Die Geburt des Klassenlehrers. Ein kleiner Rückblick auf die Anfangsjahre

Von Tomás Zdrazil, Januar 2014

Die erste Waldorfschule war eine Sturzgeburt. Am 23. April 1919 teilte der Stuttgarter Unternehmer Emil Molt Rudolf Steiner seinen Entschluss mit, eine Schule für die Kinder seiner Arbeiter zu gründen. Schon nach einem Monat lag die Genehmigung des Kultministers Heymann vor und eine erste Skizze des Lehrplans von Rudolf Steiner.

FOto: © Charlotte Fischer

In Steiners erster Lehrplanskizze taucht bereits eines der am meisten revolutionierenden und gleichzeitig essentiellen Prinzipien der künftigen Schulkonzeption auf: die Idee eines Klassenlehrers, der »seine« Klasse über viele Jahre in allen Hauptfächern unterrichten soll. Erst im August wird klar, wer diese ungewohnte Idee verwirklichen soll. Eine kleine Gruppe junger Menschen (Durchschnittsalter: 32 Jahre), vier Damen und vier Herren, sollen die Lehrer der ersten acht Klassen mit insgesamt 256 Schülern werden.

Wegen sich verzögernden Umbauarbeiten in der zu gründenden Schule kann der Unterricht erst am 16. September 1919 beginnen. Vor die größte Klasse, die fünfte mit 47 Schülern, stellt sich als Klassenlehrerin die 32-jährige, zarte Caroline von Heydebrand, die von der Körpergröße her manchen ihrer Fünftklässler nicht überragt. Die Schüler müssen noch mit der Bestuhlung des ehemaligen Cafés »Zur Uhlandshöhe« zurecht kommen, die Bänke fehlen größtenteils. Trotz der widrigen Umstände wird von Heyde­brand eine faszinierende, ja charismatische Lehrerin, die ihren Schülern unvergesslich bleibt und sie vier Jahre lang bis zur achten Klasse führt.

In Württemberg besteht bis in die 1930er Jahre hinein – im Unterschied zu den meisten deutschen Bundesländern – nur eine siebenjährige Schulpflicht. Das Schulwesen gliedert sich hier in die vierjährige Volksschule und dann in weiterführende mittlere und höhere Schulen, insbesondere Realschulen (sechs Klassenstufen) und Gymnasien (sieben Klassenstufen). In diesen höheren Schulformen werden alle Schulfächer von sich spezialisierenden Lehrern unterrichtet. Die Genehmigung einer »freien Waldorfschule als einer Einheitlichen Volks- und höheren Schule« mit ihren zunächst acht, dann elf Klassen ist einmalig und gleicht einem Wunder. Die Waldorfschule überwindet das im übrigen Schulsystem dominierende Selektionsprinzip und hält die leistungsmäßig heterogene Klassengemeinschaft von der ersten bis zur letzten Klasse zusammen: eine völlig ungewöhnliche Einrichtung. Für deren Zusammenhalt über viele Jahre sollen die Klassenlehrer sorgen, die nicht Spezialisten für eine Fächerkombination sind, sondern »ihre« Klasse als Gemeinschaft führen. Sie sollen sich mit den Kindern ihrer Klasse in einer selbstlosen Art und Weise verbinden und vor allem dreierlei im Auge behalten.

Die drei Aufgaben des Klassenlehrers

Erstens sollen sie die leibliche und seelisch-geistige Entwicklung beachten. Die Rolle eines Entwicklungsbegleiters kann man nur über einen längeren Zeitraum sinnvoll erfüllen: »… deshalb ist es auch so wichtig, dass man die Schüler behält durch alle Schuljahre hindurch« (Steiner).

Zweitens ist es Steiner wichtig, dass die Schulzeit, in der der Schüler eine Bewusstseinswandlung von einem nachahmenden, hingegebenen zum intellektuell und emotional autonomen Menschen durchmacht, von einer besonderen vertrauten Person begleitet wird. Sie soll in ihrem Umgang mit Schülern und in der inhaltlichen und methodischen Behandlung des Unterrichtsstoffes als sich ständig wandelndes, mitwachsendes Wesen eine Art Vorbild sein. Diese Fähigkeit ist an eine intensive künstlerische Schulung und Selbsterziehung gebunden.

Drittens findet das Schulkind über den Klassenlehrer seinen Zugang zur Welt durch die Seele eines anderen Menschen, der ein lebendiges interessiertes Verhältnis zu allen Welterscheinungen pflegt. Kein Spezialist, sondern ein Universalist soll er sein. Ein solcher Lehrer wird durch diesen lebendigen Zusammenhang der Seele für den Schüler zur respektierten, ersehnten, ja geliebten Autorität. Die Schüler an Welterfahrung und Weltverständnis heranzuführen, das ist die Aufgabe des Klassenlehrers: »Daher sollte in ausgiebigstem Maße in jeder guten Schule das befolgt werden, dass, solange es nur geht, der Lehrer seine Schüler behält: in der 1. Klasse sie übernimmt, in der 2. Klasse sie behält, im dritten Jahre weiter mit ihnen aufsteigt und so weiter, soweit es durch die Möglichkeit der äußeren Einrichtungen geht. Und der Lehrer, der in diesem Jahr die 8. Klasse gehabt hat, soll dann das nächste Jahr wieder die 1. Klasse übernehmen« (Steiner).

