Auf der Überholspur

Von Ulrike Schmoller, Mai 2014

»There’s a crack in everything, that’s where the light gets in«. Mit diesen Worten von Leonard Cohen enden Mirjams Aufzeichnungen über ihre Jugendjahre. Ihre stille, künstlerisch veranlagte Mutter hilft der damals noch unscheinbaren Dreizehnjährigen dabei, ihren eigenen Stil zu finden und ermutigt sie zum Ausprobieren, ihr extrovertierter apfelrunder Vater schenkt ihr einen Fotoapparat, mit dem sie ihre Begabung zum Lichtsammeln entfalten kann, vom Büdchenbesitzer Ötte bekommt sie eine Mundharmonika, die ihr musikalisches Talent freilegt, ihre Deutschlehrerin weckt ihre Liebe zum Schreiben und ihre Freundin Sarah zum Entwerfen eigener Kleidung. So entdeckt Mirjam immer neue Facetten an sich und sie beobachtet sich staunend selbst dabei, wie sie immer mehr aufblüht. Doch neben dem Glück schleicht sich auch Schlamassel in ihr Leben – mal als Miesmuschelstimmung, mal als dunkles Geheimnis oder als heftiger Schicksalsschlag. Mit siebzehn trifft es sie so vehement, dass sie doch den Boden unter den Füßen verliert, und sie wird vom Strudel des Lebens tief unter Wasser gedrückt. Als sie wieder aufgetaucht ist, weiß sie, wer sie sein möchte, und sagt von sich, dass sie das Licht und den Blues kennt.

Brigitte Werner schickt ihre Mirjam auf die Überholspur, auf der es bunt und schrill ist und die Gefühle überwältigend stark sind. Da gibt es nichts, was es nicht gibt, und neben sehr schönen leisen poetischen Stellen finden sich auch kräftige Flüche und bodenständiger Ruhrpott-Slang. Das feine, spannende Kennenlernen der lebendig geschilderten Figuren in der ersten Hälfte des Buches wird im zweiten Teil von einer großen Fülle an Handlung überspült, so dass es dem Leser ähnlich ergeht wie der Protagonistin. Wie jeder Jugendliche muss Mirjam lernen, das Durcheinander ihrer Emotionen einzuordnen und mit ihnen umzugehen. Die Liedtexte an den Kapitelanfängen sind es wert, nicht überlesen zu werden. In diesem Buch kann man sich verirren wie in einem Labyrinth. Da gibt es Um- und Irrwege, und das Licht kommt unter Umständen gerade an der Stelle herein, wo zuvor etwas zerbrochen ist.

Brigitte Werner: Crazy Dogs, geb., 480 S., EUR 19,90 Verlag Freies Geistesleben, Stuttgart 2013 (ab 14 Jahre)