Vielfalt sichtbar machen!

Von Joachim Schulte, Juni 2017

»SCHLAU« leistet Aufklärungsarbeit zur sexuellen und geschlechtlichen Identitätsfindung.

Foto: © Charlotte Fischer

Schwule Schüler, lesbische Schülerinnen lernen an Waldorfschulen, auch transidente (primäre biologische Geschlechtsmerkmale stimmen nicht mit der gefühlten Geschlechtsidentität überein) und intersexuelle (biologische Merkmale beider Geschlechter sind vorhanden) Jugendliche besuchen sie. Schwule Lehrer, lesbische Lehrerinnen lehren an Waldorfschulen, auch transidente und intersexuelle Pädagoginnen unterrichten dort. Beide Tatsachen stehen im Widerspruch zu dem, was an den meisten Schulen Alltag ist – sie sind unsichtbar.

Auch Regenbogeneltern entscheiden sich für die Waldorfschule: Nicht immer ohne Diskussion mit der zukünftigen Klassenleitung manchmal auch in Elternabenden, häufiger aber durch »informelle« Gespräche, ob das denn »so ok ist«; gerne mit dem Zusatz, dass man gegen Homosexuelle an sich ja nichts einzuwenden habe – aber in unserer Klasse?

Bildungs- und Aufklärungsarbeit tut Not

»SCHLAU« (Schwul-Lesbische-Aufklärung) ist ein Bildungs- und Aufklärungsprojekt von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transidenten und Intersexuellen. Junge Erwachsene  zwischen 18 und 27 Jahren gehen in Schulen und Bildungseinrichtungen und thematisieren sexuelle und geschlechtliche Vielfalt. Dieser Altersgruppe anzugehören und dass sie sich ihrer geschlechtlichen Identität bewusst sind, ist Bedingung der Teilnahme als Mitarbeitende weil dieses Lebensalter nah an den Lebens- und Lernerfahrungen der Jugendlichen der (in der Regel) 8. Klassen ist. Alle arbeiten ehrenamtlich und besuchen die Bildungseinrichtungen in ihrer Freizeit. Die Idee, dass über sexuelle und geschlechtliche Identitätsfindung in der Schule gesprochen werden muss, ist schon vor mehr als 40 Jahren entstanden. So gab es an verschiedenen Orten der Bundesrepublik Projekte, die Kontakt zu Schulen aufnahmen und Bildungsarbeit leisteten. SCHLAU versteht sich darüber hinaus auch als Netzwerk von Aufklärungsprojekten in verschiedenen Städten, die alle nach derselben Methode arbeiten.

Fehlendes Wissen – fehlende Begegnung

Fehlendes Wissen ist eine Erklärung, warum die Ablehnung von Homosexualität hoch ist, eine andere liegt in der fehlenden persönlichen Begegnung im Kontext der Schule. Daher steht im Mittelpunkt der Workshops die biografische Erzählung, also das Bewusstwerden der eigenen sexuellen und geschlechtlichen Identität. Diese Fragen hat jeder Schüler, jede Schülerin. Das Besondere daran, schwul, lesbisch, bisexuell, transident oder intersexuell zu sein, ist, sich nicht in Übereinstimmung mit der sexuellen und geschlechtlichen Identität des nahen sozialen Umfelds (Freunde, Familie) zu erleben und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Erwartungen. Den anfänglichen Zweifeln weicht – nach einiger Zeit – Gewissheit über die eigene sexuelle und geschlechtliche Identität: das innere Coming-out, dem dann mit gewissem Abstand das äußere Coming-out – meist zuerst gegenüber Freunden, relativ spät gegenüber dem Elternhaus – folgt. Eine akzeptierende Haltung der Schule ist in diesem Prozess von großer Bedeutung.

