G20 und das passende Leben

Von Henning Kullak-Ublick, September 2017

Vor achtzig Jahren brachte Charlie Chaplins genialer Film »Moderne Zeiten« eine Frage auf den Punkt, deren Aktualität seither immer weiter zugenommen hat: Steuern wir auf eine genormte, anonyme Massengesellschaft zu, in der der einzelne Mensch zu einem winzigen Rädchen im Getriebe, zu einem auswechselbaren Produktionsfaktor unter vielen anderen degradiert wird?

Die Anfangsbilder des Films mit ihren grotesk-komisch überzeichneten Leiden des Fließbandarbeiters sind, legt man einen Weltmaßstab an, nicht nur nicht überholt, sondern so alltäglich geworden, dass wir sie für den Normalzustand halten, abgefedert durch eine gigantische Unterhaltungsindustrie, die Freiheit und Verantwortung längst durch eine Philosophie der Freizeit ersetzt hat.

Dass das nur eine Seite der Wahrheit ist, zeigen Millionen Initiativen, die rund um den Erdball an einer anderen Weltordnung bauen und den Respekt vor der Einzigartigkeit und Würde jedes Menschen zum Ausgangspunkt und Ziel ihres ökonomischen, politischen oder kulturellen Handelns haben. Die Frage stellt sich allerdings, ob das überhaupt irgendeine Relevanz hat oder ob hier nur idealistische Träumer versuchen, der harten Wirklichkeit ihre sozialen und ökologischen Spielereien entgegenzusetzen.

Schaut man auf die Gewaltexzesse anlässlich des G20-Gipfels in Hamburg, steht jedenfalls fest, dass es eine offenbar wachsende Zahl vor allem junger Menschen gibt, die diese Frage nur noch mit Zerstörung beantworten können. Die Diskrepanz zwischen ihrem Idealbild einer menschenwürdigen Welt und ihrer eigenen Wirksamkeit erscheint ihnen so unüberbrückbar, dass sie das Gewaltkollektiv brauchen, um sich überhaupt als handelnd zu erleben. Auch wenn sich die Symbole und Inhalte grundlegend unterscheiden, drängen sich Parallelen zu den jungen Männern auf, die in Kollektiven wie dem IS einen Sinn suchen, den sie sonst im Leben nicht mehr finden können. Damit sind wir bei einer eminent pädagogischen Frage: Was brauchen Menschen heute, um sich wieder in der modernen Welt beheimaten und aufgehoben fühlen zu können?

Dieser Frage spürt auch der Schweizer Kinderarzt Remo Largo in seinem neuen Buch »Das passende Leben« nach, dessen Inhalt er auf Nachfrage so zusammenfasst: »Alle Kinder sind verschieden und sie werden im Laufe der Zeit immer verschiedener.«

Man möchte diesen Satz zur Präambel aller Schulgesetze machen! Nicht immer neue Normen und Standards werden gebraucht, sondern lebendige Erziehungskünstler, die die Kinder und Heranwachsenden bei allem, was sie tun und lernen, die grundlegenden Erfahrungen machen lassen: Ich werde gesehen. // Es kommt auf mich an – und auf jeden anderen Menschen auch. // Ich kann die Welt lieben, ich kann sie verstehen, ich kann sie verändern.

Die »Wirklichkeit, in der wir leben«, ist im Kleinsten wie im Weltmaßstab gestaltbar, aber dazu braucht es Menschen, die schon in ihrer Kindheit Vertrauen in ihre Gedanken, in ihre Gefühle und in ihr Handeln entwickeln konnten, sowohl individuell, als auch in lernenden Gemeinschaften.

Henning Kullak-Ublick, von 1984 – 2010 Klassenlehrer an der FWS Flensburg; Vorstand im Bund der Freien Waldorfschulen, den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners, der Internationalen Konferenz der Waldorfpädagogischen Bewegung – Haager Kreis sowie Koordinator von Waldorf100 und Autor des Buches »Jedes Kind ein Könner. Fragen und Antworten an die Waldorfpädagogik«.

