Globalisierung heißt, vom Anderen her denken

Von Gunter Keller, Januar 2011

Mit zunehmender Globalisierung vermehrt sich auch die weltweite Interdependenz. Für den Menschen bedeutet dies, dass seine lokalen Handlungen globale Auswirkungen haben können. Ist dies der Anfang vom Ende des Egoismus?

Vor einigen Jahren war in den deutschen Kinos ein Film mit dem Titel »Babel« zu sehen, in dem Brad Pitt eine Hauptrolle spielte. In dem Film reist ein amerikanisches Ehepaar nach Nordafrika. Seine Kinder werden währenddessen von einem mexikanischen Kindermädchen versorgt, das sie  auf eine Hochzeit mitnimmt. Während die Kinder sich auf der Hochzeit aufhalten und mit mexikanischer Kultur konfrontiert werden, machen ihre Eltern eine Busfahrt durch Marokko, auf der die Mutter durch einen Gewehrschuss lebensgefährlich verletzt wird. Zwei junge Ziegenhirten haben beim Hüten einer Herde mit dem Gewehr ihres Vaters Weitschussversuche gemacht und auf den im Tal herannahenden Bus angelegt.

Neben den USA, Mexiko und Nordafrika spielt eine weitere Episode in Japan eine Rolle, in der von einer jungen Frau und ihrem Vater erzählt wird. Später wird deutlich, wie diese Orte miteinander zusammenhängen. Der Vater der Japanerin hatte das Gewehr, mit dem die Amerika­nerin verletzt wurde, einem Jagdfreund aus Marokko geschenkt. Von dort kam es an den Vater der beiden Ziegenhirten.

Dieser Film zeigt, wie wir ein inneres Verhältnis zum Thema Globalisierung gewinnen können und wie eine weltweite Vernetzung von Orten zu verstehen ist.

Was ist Globalisierung?

Mit zunehmender Globalisierung nehmen die Abhängigkeiten und Interdependenzen weltweit zu. Immer mehr Orte werden in ein weltumspannendes Beziehungsgeflecht eingebunden. Das bedeutet, dass Handlungen an einem Ort weitreichende Folgen an anderen Orten haben können. Für den Menschen heißt das, dass er zu einer Handlung immer die Wirkungen und Folgen einer Handlung mitberücksichtigen muss, oder, anders formuliert, den anderen Menschen und die Natur bei seinen Überlegungen einbeziehen sollte. Insofern kann das Zeitalter der Globalisierung auch das Ende des egoistisch handelnden und linear denkenden Menschen bedeuten. Rudolf Steiner hat das so beschrieben: »Wirtschaftlich ist der Egoismus unmöglich. Man kann nichts mehr für sich tun, je mehr die Arbeitsteilung fortschreitet, sondern man muss alles für die anderen tun. Im Grunde ist durch die äußeren Verhältnisse der Altruismus als Forderung schneller auf wirtschaftlichem Gebiete aufgetreten, als er auf religiös-ethischem Gebiet begriffen worden ist.«

Das heißt natürlich nicht, dass wir Menschen nicht mehr egoistisch handeln könnten, sondern dass jegliches menschliches Handeln in ein weltweites Geflecht von Beziehungen und Abhängigkeiten eingebunden ist. Die Folgen einer Handlung können immer schneller auf den Handelnden selbst zurück wirken. Wir sind uns dieser Abhängigkeiten oft nicht bewusst. Was wissen wir von den Menschen, die dafür gesorgt haben, dass wir morgens eine Tasse Kaffee trinken können?

Vernetzung am Beispiel von Kaffee

In den Höhenlagen von Oaxaca in Mexico befindet sich ein Kaffeeanbaugebiet, das von Bauern bewirtschaftet wird, die Mitglieder in der Fair Trade Genossenschaft UCIRI sind. Die Bauern pflanzen, pflegen und ernten die Kaffeepflanzen. Sie trennen den Kern der Kirsche, die Kaffeebohne, von dem umgebenden Fruchtfleisch und bringen die gereinigten und getrockneten Bohnen in Säcken, meist auf dem Rücken, zu Sammelstellen der Genossenschaft. Ein Lastwagen transportiert sie an den Ort, wo sie weiterverarbeitet werden. Anschließend werden die Kaffeesäcke in den Hafen nach Veracruz gebracht und verschifft, auch nach Deutschland zu den großen Kaffeelagern in Bremerhaven oder Hamburg.

Die Röstereien fordern von hier den Kaffee an und liefern den gerösteten Kaffee an den Groß- und Einzelhandel, durch den er schließlich zum Kunden kommt.

Alle Menschen, vom Bauern bis zum Konsumenten, sind in dieser Produktionskette verbunden und auch abhängig voneinander. Fällt nur ein Glied der Produktionskette aus, sind alle Menschen dieser Kette betroffen. Der Kunde, weil er keinen Kaffee kaufen kann, aber auch der Arbeiter, da der Kunde kein Produkt gekauft hat und somit kein Geld in der Produktionskette an die Arbeiter zurückfließt.

An diesem Beispiel lässt sich gut die oben thematisierte Vernetzung zeigen. Es kommt aber ein zweiter Aspekt hinzu. Es genügt nämlich nicht, nur diese Produktionskette zu betrachten, die in unserem Beispiel Mexiko und Deutschland miteinander verbindet. Der Kaffeepreis und damit auch die Lage aller Arbeiter hängt auch vom Weltmarktpreis für Kaffee ab. Die Weltmarktpreise schwanken je nach Angebot und Nachfrage. Das heißt, dass die oben beschriebene Produktionskette immer auch in Abhängigkeit von den anderen Kaffeeproduktionsketten steht und zwar weltweit. Das ist das Neue, was das globale Zeitalter ausmacht: Zu einer Vernetzung muss noch der globale Referenzrahmen mitberücksichtigt werden.