Akzeptanz für sexuelle Vielfalt entwickeln

Den Teilnehmenden der Workshops wird bewusst, dass es eine Vielzahl sexueller und geschlechtlicher Identitäten gibt und jeder Mensch eine solche besitzt, die ihm oft nicht als solches bewusst ist, weil häufig ausschließlich die als Norm gesetzte angenommen und nicht individuell erarbeitet wird. Die Akzeptanzarbeit von »SCHLAU« stärkt daher die Selbstbestimmung der Teilnehmenden und macht sie zu bewusst Handelnden auf dem Feld der sexuellen Identität. Ziel ist, die Gleichwertigkeit der verschiedenen sexuellen und geschlechtlichen Identitäten anzuerkennen. Gleichwertigkeit in der Unterschiedlichkeit zu akzeptieren, bedeutet zugleich Stärkung der Resilienz der Beteiligten und unterstützt  Zivilcourage, Ablehnung und Ausgrenzung entgegenzutreten. Was am Beispiel der sexuellen Identität erkannt wird, gilt auch für andere Bereiche wie Rassismus, Sexismus, Ablehnung von Menschen mit Beeinträchtigung  und Islamfeindlichkeit – eine Akzeptanzarbeit, die Empathie und Persönlichkeitsentwicklung einschließt. Es geht nicht um »Aufklärung« auf dem Gebiet der Sexualität, sondern um eine Bildungsarbeit, die demokratische Teilhabe auf dem Feld der sexuellen und geschlechtlichen Identitäten erübt. Bezugsrahmen bilden dabei die Menschenrechte, wie sie in der Charta der Vereinten Nationen vom Dezember 1948 niedergelegt und in den Grundrechtekatalog des Grundgesetzes der Bundesrepublik vom Mai 1949 eingeflossen sind. »Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren« heißt es in Artikel 1 der Menschenrechtskonvention. Die Grundlage ist auch Artikel 1 des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland: »Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.«

Geschlecht ist Sex und Gender

Stehen im Mittelpunkt der »SCHLAU«-Workshops Homosexualität, Bisexualität und Transidentität, so stehen sie doch niemals allein, denn jeder bringt mit seiner Biographie das ganze Spektrum der Vielfalt ein: Geschlecht, Nationalität, Alter, Religion, Weltanschauung, persönliche Vorlieben und Interessen. Daher thematisieren die Workshops immer auch  Geschlechterrollen und Geschlechterbilder. Bei der Reflexion hilft es, die englische Unterscheidung von Sex, dem biologischen Geschlecht, das sich an den sogenannten primären Geschlechtsmerkmalen ablesen lässt, und Gender, dem sozialem Geschlecht, zu Nutze zu machen.

Die Workshops reflektieren daher auch den Genderaspekt. Was gilt als typisch männlich, typisch weiblich? Männer handeln, Frauen reden? Männer zeigen keine Gefühle, Frauen sind emotional? Was ist typisch schwul, typisch lesbisch, typisch transident? Mit den Geschlechterbildern werden auch Familienbilder thematisiert. Ist Familie nur da, wo Vater und Mutter und Kinder sind? Sind Alleinerziehende keine Familie? Sind Regenbogenfamilien keine Familie? Oder ist Familie da, wo ein oder mehrere Erwachsene Verantwortung für Kinder, Heranwachsende übernehmen?

Oft ist eine Korrelation zwischen einer stark konservativen, häufig mit religiösen Argumenten untermauerten Einstellung und Ablehnung von Schwulen, Lesben, Bisexuellen, Transidenten und Intersexuellen festzustellen. Vor diesem Hintergrund werden nicht-traditionelle Familienformen abgelehnt. Oft wird die Haltung der Religionen zur Homosexualität thematisiert. Die Texte abrahamitischer Religionen enthalten nur an wenigen Stellen ablehnende Äußerungen. Im Vergleich zu ihrem Gesamtkontext steht die Grundidee – die umfassende Menschenliebe – im Vordergrund.

Vorurteile an Waldorfschulen?

