Interesse wagen. Wie Schüler lernen, mit Mobbing umzugehen

Von Angelika Ludwig-Huber, November 2016

Bei der Aufarbeitung eines WhatsApp-Konfliktes, bei dem ein unschönes Bild eines Mitschülers herumgeschickt worden war, kam irgendwann im Gespräch mit Schülermediatoren die Antwort auf die Frage an denjenigen, der das Foto eingestellt hatte: »Naja, es war halt irgendwie langweilig geworden in der Gruppe – nichts wirklich Spannendes mehr …«

Foto: © Charlotte Fischer

Gewalt hat oft nicht unbedingt das Ziel, einem anderen zu schaden, sondern der »ätzenden Langeweile« etwas entgegenzusetzen. Ein nicht autorisiertes, dazu nicht sonderlich positives Bild eines Schülers in eine WhatsApp-Gruppe verschickt, in der der Betroffene zudem gar nicht präsent ist, kann eine Form von Gewalt sein – beziehungsweise gewaltsam wirken.

Langeweile ist heute ein meist negativ besetzter Begriff, der eigentlich das Fehlen von Sinn und Herausforderung ausdrückt. Frage ich Jugendliche, kommen Antworten wie: »Hier ist halt nichts los, es passiert nichts, was mich vom Computer oder Smartphone weglocken kann …«. Langeweile ist also ein Zustand, der kaum auszuhalten ist, der zu einer seelischen Überforderung wird, weil möglicherweise elementare Bedürfnisse nach Sinn, das Gefühl von Entwicklung, das Spüren von Kontakt, unbefriedigt bleiben, was dazu führt, dass man diese Bedürfnisse – notfalls mit Gewalt – erfüllen möchte. Gewalt tritt beim gesunden Menschen nicht auf, wenn er nicht zuvor an eine Grenze gekommen ist. Der Freiburger Psychiater Joachim Bauer nennt das »Schmerzgrenze«, die jemand erleben kann, wenn ein wesentliches menschliches Bedürfnis in ihm schreit. Auch wenn wir wissen, dass das, was ein Mensch seiner Langeweile digital entgegensetzt, ihn nicht wirklich befriedigen wird, so müssen wir doch anerkennen, dass es in vielen Fällen versucht und unter Umständen dadurch eine Gewaltspirale in Gang gesetzt wird. Das Digitale wird als Gewaltinstrument verwendet – und dies ohne einen Schuss, ohne eine Faust oder ein offen gesprochenes böses Wort und eine entsprechende Mimik.

Was kann Schule tun, um dieser Art von Gewalt vorzubeugen und nachhaltig einzugreifen? Zwei Dinge möchte ich dem Versuch einer Antwort vorausschicken:

• Auch die Waldorfschule ist Bild unserer Gesellschaft. Auch sie ist versmartet und nichts, was es »draußen« gibt, gibt es nicht auch bei uns.

• Zu Schule gehört auch all das, was manche Pädagogen so gerne »draußen« hätten und wofür sie sich nicht zuständig, weil nicht ausgebildet fühlen: das digitale Sozialverhalten. Waren vor 15 Jahren Gewaltakte in der Schule tatsächlich meist noch physisch erlebbar – durch Prügeleien oder andere aggressive Verhaltensweisen, fand schulisches Mobbing noch in Nischen der Schule oder auf den Wegen dorthin statt –, finden sie heute im Netz statt, mit dem Nebeneffekt, dass sie nicht auf den physischen Ort Schule begrenzt sind, sondern im schlimmsten Fall bis tief in die Nacht überall da geschehen, wo ein Smartphone in der Nähe ist. Es gibt nach wie vor auch »offline-Gewalt«, aber Schüler, weiblich wie männlich, sagen ganz klar, dass sie körperliche Auseinandersetzungen als wesentlich weniger schlimm erleben als digitale, denen man sich als Betroffener irgendwann nicht mehr entziehen kann.

