Jetzt kommt es auf die Schulen an. WEiDE-Studie und BEST-Tag

Von Thorsten Ziebell, Dirk Rohde, September 2017

Waldorfeltern gründen eigene Schulen, organisieren und verwalten gemeinsam mit den Lehrern einen großen Schulapparat, unterstützen die Ausbildung eigener Lehrer und lassen sich das, neben der vielen Arbeit, die sie damit haben, auch noch einiges kosten! Warum eigentlich – und wer sind diese Menschen? – Erstmals in der Geschichte der deutschen Waldorfschulbewegung wurden Ende 2014 in einer repräsentativen Studie – konzipiert und durchgeführt vom Institut für Bildungsökonomie – fast 7.000 Waldorfeltern befragt.

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Seit Sommer 2015 sind die Gesamt- und die Regionalergebnisse in der Materialdatenbank des Bundes der Freien Waldorfschulen (BdFWS) verfügbar, die wissenschaftliche Auswertung ist als Publikation in Arbeit und wird voraussichtlich noch in diesem Jahr erfolgen.

Doch wie geht man mit den Ergebnissen der Studie um? Wie wählt man aus der Fülle der Informationen den richtigen Ansatz für die eigene Schule? Wie kann die Studie zur Qualitätsentwicklung innerhalb der Schule beitragen?

Zu diesen Fragestellungen hatten Vertreter der Bundes-ElternKonferenz (BuElKo) bei einem begleitenden Arbeits­gespräch zur Studie ein neues Format der Zusammenarbeit von Eltern und Interessierten der Waldorfschulbewegung angeboten: einen Bundes­Eltern­SprechTag (BEST), den ersten seiner Art überhaupt, der am 1. April 2017 im Anthroposophischen Zentrum in Kassel stattfand, vorbereitet mit der Unterstützung der Bundesgeschäftsstelle und der Alanus Hochschule. Anwesend waren Vertreter aus interessierten Schulen, LAG-Geschäftsführer, Vertreter des Bundesvorstandes, Bundesgeschäftsführer, die studiendurchführenden Petra Ehrler und Steffen Koolmann sowie Mitglieder der BuElKo.

Koolmann richtete in seinem Impulsreferat den Blick aus den gewonnenen Daten in die Zukunft, aus denen heraus deutlich wird, dass Waldorfschulen deutlich stärker die Bedürfnisse der Eltern ernst nehmen müssen, um ihre Zukunft zu sichern. Er stellte auch Zusammenhänge zu den Studien über Schüler und Lehrer (Randoll), Geschäftsführer (Koolmann) und die jährlichen Gesamtabschlüsse (Koolmann) dar, die verdeutlichen, wie breit gefächert mittlerweile die Herausforderungen sind, vor denen die Waldorfschulen stehen. Von keiner Schulbewegung in Deutschland gibt es eine derartige Datenbasis. Insbesondere die Punkte »Waldorfpädagogik« und »Ehrenamt« und deren möglichen unterschiedlichen Lesarten im Sinne eines allgemeinen Stimmungsbildes oder eher mit Aufforderungscharakter zum unmittelbaren und konkreten Handeln wurden aufgezeigt. Zudem wurde den Teilnehmern bereits ein speziell erarbeitetes Auswertungstool vorgestellt, mit denen die Schulen ihre schulspezifische Auswertung näher und differenzierter analysieren können.

Dirk Rohde aus Marburg stellte den Ablauf und die Auswirkungen der Studie an seiner Schule dar (siehe anschließenden Beitrag) und Albrecht Hüttig aus dem Bundesvorstand spannte den Bogen von der Entstehung als sozio-ökonomische Studie über die Erweiterung zur »Elternstudie« und deren Wirksamkeit in der politischen Arbeit und möglichen juristischen Auseinandersetzungen. Das Resümee: Die Studie liefert nicht nur Daten, sie fordert dazu auf, bestimmte Fragen an die eigene Schulgemeinschaft zu stellen.

Alle Teilnehmer waren sich einig, dass jede Schule eine Zusammenfassung der eigenen Ergebnisse leisten muss, bevor institutionelle Fragen abgeleitet werden können. Dies geschieht am wirkungsvollsten an einer konkreten Schule, wo sich einzelne Menschen dafür einsetzen.

Die Studie eignet sich zudem auch für bildungspolitische, von Personen entkoppelte, sachliche Diskussionen.

Auch Vorstellungen über das weitere Vorgehen wurden entwickelt. Vertreter der Schulen aus Gladbeck, Marburg und Schopfheim haben sich als Praxisbegleiter für die Arbeit an den eigenen Schulen angeboten.

Das BEST-Format wurde gut angenommen und der Austausch zu einem Sachthema als wohltuend erlebt.

Thorsten Ziebell

Zum Autor: Thorsten Ziebell ist Schulvater an der Freien Waldorfschule Kaltenkirchenund im Landeselternrat Schleswig-Holstein, im Sprecherkreis des Bundeselternrates und dessen Delegierter in der Bundeskonferenz. 

Über den Umgang mit den Ergebnissen

Die Freie Waldorfschule Marburg gehört zu den für die WEiDE-Studie per Zufallsprinzip ausgewählten rund hundert deutschen Waldorfschulen. Sie nahm an der Befragung teil und erzielte durch großen Einsatz – neben nur drei weiteren Schulen – eine Rücklaufquote von über 90 Prozent. Je höher die Rücklaufquote, umso größer die Aussagekraft der Ergebnisse.

