Wenn der Himmel revoltiert. Eine kleine Geschichte der Gewaltforschung

Von Michael Birnthaler, November 2016

Gewalttätigkeit wird primär als Phänomen einer seelischen Explosion gedeutet. Neuere Ansätze bringen dieses Druckmodell ins Wanken. Erstmalig war es wohl Rudolf Steiner, der die Entstehung von Gewalt nicht durch seelischen Druck erklärte, sondern im Gegenteil – durch ein seelisch-geistiges Vakuum und als Implosionsphänomen.

Foto: © KONG / photocase.de

Ein Streifzug durch die Geschichte der Gewaltforschung lässt erkennen, dass dieses psychologische Phänomen immer spiritueller interpretiert wird. Beginnend mit den Ansätzen der Psychoanalyse (der Mensch als Werk der Natur), den Behavioristen (der Mensch als Werk der Gesellschaft) über die Humanistische Psychologie (der Mensch als Werk seines Ichs) bis hin zur Transpersonalen Psychologie (der Mensch als Werk seines Selbstes). Erst mit der anthroposophischen Psychologie wird die Gewalt als spirituelles Phänomen voll erklärbar (der Mensch als Werk seines Geistes).

Der Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, interpretierte Gewalt innerhalb seines biomedizinischen Dampfkesselmodells als Folge einer »Druckentlastung«. Eine Explosion lässt die aufgestaute Aggression eruptiv zum Ausbruch kommen. Hier wird der Pädagoge vorderhand mit der Aufgabe konfrontiert, den Destruktionstrieb in Schach zu halten. Freuds Schüler, der Ethnologe Konrad Lorenz, ordnete die Aggressivität als lebenserhaltende, evolutiv-instinktive Energie ein. Die Unterdrückung des eingerichteten Aggressionstriebes ziehe eine gesteigerte Lust auf aggressive Handlungen nach sich. Seine Empfehlung war deshalb, die angeborenen aggressiven Triebe vor allem durch Sporttreiben zu kompensieren.

Behavioristen wie John Dollard glaubten stattdessen, dass es ausschließlich die Umwelt mit ihrem Frustrationspotenzial sei, die zu Aggression führe. Nun liege es am Pädagogen, die Frustrationserfahrungen zu minimieren und durch Belohnung und Bestrafung für positive Konditionierungen zu sorgen (»Programmiertes Lernen«). Später hat der Lernpsychologe Albert Bandura behauptet, die Gewaltbereitschaft werde anhand von aggressiven Modellen erlernt. Hier müsste der Pädagoge nur dafür sorgen, dass das Kind im Sinne des sozialkognitiven Lernens möglichst vor entsprechenden Vorbildern bewahrt wird.

Vertreter der Humanistischen Psychologie wie Erich Fromm sehen den Menschen als Wesen, das einerseits an die Natur gefesselt ist, aber andererseits die Potenz zur Freiheit hat. In seinem Konzept wird der Mensch von sechs existen­ziellen Bedürfnissen geleitet: zum Beispiel dem Bestreben, etwas zu bewirken, aber auch der produktiven Erregung und inneren Lebendigkeit. Wird diese jedoch durch die Kultur des »wir amüsieren uns zu Tode« und des »Bore-Out« (krank aus Langeweile) verhindert, so entsteht laut Fromm Langeweile. »Denn Langeweile ist nichts anderes als die Erfahrung einer Lähmung unserer produktiven Kräfte und das Gefühl der Unlebendigkeit.« Um die Leere zu füllen, bieten sich dem gelangweilten Menschen zwei Möglichkeiten: die permanente Zerstreuung und die Gewalttätigkeit.

