Wer bin ich, wer will ich sein, wer kann ich sein?

Von Johanna Thomas, Mai 2017

Die Frage: »Wer ich bin?«, stellt sich dem Menschen immer wieder im Leben, besonders in den Übergangsphasen von Kindheit – Jugend – Erwachsensein. Mit Themen wie Berufswunsch, Kleidung, Freizeitaktivitäten, Gruppenzugehörigkeit geht die »Gender«-Frage einher, die sich in unser Leben schleicht, ob wir sie nun für sinnvoll, wichtig oder überflüssig halten.

Wie verorten wir uns in der Gesellschaft, was macht uns aus und wo liegen unsere Grenzen? Wir können uns mit unterschiedlichsten Merkmalen identifizieren, zum Beispiel unserer Sprache, unserem Beruf oder unseren Interessen. Manche können wir mehr bestimmen, manche weniger, doch in der Regel haben wir in der demokratischen Gesellschaft, in der wir leben, die Chance, zu wählen, mit wem wir uns treffen, wer zu unseren Freunden oder Freundinnen zählt und wie wir unsere Freizeit gestalten.

In Bezug auf unsere Geschlechtsidentität scheinen die Möglichkeiten begrenzt. Wir kommen auf die Welt und spätestens dann werden wir einem Geschlecht zugeordnet. Ob es der Eintrag in die Geburtsurkunde oder die Namensgebung ist, die z.B. nicht zulässt, einem Mädchen einen Jungennamen zu geben. Doch kann es individuell möglich sein, frei von gesellschaftlichen Zwängen zu leben? Die Vielfalt möglicher Lebensentwürfe macht sichtbar, wie festgefahren häufig die Kategorien sind, dass es aber auch möglich ist, sie aufzubrechen – auch wenn dadurch Verwirrung gestiftet wird.

Hilfreich ist es, das Thema »Gender« alltagsnah zu begreifen. Der Begriff wird hier als Konzept interpretiert, der ermöglichen soll, Geschlecht und Rollenverständnis über die binäre Geschlechtereinteilung hinauszudenken und Kritik an statischen Auffassungen von Mann und Frau, Sexualität, Begehren und Verhalten zu üben. Der Begriff umfasst Chancengleichheit, Vielfalt, Anerkennung und gibt Raum für mehr als zwei Geschlechtsidentitäten. Im täglichen Leben begegnen uns selten, aber immer häufiger Menschen, die in ihrem Lebensentwurf die vorgegebene binäre Geschlechtereinteilung durchbrechen und dabei immer wieder an ihre Grenzen stoßen.

Zum Beispiel Carsten

Carsten ist in einer wohlhabenden Familie aufgewachsen und soll eines Tages die Maschinenbaufirma des Vaters übernehmen. Carsten ist groß, gutaussehend, erscheint viril und verdreht vielen Mädchen den Kopf. Insgeheim jedoch wäre Carsten viel lieber ein Mädchen, würde folglich als transsexuelle Person bezeichnet. Carsten könnte sich mit folgenden Fragen konfrontiert sehen: Ist es möglich für mich, auch anders zu leben, hätte ich eine Chance in der Firma meines Vaters und wäre ich dann lesbisch, wenn ich immer noch Mädchen anziehend finde? – Verwirrende Fragen, die Carsten nicht nur sich, sondern auch dem Umfeld beantworten muss.

Oder wie würde es Luca gehen: Luca lässt sich, was das biologische Geschlecht angeht, in die Zwischenkategorie männlich-weiblich (androgyn) einordnen. Luca ist intersexuell auf die Welt gekommen. Die Eltern von Luca ließen sich nicht darauf ein, nach der Geburt eine Geschlechtsangleichung vorzunehmen, auch wenn ärztliche Meinungen mehrfach dazu angeraten haben. Doch obwohl sie Luca frei von einer vorbestimmten Geschlechtszuordnung aufwachsen ließen, waren sie gezwungen, bei der Geburt ein Geschlecht anzugeben, zumindest für die amtliche Registrierung. Denn Luca ist lange vor dem Jahr 2013 auf die Welt gekommen, in dem das Personenstandsgesetz geändert wurde. Bis dahin musste entweder ein männlicher oder ein weiblicher Name eingetragen werden. Seit der Änderung kann bis zum 18. Lebensjahr das Geschlecht von intersexuellen Menschen mit einem X gekennzeichnet werden. So sorgt Luca nicht nur beim Amt für Verwirrung, sondern auch in der Schule, z.B. im Sportunterricht. Es ist nie ganz klar, wo Luca trainieren soll, bei den Mädchen oder bei den Jungs. Deshalb lässt sich Luca meist krankschreiben und spielt in der Zeit Computerspiele oder schaut »Germany’s next Topmodel«.

Auch Mustafa könnte in Zukunft bei Familientreffen für große Aufregung sorgen. Mustafa ist streng katholisch in einem Dorf in Bayern aufgewachsen. Die Vorzüge des »Mannseins« entdeckte Mustafa schon sehr früh; sie stärkten aber auch schnell das Gefühl, Männer sexuell anziehender zu finden als Frauen. Was sich aufgrund der männlichen Sozialisation, des strengen Glaubens und des Wunsches der Mutter, Enkelkinder zu bekommen, als etwas schwierig herausstellen könnte. Erschwerend kommt die Nebenwirkung des Namens Mustafa hinzu, die schon immer für Erklärungsnot sorgte. Was würden denn die Nachbarn sagen, wenn Mustafa beim nächsten Bierfest mit einem Mann rumknutscht?

