Ein Plädoyer für das Klassenlehrermodell

Von Christina Seidel, Januar 2014

Das Mittelstufenkonzept ist umstritten. Aus menschenkundlicher Sicht scheint eine achtjährige Klassenlehrerzeit so plausibel wie ihr Ende mit der sechsten Klasse.

Foto: © Charlotte Fischer

Ich stelle bei meinen Hospitationen immer wieder fest, dass auch heutige Kinder – trotz der großen Veränderungen ihres Lebensumfeldes – auf eine gelungene Umsetzung der Waldorfmethoden ähnlich positiv reagieren wie vor dreißig Jahren. Je länger man sich mit Rudolf Steiners Menschenkunde beschäftigt, desto mehr erlebt man ihre Stimmigkeit, das Heilsame, das sie gerade für die zunehmenden Zivilisationsschäden bewirken kann. Seit einiger Zeit wird ein entscheidendes Konzept der Waldorfpädagogik, die Klassenlehrerzeit von acht Jahren, in Frage gestellt. Warum?

Kommen heutige Klassenlehrer mit den disziplinarischen Aufgaben nicht mehr zurecht? Sind sie der Stoffvielfalt heute weniger gewachsen als früher? Ist es die Überlastung der Lehrer durch eine deutlich erhöhte Stundenzahl? Ist es mangelnde Konfliktfähigkeit, die Krisen nicht mehr als notwendige Entwicklungsaufgabe sieht und stattdessen nach den sogenannten Fachleuten für die Mittelstufe rufen lässt?

In einer Zeit der Schulleistungsvergleiche, der so beliebten »Rankings« und der Abiturängste schon ab der Unterstufe ist es nicht verwunderlich, dass Wissensvermittlung und nicht Menschenbildung in den Vordergrund tritt. Worum geht es eigentlich in einer Pädagogik, die so ganz auf die Lehrerindividualität abgestellt ist?

Eines der Geheimnisse der Pädagogik des zweiten Jahrsiebts ist, dass sich das Kind eigentlich selbst erzieht, und zwar an uns, dem sich stetig weiter entwickelnden Lehrer. Nur das, was wir aus uns machen, wirkt erzieherisch, nicht das, was wir wissen. »Auf den sich entwickelnden Menschen kommt es an, nicht auf eine bestimmte Summe von Wissen. (...) Das Leben selbst aber ist die große Schule des Lernens, und nur dann kommt man richtig aus der Schule heraus, wenn man sich aus ihr die Fähigkeit mitbringt, sein ganzes Leben vom Leben zu lernen. Das kann man aber nicht, wenn man in diesen Jahren mit Wissen angepfropft wird. Das kann man nur dann, wenn die Schule dazu verwendet wird, um diese Kräfte von Denken, Fühlen und Wollen im Menschen auszubilden in seiner Seele«, formulierte Rudolf Steiner sein Grundanliegen in einem Vortrag für den »Verein jüngerer Lehrer und Lehrerinnen« in Stuttgart am 19. Juni 1919 (GA 330). Steiner war wichtig, in der so entscheidenden Zeit zwischen Zahnwechsel und Geschlechtsreife, in der sich vorrangig das Seelenleben ausgestaltet, die Kinder einem Menschen anzuvertrauen, der als »geliebte Autorität« ihnen die Welt in all ihren Erscheinungen auf bildhafte Weise nahe bringt, durch den sie die Welt kennen lernen.

Für einen neuen Klassenlehrer kann der Vorblick auf die Fülle der zu unterrichtenden Fächer durchaus etwas Bedrückendes haben. Doch im Verlaufe eines Klassendurchgangs erlebt man, wie diese ständige Erarbeitung neuer Themen etwas ungeheuer Befeuerndes hat und dass erst dadurch die Funken ausgelöst werden, die auf die Schüler überspringen. Ich erinnere mich noch gut an meine eigene Angst bezüglich des Fachs Chemie: Es wurde die schönste Epoche der 7. Klasse, weil die Lehrerin am meisten lernte. Fängt man nach acht Jahren wieder von vorne an, so muss man alles neu finden. Doch was bedeutet es, wenn derselbe Lehrer jährlich oder alle zwei Jahre die gleichen Epochen über Jahre hinweg gibt, wie das bei einem Mittelstufenkonzept der Fall ist? Wie befruchtend können sie noch sein? Kann der sogenannte »Experte« für dieses Alter seine Phantasie so lebendig erhalten, dass er dem durchzuarbeitenden Stoff stetig Neues abzuringen vermag?

Mein größtes Bedenken diesem Schulkonzept gegenüber ist jedoch, dass es den zunehmenden Verfrühungstendenzen in unserer Gesellschaft nachgibt. So wie wir Kinder immer früher einschulen sollen und ihnen dadurch Lebenskräfte rauben, wird hier eine Abnabelung abrupt und von außen vollzogen, die eigentlich vom Klassenlehrer selbst in einem Umschmelzungsprozess geleistet werden sollte. Die Krisenzeiten, die vor allem zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr und im 12. Lebensjahr der Kinder auftreten, wollen gemeistert werden, denn Krisen sind Entwicklungsetappen, die uns voranbringen. Der Klassenlehrer muss sich verändern, seine Autorität auf eine neue Basis stellen, seinen Unterricht neu greifen, er sollte nicht die Schüler zu diesem Zeitpunkt schon verlassen, sondern sollte ihnen eine Stütze und Hülle geben. Das zunehmende Auseinanderdriften der physischen und seelischen Entwicklung der Kinder bedarf gerade des heilenden Zusammenhalts durch einen vertrauten Menschen.

Zur Autorin: Christina Seidel war von 1983-2007 Klassenlehrerin. Seit 2008 tätig als Mentorin und in der Lehrerbildung.