Noch einen Schritt weiter gehen die Vertreter der vierten Schule der Psychologie, der sogenannten Transpersonalen Psychologie oder »Höhenpsychologie«. Ein Wegbereiter ist Viktor Frankl, der Begründer der Logotherapie, der »Sinnlehre gegen die Sinnleere«. Frankl, der das KZ in Auschwitz überlebt hatte, sprach von der »Trotzmacht des Geistes«. Diese in jedem Menschen schlummernde Kraft könne zu einer dreifachen Selbsttranszendenz verhelfen: Er könne so über sein biologisches (Anlage), soziologisches (Milieu) und psychologisches Schicksal (Verhalten) hinauswachsen. Der von ihm proklamierte »unbedingte Wille zum Sinn«, könne jedoch massiv durch gesellschaftliche Bedingungen frustriert werden. Daraus erwachse wiederum das Gefühl der Sinnlosigkeit, dann der Sinnleere und am Ende des »existenziellen Vakuums« – der Humus, auf dem die Gewalt­bereitschaft gedeiht.

Ein neuerer Ansatz in der Gewaltforschung wird durch den Familien- und Jugendsoziologen Ferdinand Sutterlüty repräsentiert. In seinem Modell der »Gewaltkarriere« kann es durch erweckende Gewalterlebnisse zu einem Umschlag beim Jugendlichen kommen. Diese entwickeln eine rätselhafte Eigendynamik, die dazu führt, dass Gewalt als berauschender Triumph, als Macht, als Überschreitung der Schwellen des Alltäglichen, erfahren wird. Das Opfer wird zum Täter. Wer in die Spirale epiphaner Gewalterlebnisse eingestiegen sei, wird die Gewalt schon bald glorifizieren und ihr einen mythischen Nimbus verleihen. »Die ruhmreiche Bewährung im Kampf, die die Imagination beflügelt, soll die Kluft zwischen der drohenden Möglichkeit, ein Niemand zu sein oder zu bleiben, oder der Möglichkeit, ganz vorne zu stehen, mit einem Schlag überspringen.« (Sutterlüty)

Diese Allmachtserfahrung durch Gewalt kommt einem Initiationserlebnis gleich. Viele Jugendliche scheuen nicht davor zurück, den finsteren Weg der schwarzen Einweihungsweisen zu gehen. Er beginnt mit sogenanntem »Ekeltraining« und mit Gewalt und Grausamkeiten gegenüber Tieren und Menschen und endet in einer systematischen schwarzmagischen Schulung. Der amerikanische Journalist Bill Buford dokumentierte, wie diese epiphane Gewalt insbesondere im Bannkreis der Fußballstadien gefunden werden kann, wo sich in der »Dritten Halbzeit« die Hooligans gegenseitig die Knochen brechen.

Noch näher an dem anthroposophischen Bild von Gewalt finden wir die Schule der Tiefenpsychologie mit ihrem Begründer Carl Gustav Jung. In seinem Windschatten waren es zum Beispiel der Mythenprofessor Joseph Campbell (»Der Heros in tausend Gestalten«), der Schriftsteller Robert Bly (»Eisenhans«), der Psychotherapeut Paul Rebillot (»Heldenreise«) oder Robert Moore und Douglas Gillette, beide ebenfalls Jungianer, mit dem Kultbuch »König, Krieger, Magier, Liebhaber«, die die Archetypenlehre salonfähig gemacht haben. Bei Moore / Gillette zum Beispiel wird das Emporringen des Mannes aus den Niederungen des kollektiven Unterbewussten bis hinauf zu den Gefilden einer transformierten »Heldenperson« nachgezeichnet, die zum »spirituellen Krieger« aufgestiegen ist. Um aber den »Friedens-Krieger« in sich zu wecken, muss im jungen Menschen »die giftlose Leidenschaft des Helfens« entwickelt werden, wie es Kurt Hahn, der Vater der Erlebnispädagogik formulierte. Echte Herausforderungen und Bewährungsproben sind die pädagogischen Zauberkräfte, die die unerlösten Aspekte gewalttätiger Kinder oder Jugendlicher verwandeln können.

