Pippi Langstrumpf in Indonesien

Von Ute Hallaschka, Juni 2013

Die Muhammadiya auf der kleinen indonesischen Insel Belitung ist eine Schule, die es in sich hat. Die Lehrerin ist fünfzehn Jahre alt und nimmt Näharbeiten an, um sich den Luxus des (unbezahlten) Unterrichtens leisten zu können. Die Schüler sind eine verwegene bitterarme Barfußbande, der alles fehlt, was das Leben lebenswert macht. Lintang, der Fischerjunge, der sich später als mathematisches Genie entpuppt, hat einen Schulweg von 40 Kilometern, mitten durch Mangrovensümpfe, wo die Krokodile lauern. Die Schule selbst ist eine windschiefe Bretterbude, die ein Ziegenbock umstoßen könnte.

Die Geschichte ist ein Roman und heißt »Die Regenbogentruppe«. Der Autor wurde auf der Insel Belitung geboren, wo er auch heute lebt. Er absolvierte ein Wirtschaftsstudium, mit Stipendien in Paris und Sheffield; mit seiner Publikation wurde er zum meistgelesenen Schriftsteller Indonesiens. Der Roman wurde bereits verfilmt und in 25 Sprachen übersetzt. Es ist seine eigene Lebensgeschichte, die Hirata aus der Perspektive des Kindes beschreibt. Er war einer der jungen Schüler, die mit unglaublichem Feuer der Begeisterung für den Erhalt ihrer Schule kämpften. Denn sie wussten, dass Bildung ihre einzige Chance war, um dem Kreislauf des sozialen Elends zu entrinnen. Belitung ist reich an Bodenschätzen und was zu Kolonialzeiten die Holländer ausbeuteten, das setzen heute andere Wirtschaftsmächte fort. In streng isolierten Parallelwelten lebt die reiche Elite in viktorianischen Häusern mit Golfrasen, während die einheimische Bevölkerung in sklavereiartiger Abhängigkeit gehalten wird.

Hiratas Schulgeschichte ist kunterbunt, spannend und verrückt wie ein Schulbesuch mit Pippi Langstrumpf und führt gleichzeitig mitten hinein in ein Sozialdrama. Nebenbei teilt sich dem Leser die Kultur Indonesiens mit und er erhält ein sehr anderes Bild des Islam, als wir es aus den Medien kennen. Denn die Muhammadiya ist eine islamische Schule. Man muss lachen und weinen bei der Lektüre. Sie rührt tief ans Herz.

Wer einen schulmüden Schüler des Westens kennt, der sollte ihm sofort dieses Buch zu lesen geben. Es kommt ganz ohne mahnenden Zeigefinger aus. Aber es erinnert nachdrücklich an die größte Lust, die es gibt und die alle Kinder ursprünglich verspüren – wenn man sie lässt: die Lust zu lernen.

Andrea Hirata: Die Regenbogentruppe, 272 S., kart., EUR 19,90, Hanser Verlag, München 2013

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