Es gibt auch an Waldorfschulen eine zunehmende Bereitschaft, Aufklärungsarbeit zu leisten. Sie entsteht oft durch einzelne Lehrerinnen und Lehrer, die die Initiative ergreifen. Allerdings gehört es nicht zum Schulalltag, dass regelmäßig in der Mittelstufe Workshops oder Projekte zum Thema sexuelle und geschlechtliche Identitätsbildung durchgeführt werden. Auch im Curriculum oder im hausinternen Leitbild ist dies nicht schriftlich festgehalten. Dafür fehlt die nötige Offenheit. Ohne zu generalisieren, ist es wohl nicht falsch, davon zu sprechen, dass wir es hier mit einer heteronormativen Selbstverständlichkeit zu tun haben, die Homosexualität als nicht gleichwertige Form mensch­licher Sexualität ablehnt und ein Klima des »das ist unnatürlich« bis zu »darüber redet man nicht« fördert. Eine Mauer des Schweigens entsteht, die zu durchbrechen einem Tabubruch gleichkommt, der starke Polarisierungen auslöst. Sie sind selten offen ablehnend, aber dennoch klar zurückweisend (»das ist doch wohl Privatsache«) und im kollegialen Umgang häufig ausschließend. Das Gerücht feiert fröhliche Urständ, befeuert manches Gespräch – und vergiftet das Schulklima insgesamt. Dabei bietet die Waldorfpädagogik in ihrer menschenkundlichen, philosophischen und geisteswissenschaftlichen Begründung das beste Rüstzeug, nicht wertend »an die Phänomene« heranzugehen. Dazu gehört, dass Begriffe wie »unnatürlich« jeder vorurteils­freien Betrachtung fremd sein müssen, sehen wir doch, dass Homosexualität, Bisexualität, Transidentität und Intersexualität in allen Kulturen und zu allen Zeiten Realität sind und dass die sexuelle und geschlechtliche Identität des Menschen sich in einem so frühen Stadium der Embryonalentwicklung bildet, dass jede Art der späteren »Änderung« ein Verbrechen an der Individualität des Menschen bedeutet, das mit großem Leid verbunden ist. In der Waldorfschule geht es ja gerade darum, die Individualiät zu entfalten: in Kinderbesprechungen, in pädagogischen Konferenzen, aber leider oftmals ohne dass die Entwicklung der sexuellen und geschlechtlichen Identität einbezogen wird. Gelänge es hier, eine größere Achtsamkeit zu entwickeln, wäre dies für das gesamte Schulklima von großem Vorteil.

Sprachlich sensibel?

Handlungsmöglichkeiten gibt es viele. Sie beginnen bei der Frage wie ich in »meiner Klasse« mit dem Thema umgehe, wie sprachlich sensibel ich mich verhalte, ob ich schwul / lesbisch als Schimpfwort mit derselben Selbstverständ­lichkeit zurückweise, wie ich das bei rassistischen oder anti­-religiösen Äußerungen tue. Wähle ich im Unterricht meine Beispiele ausschließlich heterosexuell oder gibt es auch

Beispiele gleichgeschlechtlich Liebender? Wähle ich meine Ansprache an die Schüler und Schülerinnen so, dass ich sie ausschließlich heterosexuell oder cisident (Übereinstimmung von primären biologischen Geschlechtsmerkmalen mit der gefühlten Geschlechtsidentität) verorte oder ver­suche ich, neutrale, alle sexuellen und geschlechtlichen Identitäten einschließende Formulierungen zu wählen? Was in der Klasse gilt, sollte auch im Kollegium gelten. Gerade in größeren Kollegien gehören schwule Kollegen, lesbische Kolleginnen, manchmal auch transidente oder intersexuelle Kolleginnen selbstverständlich dazu.

Aber sind sie auch genauso sichtbar wie die heterosexuellen und cisidenten Kollegen und Kolleginnen? Gibt es eine Kultur des Willkommens für jegliche Form sexueller und geschlechtlicher Identität?

Zum Autor: Joachim Schulte ist Gymnasiallehrer und hat von 1990 bis 2003 an einer Waldorfschule gearbeitet. Er koordiniert das SCHLAU Projekt in Rheinland-Pfalz.

Kontakt: joachim_schulte(at)t-online.de | www.queere-bildung.de

Literatur: J. Schulte / C. Schotte: SCHLAU: ein Aufklärungs- und Bildungsprojekt, in: M. Breckenfelder (Hrsg.): Homosexualität und Schule, Opladen 2015

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