Die Ausnahmen von der Regel

Diese kurz vor der Schulgründung geäußerten Absichten werden allerdings doch nicht gleich umgesetzt. Denn die letzten beiden Klassen, die siebte und achte, werden von zwei (Klassen-)Lehrern unterrichtet, die sich in den Klassen wöchentlich abwechseln. Karl Stockmeyer unterrichtet Mathematik und die naturwissenschaftlichen Fächer, Rudolf Treichler dann Deutsch und die geisteswissenschaftlichen Fächer. Diese Praxis in den beiden letzten Klassen wiederholt sich mit Stockmeyer und Walter Johannes Stein auch im zweiten Schuljahr. Steiner hospitiert, die Erfahrungen der Kollegen werden in regelmäßigen Konferenzen besprochen. Gewichtige und gleichzeitig unbefriedigende Erfahrungen aus den oberen Klassen sind der mangelnde soziale Zusammenhalt, unkonzentriertes Arbeiten und auch Disziplinprobleme. Steiner sieht die Notwendigkeit des Klassenlehrers noch deutlicher: »Das ist dasjenige, was ich dadurch zu bekämpfen versuchte, dass ich so lange als möglich den einen Klassenlehrer für das Richtige halte; dadurch ist von vornherein eine Schutzwehr geschaffen gegen das Zerflattern.«

Erst im dritten Schuljahr wird die achte Klasse zum Abschluss der Klassenlehrerzeit. Karl Schubert, der diese Klasse seit der sechsten führt, unterrichtet aber auch nicht alle »Epochen«, sondern gibt nicht wenige Epochen an seine Kollegen Erich Schwebsch, Stockmeyer, vielleicht auch Stein ab, damit er wiederum Geschichte bis zur zehnten unterrichten kann. Erst nachdem er seine achte Klasse abgibt, wird er mit der besonderen Aufgabe des Hilfslehrers betraut. Seine Klassenlehrererfahrung in einer »normalen« Klasse wird zur Basis für die Entfaltung der Heilpädagogik. Man findet unter den Klassenlehrern aber auch einige, die ihre Klasse über die achte hinaus in die Oberstufe begleiten, wobei sie natürlich nicht mehr alle Fächer unterrichten. Zwei Beispiele sind der Mathematiker Hermann von Baravalle und der Ingenieur Alexander Strakosch.

So ergibt sich ein recht dynamisches Bild aus diesen ersten Jahren, in denen die Ideen in der Praxis erprobt wurden. In den ersten beiden Jahren haben aus verschiedenen Gründen vier Klassenlehrer ihre Arbeit abgebrochen. Danach hat sich trotz der 1921 allmählich eingeführten Doppel- und Dreizügigkeit, die wegen der Klassenstärken notwendig war, eine erstaunlich große Stabilität in der Besetzung der Klassen eingestellt. Die Anzahl der durch einen Klassenlehrer geführten Klassen ist dabei in nur vier Jahren von acht im Jahre 1919 auf 17 ab 1923 angestiegen – für den Schulleiter Rudolf Steiner eine nicht unerhebliche Betreuungs- und Einarbeitungsaufgabe. Bis zum Schluss war er sehr um ein ausgewogenes Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Lehrkräften bemüht: Im Schuljahr 1925/26 gab es zehn Klassenlehrerinnen und mit dem Heilpädagogen Schubert zehn Klassenlehrer.

In seinem letzten pädagogischen Vortragskurs im englischen Torquay blickt Steiner zusammenfassend auf den Charakter des Schulalters bis zum 13., 14. Lebensjahr und hebt die Bedeutung des Klassenlehrers hervor, der mit der Klasse durch die Schulzeit zusammenwächst und den Lehrstoff altersgerecht wandelt: »Gerade aus dem Grunde wird bei uns in der Waldorfschule versucht, die Kinder möglichst lange bei einer Lehrkraft zu lassen. Die Kinder werden, wenn sie in die Schule kommen, mit dem 7. Lebensjahre einer Lehrkraft übergeben. Die steigt dann mit den Klassen auf, soweit es eben geht.« Der »achtjährige« Klassenlehrer gehört bis heute in den meisten Waldorfschulen zum Profil. Es treten aber in den oberen Klassen der Mittelstufe zunehmend pädagogische Probleme auf, die untersucht und diskutiert werden müssen und die von den Schulen individuell bearbeitet und gelöst werden.

Steiners pädagogische Idee des »Klassenlehrers« richtet sich konsequent nach menschenkundlichen und pädagogischen Erkenntnissen. Ihre undogmatisch freilassende, je nach konkreten Bedingungen individualisierende Umsetzung kann bis heute begeistern und inspirieren.

Zum Autor: Dr. Tomás Zdrazil war Klassenlehrer in Tschechien. Er ist Dozent an der Freien Hochschule Stuttgart.

Literatur: R. Steiner: Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches, GA 294, 6. Vortrag; ders.: Allgemeine Menschenkunde, GA 293, 11. Vortrag; ders.: Konferenz vom 20.6.22, GA 300 b; ders.: Die Kunst des Erziehens, GA 311, 4. Vortrag.