Die WEiDE-Daten sind in vielerlei Hinsicht außerordentlich aufschlussreich und bieten eine Fülle fruchtbarer Ansätze für eine erfolgreiche Arbeit an perspektivisch tragfähigen Strukturen der Marburger Schule. Allerdings muss dazu die Studie zunächst einmal gründlich zur Kenntnis genommen und inhaltlich durchdrungen werden.

Daher entschloss sich die Schulleitung, jedem Interessierten aus dem Kollegium und der Elternschaft eine Zusammenstellung der Marburger Ergebnisse kostenfrei zur Verfügung zu stellen. Das stieß durchweg auf große Zustimmung, und der Stapel der Ausdrucke war rasch vergriffen. Es stellte sich aber bald heraus, dass es Vielen nicht ohne Weiteres möglich war, sich in der Fülle der auf 80 Seiten ausgebreiteten Fakten zurecht zu finden. Ich fasste sie deshalb auf fünf Seiten Fließtext zusammen, was – neben den Originaldaten – die Grundlage für die weitere Diskussion bildete. Diese fand in zwei pädagogischen Konferenzen im Kollegium und in zwei gemeinsamen Sitzungen mit den Eltern unserer Schule statt. Dieser Prozess erstreckte sich über rund drei Monate.

In den Gesprächsrunden wurde recht schnell klar, dass sich die Beteiligten im Wesentlichen in drei Gruppen aufteilen lassen: Die größte Gruppe hat vor allem ein Informationsbedürfnis. Ihr war eine Reihe der ermittelten Fakten neu und sie wollte zunächst einmal die Inhalte genauer verstehen. Die anderen beiden Gruppen bildeten zum einen diejenigen, die sich in ihrer Ansicht bestätigt sahen, dass dringender Änderungsbedarf bei einer Reihe unserer Schulstrukturen besteht – und zum anderen diejenigen, die aus denselben Daten das genaue Gegenteil herauslasen. Das hängt damit zusammen, dass die Fragen der Studie häufig vier Antworten zulassen, zum Beispiel: trifft voll zu, trifft eher zu, trifft eher nicht zu, trifft nicht zu.

Wenn nun die Aussage: »Die Schule fördert gezielt leistungsschwache Schülerinnen und Schüler« in Marburg 10,4 Prozent für »voll zutreffend« halten, auf Bundesebene aber 21 Prozent, ließe sich daraus ein Handlungsbedarf für unsere Schule ableiten. Wenn man aber »trifft eher zu« einbezieht, kommt man für Marburg auf 64,6 Prozent und auf Bundesebene 67,9 Prozent. Man kann also ebenso sagen, in Marburg äußern sich die Eltern vielleicht etwas vorsichtiger als anderswo, sind aber praktisch zufrieden mit der Förderung.

Anderes erschien zunächst verwirrend. So trifft für 41,5 Prozent voll und für 49,1 Prozent eher zu, dass an unserer Schule die Grundsätze und Methoden der Waldorfpädagogik umgesetzt werden. Gleichzeitig sind 48,1 Prozent interessiert und 25,0 Prozent sogar sehr, Informationen über die Grundlagen der Waldorfpädagogik zu bekommen.

Daraus kann man schließen, dass ein solches Angebot freudig angenommen würde; aber auch, dass man nachfragen müsste, wie man Ersteres ohne Letzteres beurteilen kann; und man könnte die Ansicht vertreten, dass die Eltern manches gar nicht recht verstehen, und damit die Erörterung beenden. An dieser Stelle versandete die Diskussion, statt weitere Gespräche anzuregen und neue handlungsleitende Impulse für die ganze Schulgemeinschaft zu geben.

Das hängt aus meiner Sicht vor allem damit zusammen, dass das Alltagsgeschäft an unserer einzügigen Schule so arbeitsaufwändig ist und so viele Kapazitäten bindet, dass der Schritt vom reaktiven Abarbeiten zum aktiven Gestalten vielen offenbar nur mit größtem Kraftaufwand möglich ist und die Notwendigkeit dazu noch nicht wirklich erkannt wird. Nach meiner Erfahrung ist das durchaus typisch für viele unserer Schulen.

Dieser Schritt wird leider eher getan, wenn ungünstige Umstände dies quasi erzwingen, als dass man Phasen der Entspannung – und seien sie noch so kurz – umgehend nutzte, kreativ für ein zukünftiges attraktives Profil der Schule tätig zu werden.

Gleichzeitig ist es in unserer Schulgemeinschaft aber auch so, dass das Interesse an der WEiDE-Studie bei einigen unverändert anhält. Zwar hat sie bisher noch keinen nennenswerten Einfluss auf unsere Schulentwicklung genommen; da die Marburger Waldorfschule aber, ebenso wie viele andere, insgesamt auf den Punkt zusteuert, dass die Ergebnisse als Informationsgrundlage für anstehende Entscheidungen dringend gebraucht werden, bin ich optimistisch, dass die WEiDE-Studie zunehmend an Bedeutung gewinnen und ins Bewusstsein unserer Bewegung treten wird.

Dirk Rohde

Zum Autor: Dr. Dirk Rohde ist Dozent für Waldorfpädagogik, Fachreferent für Bildungspolitik und langjähriger Oberstufenlehrer für Naturwissenschaften an der FWS Marburg.