In einem Vortrag, den er am 11. September 1920 in Dornach gehalten hat, entwickelt Rudolf Steiner ein seinerzeit vollkommen neues Verständnis der Entstehung von Gewalt: »… jetzt beginnt die Zeit, in welcher die Seelen aus der geistigen Welt, indem sie durch die Empfängnis und die Geburt zum irdischen Leben heruntersteigen, sich Bilder mitbringen. Bilder, wenn sie mitgebracht werden aus dem geistigen Leben in dieses physische Leben herein, müssen unter allen Umständen, wenn Heil für den Menschen und für sein soziales Leben entstehen soll, unbedingt sich mit dem astralischen Leib verbinden. (…) Die Nüchternheit … der neueren Zeit ist ja ein Grundcharakterzug, und es gibt heute sogar breite Strömungen, die sich dagegen wehren, dass man durch die Erziehung schon dafür sorgt, dass dasjenige, was aus der Seele aufsteigen und im astralischen Leib sich geltend machen will, auch wirklich zur Geltung kommt. (…) Das Kind hat in seinem Leibe Kräfte sitzen, welche es zersprengen, wenn sie nicht heraufgeholt werden in bildhafter Darstellung. Und was ist die Folge? Verloren gehen diese Kräfte nicht; sie breiten sich aus, sie gewinnen Dasein, sie treten doch in die Gedanken, in die Gefühle, in die Willensimpulse hinein. Und was entstehen daraus für Menschen? Rebellen, Revolutionäre, unzufriedene Menschen (…) Wenn heute die Welt revoltiert, da ist es der Himmel, der revoltiert, das heißt, der Himmel, der zurückgehalten wird in den Seelen der Menschen, und der dann nicht in seiner eigenen Gestalt, sondern in seinem Gegenteile zum Vorschein kommt, der in Kampf und Blut zum Vorschein kommt, statt in Imaginationen.«

Später wird er gegenüber den Waldorflehrern noch deut­licher. Ihre vorrangige Aufgabe sei es, zu Beginn der Pubertät ein »intensivstes Interesse für die Rätsel der Welt« zu entwickeln. Gelinge es den Lehrern nicht, die mit der Jugendreife frei werdenden seelischen Kräfte nach außen auf die Welt zu richten, würden diese sich nach innen kehren, ins Triebhaft-Instinktartige schießen und in Gewalt (»Machtkitzel«) münden.

Gewalt entsteht, wenn das Interesse der jungen Menschen an der Welt nicht geweckt und sie nicht aus ihrer seelischen Selbstbezogenheit geholt werden. Gewalt ist nichts Naturgegebenes – was heute noch zahlreiche Psychologen glauben und wonach Pädagogen noch immer mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit unterrichten.

Zum Autor: Dr. Michael Birnthaler, Waldorflehrer, Gründer und Leiter von EOS-Erlebnispädagogik (www.eos-ep.de; Ferienlager, Klassenfahrten), EOS-Freiwilligendienste (www.eos-fsj.de), Tagungszentrum Allerheiligen am Nationalpark Schwarzwald (www.eos-allerheiligen.de)

Literatur: M. Birnthaler: Heilung leerer Seelen. In: Flensburger Hefte: Leere Seelen. Nr. 105, Flensburg 2010; E. Fromm: Wege aus einer kranken Gesellschaft, Frankfurt 1955; F. Sutterlüty: Was ist eine Gewaltkarriere? In: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 33, Heft 4 (2004); B. Buford: Geil auf Gewalt. Unter Hooligans, München 2010; R. Steiner: Geisteswissenschaft als Erkenntnis der Grundimpulse sozialer Gestaltung, GA 199 (Vortrag vom 11.9.1920), Dornach 1985; Ders.: Erziehung und Unterricht aus Menschenerkenntnis, GA 302a (Vortrag vom 21.6.1922), Dornach 1993

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