Archaisch, grausam und großartig

Von Hella Kettnaker, Mai 2014

Ein starker, leidenschaftlicher junger Mann, eine schöne Frau mit dunklen Augen, bodenständige Bauern aus dem Sertao, eine alte Bordellbesitzerin, die Arbeiter in den Salinen, eine rätselhafte Weissagung. – Aus verschiedenen Erzählsträngen entwickelt sich vor dem bunten Bild der sprudelnd lebendigen, brasilianischen Hafenstadt Macau dieser Roman.

Chicao kommt von einer Seefahrt zurück in seinen Heimathafen und freut sich auf seine Geliebte Joaninha. Er genießt das Leben in der Stadt und entthront sogar den König der Armdrücker. Doch dann trifft er den alten Wahrsager Malachias, der ihm die Zukunft aus dem Sand liest und eine unverständliche Botschaft für ihn bereithält. Im Rückblick erfahren wir, dass Chicao als kleines Kind von Zigeunern bei einem reichen Bauern, der sich seiner annahm, zurückgelassen wurde. Er wird stark und eigensinnig, weigert sich, in die Schule zu gehen, ist aber ein guter Arbeiter. Als seine Heimat, der Sertao, eine lange Dürreperiode erleidet, macht er sich auf den Weg an die Küste und arbeitet dort in den Salinen. Diese Arbeit ist so schwer und die Behandlung so menschenverachtend, dass er sich entscheidet, zur See zu fahren.

Der Roman ist ein farbiger Bilderbogen Brasiliens in den 1920er Jahren, archaisch, grausam und großartig zugleich. Er ist das Zeugnis einer Sturm- und Drangzeit, angesiedelt in einer Welt, in der sich der Autor, selber in ärmlichen Verhältnissen in Rio de Janeiro geboren, gut auskennt. Vasconcelos (1920-1984) hat den Roman mit knapp 25 Jahren geschrieben, nur wenig älter als seine Hauptperson. Er erschien erstmals 1945 als »Barro blanco« (Weißer Schlamm) und dann in Deutschland unter den Titeln »Meine Brüder, der Wind und das Meer« und jetzt »Joaninhas Augen«.

Wer das bekannteste Werk von Vasconcelos, »Mein kleiner Orangenbaum«, gelesen hat und meint, er kannte den Autor, wird überrascht sein.

Jose Mauro de Vasconcelos: Joaninhas Augen, geb., 221 S., EUR 19,90, Urachhaus, Stuttgart 2013