Zwischenräume schaffen

Es wird bei dieser Schilderung schnell deutlich, dass Gender viel mehr ist, als nur das soziale Geschlecht. Zum einen zeigt sich die Vielschichtigkeit des Problems in den unterschiedlichen Perspektiven »Sex« (biologisches Geschlecht), »Gender« (Geschlechtsidentität), »sexuelle Orientierung« (hetero – bi – oder homosexuell) und »Gender-Expression« (die gesamte Erscheinung), zum anderen tauchen starke Stereotype auf, die unser Denken prägen. Stereotype sind gesellschaftliche Normen, die uns sagen, wie sich Personen zu verhalten oder auszusehen haben, damit sie zu einer bestimmten Gruppe gehören. Sie helfen uns, mit typischen Situationen umzugehen; wenn mir zum Beispiel eine fremde Person begegnet, die männlich aussieht, verhalte ich mich anders, als wenn sie weiblich aussieht oder sich entsprechend verhalten würde. Meist wird uns erst dann bewusst, dass wir in Stereotypen denken, wenn das Verhalten anderer nicht unserer Vorstellung entspricht.

Ein wesentlicher Punkt bei der Gender-Thematik ist die Bedeutung der Sprache. Warum wird eigentlich immer wieder der Name wiederholt, anstatt einfach das Pronomen zu verwenden? Sprache ist ein Instrument, das nach Geschlechtern einteilt. Mit Pronomen transportieren wir automatisch die Kategorien männlich und weiblich. Die einfache Namensnennung hingegen kann das Kategoriendenken aufbrechen und den Fokus auf die Person selbst, statt auf das der Person oder dem Namen zugeteilte Geschlecht lenken. Selbstverständlich sind auch Eigennamen geschlechtsspezifisch, beziehen sich dennoch, anders als ein Pronomen, auf die gesamte Person, nicht auf das Geschlecht. Die Person ist in erster Linie Carsten und erst an zweiter Stelle vielleicht auch Mann, Frau oder anders.

Es tauchen aber auch Fragen nach beruflichen Chancen auf. Denn nach wie vor gibt es die gesellschaftliche Einteilung in Männer- und Frauenberufe. Personen, die als Frau oder Trans einen stark dominierten Männerberuf anstreben, haben mit Hierarchien, Vorurteilen und immer noch häufig geringerer Bezahlung zu kämpfen. Personen wiederum, die in ihrer Bewerbung einen männlich klingenden Namen angeben, auch im Personenstandsregister männlich sind, aber beim Bewerbungsgespräch plötzlich selbstbewusst als Frau auftreten, können auf Unverständnis oder sogar Empörung ihres Gegenübers stoßen. Wie in allen Lebensbereichen sind auch hier Verallgemeinerungen zu vermeiden, doch drastische und teils provokative Aussagen können für das Thema sensibilisieren und schaffen Raum für Diskussionen. Die beruflichen Hindernisse sind eng mit den gesellschaftlichen Erwartungen an die einzelne Person verbunden. Ob es das öffentliche Auftreten ist, die Vereinbarkeit von Familie, Beruf und sexuellen Orientierungen oder das Besuchen einer Männertoilette als Frau in einem Vier-Sterne-Restaurant. Ständig werden wir unbewusst mit gesellschaftlichen Zwängen, Normen und scheinbaren Selbstverständlichkeiten konfrontiert, die uns dazu drängen, uns angemessen zu verhalten. Durch dieses Regelsystem finden wir uns in der Gesellschaft zurecht, können auf Fragen angemessen reagieren, fühlen uns sicher in dem, was wir tun und vermögen bei Dingen, die uns schaden könnten, Grenzen zu setzen. Es sorgt jedoch auch dafür, dass all jene, die sich nicht in dieses Regelsystem einordnen können oder wollen, auf Widerstand und Unverständnis stoßen und nur schwer Anerkennung und Zustimmung in der Gesellschaft erfahren.

Wir sollten uns daher immer wieder die Frage stellen, wer wir sein können und wollen, wann wir uns erklären müssen und wann nicht und wie frei wir in der Entfaltung unserer (Geschlechts-) Identität wirklich sind. Denn so entstehen Zwischenräume, in denen gesellschaftliche Zwänge reduziert und Vielseitigkeit geschaffen wird. Wir müssen nicht in dem verharren, was wir an Veränderung erreicht haben und uns mit dem zufriedengeben, was gerade für uns annehmbar ist, sondern können immer weiterdenken, immer mehr neue Ideen zulassen, und auch Dingen einen Weg in unsere Vorstellungswelt ermöglichen, die wir im Moment für unwirklich und unnötig halten. Nur so hat die Gesellschaft eine Chance, Räume zu schaffen, die fern von Diskriminierung, Ausschluss, Abwertung und Stillstand sind.

Zur Autorin: Johanna Thomas ist ehemalige Waldorfschülerin und studiert Konflikte und Politik in Augsburg.

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