Harte Schule. Mein Freiwilliges Soziales Jahr in Indien

Von Corinna Ellner, Dezember 2017

In den vergangenen zwölf Monaten in Indien habe ich mehr erlebt und mehr über mich herausgefunden, als in jedem anderen Jahr, an das ich mich erinnern kann. Es war nicht immer leicht. Im Gegenteil, manchmal war ich nahe daran aufzugeben.

Studenten mit Corinna Ellner beim Herstellen bio-dynamischer Präparate.

Über die »Freunde der Erziehungskunst« hatte ich eine Stelle an einer kleinen Schule für biologisch-dynamische Landwirtschaft gefunden, wo ich Englisch und Kunst unterrichten sowie im Kindergarten und in der Küche helfen sollte. Diese Einrichtung befindet sich in dem im Süden Indiens gelegenen Bundesstaat Tamil Nadu, irgendwo auf dem Land. In Indien angekommen, hatte ich anfangs viel weniger zu tun, als ich erwartet hatte. So hatte ich viel Zeit über meine Beweggründe für diese Reise und über mein Leben nachzudenken.

Ich folgte dem gewohnten Tagesablauf der Studenten, der um 6 Uhr morgens begann und abends um 5 Uhr endete. Sie hatten Theorieunterricht in Tamil, in dem ich mich, weil ich nichts verstand, nur mit Mühe wachhalten konnte. Da die Studenten immer noch einen Englischlehrer hatten, dessen Arbeit ich nicht übernehmen konnte, kam Englischunterricht für mich nicht in Frage. Und auch der Kunstunterricht blieb während des Beginns meines Dienstes erst einmal auf der Strecke. Anfangs war es schwierig für mich, Kontakt zu den Studenten aufzubauen. Sie sprachen nur wenig Englisch – zum Teil aus Schüchternheit und zum Teil aus mangelnder Übung. Ich war die einzige Weiße weit und breit und hatte lange mit Einsamkeit zu kämpfen. Dazu kam mein wachsendes Gefühl nutzlos zu sein. Zwar half ich im Kindergarten mit, fühlte mich jedoch unfähig, die Kinder unter Kontrolle zu bringen. Nur wenn ich zusammen mit den Studenten auf dem Feld arbeitete, war ich wirklich glücklich.

Es dauerte sehr lange, bis ich mein Tief überwand. Ich sprach mit meinem Chef, er wollte, dass ich dieses Jahr für mich nutzte, gab mir Bücher über bio-dynamische Landwirtschaft. Mein Tagebuch war oft mein einziger Gesprächspartner.

An Weihnachten brach alles zusammen

Endlich, nach einigen Wochen, durfte ich Kunst und Englisch unterrichten. Die Studenten, mit denen ich zusammen war, waren in meinem Alter. Es ist eine kleine Schule mit nur zwölf Studierenden, darunter zehn Jungs und zwei Mädchen, mit denen ich das Zimmer teilte. So war es nicht leicht, plötzlich in die Rolle des Lehrers zu schlüpfen. Ich machte mir endlose Gedanken über meine Stunden, doch wusste ich nie, was dann tatsächlich in meinem Unterricht passieren würde. Oft befolgten die Studenten meine Anweisungen nicht.

An Weihnachten brach dann alles zusammen. Das einzige was mich in Indien hielt, war der Gedanke an das bevorstehende Seminar meiner Organisation, wo sich alle Freiwilligen, die in Indien waren, treffen würden. All meine Hoffnungen legte ich in dieses Seminar. Ich wurde auch nicht enttäuscht. Dort sammelte ich Ideen und machte Pläne, wie ich meine Situation verändern könnte. Allerdings, schon nach wenigen Stunden zurück an meiner Einsatzstelle, war die alte Hoffnungslosigkeit auch zurück und ich spielte mit dem Gedanken abzubrechen. Doch dieser Gedanke stellte für mich keine zufriedenstellende Lösung dar. Denn er fühlte sich wie eine Niederlage an. Dasselbe betraf die Erwägung, dort zu bleiben. Das hätte bedeutet, nicht den Mumm zu haben, mir einzugestehen, dass mir das alles nicht mehr gut tat. Aber ich hatte Glück.

Neue Zuversicht

Nur wenige Wochen nach dem Seminar besuchten mich mein Einsatzbetreuer und eine weitere Mitarbeiterin. Das war der Wendepunkt meines Freiwilligendienstes. Das Gespräch mit ihnen hatte zwar nicht viel verändert, doch wusste ich nun endlich, was von mir erwartet wurde und was zu tun mir erlaubt war. Ich fasste neue Hoffnung. Noch ein weiteres kleines Wunder kam nur zwei Wochen später zur Tür unserer Unterkunft herein. Michella, eine Schwedin, die drei Monate zusammen mit mir arbeiten würde. Auch durch sie fand ich neue Kraft. Vor allem hatte ich endlich einen Menschen, mit dem ich über alles reden konnte. Neue Ideen und Gedanken entwickelten sich. Durch die neu gewonnene Zuversicht wurde es immer leichter, Kontakt mit den Studenten aufzubauen. Endlich begann ich, mich zu Hause zu fühlen. Ich sah die Fortschritte der Studenten, ich wurde mutiger, probierte, meine Ideen umzusetzen, was mir teilweise gelang.

Die letzten fünf Monate wurden zu den wunderbarsten meines bisherigen Lebens. Mein Kontakt zu den Studenten wurde noch enger. Umso schwerer fiel mir der Abschied nach fast einem Jahr, ein Jahr, das ich um nichts in der Welt missen möchte, das mich gelehrt hat, auch in schwierigen Zeiten nicht aufzugeben.

Zur Autorin: Corinna Ellner besuchte die Michael-Bauer Schule in Stuttgart-Vaihingen und absolvierte ein soziales Jahr in Indien.

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