Es kann einer Schule nicht gleichgültig sein, ob die Schüler sozial kompetent mit ihren Geräten umgehen, zumindest dann, wenn es um Klassenchats und Ähnliches geht. Wir arbeiten sonst in Parallelwelten, in denen die digitale nicht selten die Oberhand gewinnt und unsere waldorfpädagogischen Bemühungen zunichte machen kann. Neben dem gewohnten kontinuierlichen Arbeiten an der Klassengemeinschaft gibt es inzwischen den anderen Raum, zum Beispiel diesen Klassen-Chat, dem meist gar nicht alle angehören, wodurch also bereits eine Aufspaltung stattfindet, und in dem auf einer Negativ-Meta-Ebene alles zerstört werden kann, was wir mit unseren pädagogischen, menschenkundlich begründeten Anliegen aufbauen.

Was kann die Schule tun?

Inzwischen wird vieles angeboten: Selbststärkungsprogramme, Achtsamkeitsschulungen, Mobbing- und Gewalt-Präventionsprogramme und so weiter. Alles scheint irgendwie wichtig und richtig. Entscheidend ist aber, dass wir nicht allein »Programme« brauchen, sondern vor allem das gelebte Interesse am anderen, das sich in der schlichten Haltung äußern kann: »Ich will verstehen, wie das entstanden ist.« Was ich verstehen will, muss ich nicht bewerten, sondern es bringt mich zum Zuhören, zum Anerkennen der Gefühle der anderen und gegebenenfalls auch zum Mitfühlen. Wenn Gewalt als Folge von Langeweile im destruktiven Sinn entstehen kann, dann ist die Ebene klar, auf der wir pädagogisch ansetzen können. In der Regel sind es nicht Erklärungen, die nachhaltig wirken, sondern vielmehr das Erleben, das Spüren der eigenen Wirksamkeit im Bearbeiten eines Konfliktes und auch das Vertrauen, dass etwas gut und sinnvoll werden kann, wenn wir es im Dialog mit den anderen Beteiligten tun. Ein Gefühl von Kohärenz also als Grundlage von Veränderung. Erst dann kann das angestrebt werden, was wir heute Resilienz nennen: die Fähigkeit, auch Durststrecken, zum Beispiel Langeweile, überstehen zu können. Neben vielen anderen Möglichkeiten erlebe ich die Arbeit mit Schülermediatoren auf diesem Gebiet als hilfreich bei der Bearbeitung und Prävention derartiger Vorkommnisse. Schülermediatoren – nicht Streitschlichter, wie sie immer noch häufig genannt werden – nehmen immer mehr Gewalt auflösende und damit auch präventive Aufgaben wahr.

Schülermediatoren gegen WhatsApp-Mobbing

Am folgenden, fast alltäglichen Beispiel will ich verdeutlichen, was da entstehen kann an Sinn, Perspektive und vor allem Nachhaltigkeit: In der wöchentlichen Besprechung erzählt eine Schülermediatorin von einem Foto, das sie von einem befreundeten Achtklässler bekommen hat. Es scheint im WhatsApp-Klassenchat herumgeschickt und mehrfach kommentiert worden zu sein.