Globalisierung heißt also, neben der Vernetzung von Orten und Handlungen auch den globalen Kontext zu sehen.

Roland Robertson hat hierfür den Begriff »Glokalisierung« eingeführt, und bringt damit zum Ausdruck , dass Lokales und Globales miteinander in Beziehung stehen. Einen Überblick über die weltweite Kaffeeproduktion und die Marktkonzentration gibt nebenstehende Abbildung.

Globalisierung und Schule

Was bedeutet diese veränderte Lage für die Schule von heute und wie bereiten wir unsere Kinder auf diese globale Welt vor? Hierbei soll Globalisierung nicht nur wie in unserem Beispiel auf den Bereich der Wirtschaft, sondern auf alle gesellschaftlichen Bereiche, auch auf die Natur bezogen werden. Globalisierung betrifft die Dimensionen Natur, Wirtschaft, Staat, Kultur und Individuum und stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen.

• Auf der Ebene der Natur wird die Menschheit mit dem Schwinden der Ressourcen konfrontiert, mit den Folgen des Klimawandels, der Umweltverschmutzung und Umweltzerstörung.

Aufgabe der Schule ist es, mit den Kindern eine Beziehung zur Natur zu erarbeiten, die den Menschen als einen Teil von ihr begreift. Die Natur schützen, heißt sich selber schützen. Ein Verständnis der Natur darf nicht nur auf gedanklicher Ebene erarbeitet werden, sondern muss bis in unser Handeln hineinwirken.

• Unsere globale Wirtschaft ist zurzeit nicht in der Lage, die Armut der Menschen nachhaltig zu lindern und sie mit dem zu versorgen, was sie zum Leben brauchen. Trotz wirtschaftlicher Erfolge in den Industrieländern leben auf der Welt 1,1 Milliarden Menschen von weniger als einem Dollar pro Tag, 1,6 Milliarden Menschen von weniger als zwei Dollar.

Neben einem Verständnis der Natur ist es daher sinnvoll, ein Verständnis der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge und des globalen Finanzsystems in der Schule anzulegen. Wenn wir diese Zusammenhänge nicht durchdringen, wird es uns nicht gelingen, Armut und Arbeitslosigkeit zu verringern und uns solidarisch gegenüber unseren Weltmitbürgern zu verhalten. Um Beziehungsgeflechte und Abhängigkeitsverhältnisse denken und verstehen zu können, ist es erforderlich, das statische Denken durch ein prozesshaftes Denken zu erweitern. Um eine Produktionskette und die parallelen Geldflüsse verstehen zu können, werden wir gezwungen, unser Denken zu »verflüssigen«.

• Auf der Ebene des Staates stehen wir vor der Herausforderung, für mehr Gleichheit, Gerechtigkeit und Sicherheit zu sorgen und alle Menschen in ihrem Menschsein als gleichwertig zu betrachten. Hier kommt der Nationalstaat an seine Grenzen und ist gezwungen, sich mit anderen Staaten zu Staatengemeinschaften zusammenschließen (EU, UNO).

Gleichheit und Menschenrechte haben auch mit dem Rechtsempfinden der Menschen zu tun, mit Gefühlen, die sie einander entgegenbringen. Können wir nachempfinden, wie es einem Menschen geht, der seine Heimat verloren hat und sich auf der Flucht befindet? Erleben wir diese Tatsache als ungerecht? Aufgabe der Schule ist es, das Fühlen und die Empathiefähigkeit der Kinder und Jugendlichen zu fördern, sodass wir Ungerechtigkeit, Angst und Unsicherheit empfinden und mitempfinden können.

• Was die Kultur betrifft, müssen die Menschen lernen, trotz unterschiedlicher Weltbilder und kultureller Prägungen an einem Ort friedlich miteinander zusammen zu leben. In Frankfurt leben nach einer Untersuchung des Instituts für Kulturpolitik über dreißig Prozent Migranten. Diese 200.000 Einwohner stammen aus 180 Nationen und etwa 200 Kulturkreisen. Die Schule hat uns also auf die Auseinandersetzung mit vielfältigen kulturellen Einflüssen vorzubereiten. Wir müssen lernen, mit unseren »ausländischen« Mitbürgern gemeinsam eine lebenswerte Zukunft zu gestalten.

• Auf globaler Ebene werden wir daher gezwungen, unser egoistisches Denken aufzugeben und andere Länder und Menschen in unsere Überlegungen und Handlungen einzubeziehen, sonst droht, wie es Samuel Huntington prophezeit hat, ein »Kampf der Kulturen«.

Die Herausforderungen in unserem globalen Zeitalter betreffen also nicht nur die Natur, die Wirtschaft, den Staat und die Kultur, sondern jeden einzelnen Menschen.

Zum Autor: Dr. Gunter Keller, Jahrgang 1969, Geologe und Waldorflehrer, ist Dozent an der Freien Hochschule Mannheim.

Literatur:

U. Beck, A. Giddens, S. Lash: Reflexive Modernisierung, Frankfurt 1996
R. Steiner: Nationalökonomischer Kurs, GA 340, Dornach 1996
Ders.: Soziale Zukunft, GA 332a, Dornach 1981
G. Keller: Globalisierungsdiskurs im Unterricht von Waldorfschulen unter Berücksichtigung des Konzepts der sozialen Dreigliederung, Stuttgart 2010
U. Beck: Perspektiven der Weltgesellschaft, Frankfurt 1998
J. Sachs: Das Ende der Armut, München 2006
Institut für Kulturpolitik (Hrsg.): Globalisierung, Migration und Identität, Bonn 2004

Link: www.gepa.de