oft nicht bewusst, wie sehr wir einander, vor allem aber die Kinder, beeinflussen. Auch wenn der Begriff des »Vorbilds« etwas aus der Mode gekommen ist – wir sind Vorbilder für die Kinder in unserem Umfeld.

Das gilt für alle Kulturtechniken, Handlungsweisen und Werte, die wir ihnen beibringen wollen, damit sie sich später im Leben gut zurechtfinden. Dass dieses »Beibringen« wenig mit Dressieren zu tun hat, auch wenn in beiden Fällen Übung im Spiel ist, wissen wir aus Erfahrung. Wer dressiert, muss das, was er dem Tier beibringen will, nicht selbst beherrschen. Werte und Fähigkeiten jedoch, die wir unseren Kindern vermitteln wollen, müssen die unseren sein, sonst klappt es nicht. Trotzdem steht es jedem Kind frei, sich aus »unserem Schatzkästchen« herauszusuchen, was zu ihm passt – und uns eines schönen Tages weit über den Kopf zu wachsen… Womit wir eine weitere Antwort hätten: Kinder brauchen authentische Vorbilder. Ohne uns Erwachsene geht es nicht.

Dritter Wunsch: Zusammen feiern

Jedem Fest liegen bestimmte Ideale zugrunde, denen man durch das Feiern sichtbaren Ausdruck verleihen kann. Dazu gehört ein ganz besonders schön und festlich gedeckter Tisch, eine Ecke im Zimmer, die jahreszeitlich geschmückt ist, und bestimmte Naturerfahrungen gemeinsam mit der Familie. Kinder sind offen für alles, was ein Fest zu einem Fest macht. Besonders aber lieben sie den Advent: Die geheimnisvolle Stimmung, die andeutet, dass etwas Großes auf sie zukommt. Dazu gehört, dass die Puppe auf die Himmelswiese gegangen ist, um neu eingekleidet zu werden oder dass ein reparaturbedürftiges Lieblingsspielzeug in der Himmelswerkstatt einen neuen Anstrich bekommen soll. Das schwingt auch mit beim gemeinsamen Backen und Vorbereiten, bei den Geschichten und Liedern – nicht »aus der Konserve«, sondern live gesungen und vorgelesen. Und wenn das Ganze nicht nur eine »Aufführung« ist, sondern Mama und Papa innerlich teilhaben an all dem Feierlichen, Überraschenden, ist das für ihr Kind das eigentliche Geschenk. Kinder lieben es zu feiern, richtig zu feiern, von innen her. Doch sie brauchen uns Erwachsene als Vermittler für die dem Fest zugrundeliegenden geistigen Realitäten.

Was aber, wenn bei all dem Vorbereitungsstress keine Weihnachtsstimmung aufkommen will? Vielleicht tröstet uns die Vorstellung, dass die hochschwangere Maria auf dem Esel wahrscheinlich auch nicht weihnachtlich gestimmt war. Und Josef unweigerlich die Verantwortung für die werdende Familie auf sich lasten spürte: Er musste Quartier und Nahrung finden für Mensch und Tier – zu einer Zeit, als alle Welt unterwegs zu sein schien, ein Einzelner wenig zählte und er eine Abfuhr nach der anderen bekam. Er tat, was er konnte, nahm hin, was ihm widerfuhr, und machte das Beste aus dem, was ihm zuteil wurde – und mit ihm Maria … und so konnte der Himmel das Seine tun und das Wunder der Christgeburt geschehen lassen, das der Nacht bis heute ihre Weihe gibt.

Ist Weihnachten nicht jedes Mal aufs Neue wie eine Geburt, mit deren wahrem Sinn man geduldig schwanger gehen muss und die unsere Herzen als Krippe braucht, damit sie gelingt?

Zur Autorin: Katharina Offenborn ist Heim- und Jugenderzieherin; Krippenleitung; Ergotherapeutin; Tagesmutter, Zusatzqualifikation Kleinkindpädagogik nach Waldorf und Pikler.

Literatur: B. Barz: Feiern der Jahresfeste mit Kindern: Für Eltern dargestellt, Stuttgart 2004

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