Kommentare

Andreas , 07.09.17 11:09

da sollte man mal diesen schönen Anspruch mit der nüchternden, endlosen Tabelle Ihrer offenen Stellengesuche gegenüberstellen. Nicht mal den Waldorfleuten gelingt der nötige Einsatz für unsere Kinder.
Mit freundlichen Grüßen
Andreas.

Beate , 11.09.17 09:09

Hallo
Wenn wir Eltern nicht anfangen selbst aktiv zu werden . Bitte wie soll das Schulsystem aktiv sein.
In erster Linie geht es doch um unsere Kinder und wir können nur was ändern wenn wir es machen, mit dem uns gebotenen Schulsystem.
Allein die Lehrer können nicht verantwortlich sein für die Bildung und Neugier unserer Kinder.
Das wäre doch traurig, da die Verantwortung abzugeben.
VG und traut euch Beate

christiane kühne, eurasburg, 21.09.17 12:09

Sehr geehrter Herr Kullak-Ublick,
Sie sprechen von lebendigen Erziehungskünstlern, die gebraucht werden. Von solchen, die Kinder bei Allem die grundlegende Erfahrung machen lassen: „Ich werde gesehen….. ich kann die Welt lieben, ich kann sie verstehen, ich kann sie verändern.“ Diese grundlegende Erfahrung soll ja auch für uns erwachsene weiterhin gültig sein, wir mögen es Kindern und Heranwachsenden vorleben.
Da Sie in Personalunion den Bund aller deutschen Waldorfschulen vertreten und zugleich sich schon in einer anderen Ausgabe der Erziehungskunst zur Gründung der Partei die GRÜNEN bekannt haben, möchte ich Ihnen eine Frage stellen:
Wie vereinbaren Sie die Liebe zum Menschen,
echten Humanismus und Anthroposophie einerseits mit der Zugehörigkeit zu einer Partei andererseits, die von Waffenproduzenten jährlich hohe Spenden bezieht?
Parteispenden müssen (leider nicht in Blättern der Funke-Medien-gruppe) laut Parteiengesetzt veröffentlicht werden. Es nutzt den unredlichen Parteien jedoch sehr, dass der Durchschnittswähler das nicht überprüft. Jedoch das Abstimmungsverhalten der Bundestagsabgeordneten der Partei Die Grünen zu Kriegseinsätzen und Waffenexporten auch in Krisengebiete bildet dies längst deutlich ab. Zum Beispiel wurde im Dezember 2015 mit Hilfe der Stimmen der Grünen Abgeordneten, zusätzlich zu denen von CDU, CSU, FDP, SPD der Kriegseinsatz in Syrien in ganz wenigen Tagen beschlossen!
Für mehr Friedensverhandlungen, gegen Kriegsursachen, gegen Minderjährige in der deutschen Bundeswehr, für sozialen Frieden als essentielle Grundlage für eine echte nachhaltig ökologische Politik, für ein friedliches Miteinander setzt sich eine ganz andere Partei konsequent und unbestechlich ein, deren Bundestagsabgeordnete allesamt die Anwesenheitspflicht bei Sitzungen ernst nehmen und meist nach zwei Legislaturperioden sich von anderen Bundestagsabgeordneten ablösen lassen (vgl. aktuell Jan van Aken).

Henning Kullak-Ublick, 21.09.17 19:09

Ganz einfach: Ich habe die Grünen in den 1980er Jahren mitgegründet. Ich vertrete aber weder eine „grüne“ Parteilinie noch die irgendeiner anderen Partei, sondern setze mich für die Stärkung der Zivilgesellschaft ein. Dazu gehören unter anderem die Erweiterung der parlamentarische (Parteien-)Demokratie durch die Direkte Demokratie und Freiheit im das Bildungswesen: Die dreistufige Volksgesetzgebung, damit wirklich wichtige Entscheidungen durch einen gesellschaftlichen Diskurs gehen und dann vom Souverän abgestimmt werden, das freie Schulwesen, damit die Bildung unabhängig von staatlicher oder ökonomischer Einflussnahme (aber natürlich auf Grundklage der Verfassung, muss man heute wohl hinzufügen) erfolgen kann.

Kommentar hinzufügen


* Diese Felder müssen ausgefüllt werden.