Jemand aus der Klasse hat wohl in diesem Chat dieses Vorgehen angemahnt, wofür auch er übel kommentiert wurde. Klar, dass da etwas getan werden will, haben doch etliche Mitglieder der Schülermediatoren selbst schon Ähnliches erlebt. Die Schülermediatoren haben gelernt, was jetzt nötig ist: vorurteilsfreies, von Interesse geleitetes Zugehen auf die jeweiligen Schüler in den verschiedenen Rollen. Dasein, begleiten, gegenseitiges Öffnen ermöglichen, miteinander sprechen, beraten, was zum Wiedergutmachen benötigt wird und eine Perspektive für die Zukunft eröffnen – abhängig von der Frage, was alle Beteiligten brauchen, um einen Neustart in der täglichen Begegnung, auch im Netz, wagen zu können. Niemand soll dabei verlieren, alle sollen möglichst Gewinner sein, Gewinner zumindest an Erfahrung, dass da etwas voll daneben gelaufen ist, aber dass »das Daneben« auch wieder zurechtgerückt, also gestaltet werden kann. Und die Klasse soll auch noch mit einbezogen werden, sofern es sie betrifft. Und dann werden Verabredungen getroffen, die nach einer Zeit auch auf ihre Haltbarkeit angeschaut werden wollen. Das ist Mediationsarbeit mit und durch Schüler, begleitet von erwachsenen Mediatoren an der Schule. Solch ein Prozess braucht Zeit und Raum und als zentrales Werkzeug: Interesse.

Empathie und Achtsamkeit sind die beste Prävention

Alles, was wir »durchleben« können, insbesondere der Perspektivenwechsel in die reale Welt, kann und wird helfen, echte Empathie zu entwickeln. Wenn ich zum Beispiel als Akteurin einmal face-to-face erfahren habe, was meine Aktion mit dem Foto oder mein Kommentar darunter bei meinem Gegenüber bewirkt hat und wie sich das anfühlt, wenn ich gleichzeitig erlebt habe, dass ich das gestalten, sprich: in Ordnung bringen kann, dann hat diese Erfahrung nachhaltige Wirkung. Da braucht es keine Strafandrohung oder Ähnliches, sondern da kann aus einer Krise, aus einem echten Crash, etwas Neues entstehen, eine Art Schutzmantel gegen Gewalt.

Ein solches Vorgehen bewirkt anderes als reines Erklären und Verstehen über den Kopf, hier kann es zur Herzensangelegenheit werden. Gewalt und ihr Gegenpol Achtsamkeit kommen aus dem Herzen, das heißt, Gefühl und Mitgefühl sind notwendig. Das können natürlich auch Erwachsene, und die gehören unbedingt dazu. Aber es gibt einige Dinge, bei denen Jugendliche im Vorteil sind: Feldkompetenz und ein recht unmittelbares Gefühl für die Situation von Gleichaltrigen. Sie bewegen sich auf den Online-Feldern, sie erleben, was passiert, und: sie können auch unmittelbar dort wirken, wo wir als Erwachsene keinen Zugang haben. Beteiligte, auch Klassen, können so eine wesentliche Erfahrung machen: Konflikte kann man klären! Es ist richtig, Schwieriges anzusprechen, weil es damit möglich wird, ein Problem aus dem Tabu-Bereich herauszuholen und zu bearbeiten. Und jeder Schüler, der in seinem Fehlverhalten nicht abgestraft wird, sondern dem ermöglicht wurde, sich selbst im Dialog mit Geschädigten an seine vorhandene eigene Moral anzubinden, erkennt, dass Gewalt einfach »voll daneben« und keine wirkliche Antwort auf ein fehlendes Bedürfnis ist. Nicht selten wollen Schüler, die als Beteiligte an solchen Prozessen teilgenommen haben, selbst Schülermediatoren werden. Die Erfahrung, auch schwierige Probleme ohne Verlierer lösen zu können, ist eine aufbauende, Sinn gebende und letztlich grundlegend für das Entstehen von Zivilcourage.

Denn wenn ich einmal gespürt habe, dass Konflikte, auch Gewalt, mich nicht zur Ohnmacht führen müssen, kann ich auch Ideen entwickeln, damit konstruktiv umzugehen.

Zur Autorin: Angelika Ludwig-Huber ist Vorsitzende von INTEResse e.V., dem Verein, der sich für gute Konfliktkultur an Schulen einsetzt und Schüler und Erwachsene zu Mediatoren ausbildet.

www.interesse-ev.de

Literatur: Joachim Bauer: Schmerzgrenze: Vom Ursprung alltäglicher und globaler Gewalt, München 2011

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