Sollen Kinder auswendig lernen?

Von Axel Ziemke, Juli 2011

Studien belegen, dass der schulische Erfolg nicht vom Intelligenzquotienten, sondern vom Wissen und Begriffskenntnissen abhängt. Dabei spielt nicht nur die innere Vernetzung, sondern das sogenannte episodische Gedächtnis eine Rolle.

Müssen Kinder wissen, wann der Westfälische Frieden geschlossen wurde, was eine Sekante ist, wie die Hauptstädte der europäischen Staaten heißen oder zu welchem Tierstamm der Octopus gehört? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wem man sie stellt. Schülerinnen und Schüler werden sie – besonders mit zunehmendem Alter – überwiegend verneinen (auch wenn manche von ihnen nur nicht zugeben wollen, dass auch Auswendiglernen Spaß machen kann). Aber auch Lehrerinnen und Lehrer vertreten fast durchweg die Annahme, dass es viel mehr darauf ankommt, die Intelligenz zu entwickeln, um die Zusammenhänge der einzelnen Fachgebiete zu verstehen. Und selbst Eltern nehmen die Auskunft, dass ihr intelligenter Sprössling viel mehr könnte, wenn er nur wollte, wesentlich gelassener hin als die Mitteilung, dass er an seine intellektuellen Grenzen gelangt sei. Interessanterweise wird die Antwort vieler Lernpsychologen anders ausfallen. Die Annahme, dass es mehr auf Intelligenz als auf »angelerntes« Wissen ankäme, klingt plausibel, lässt sich aber empirisch nicht bestätigen.

So hat zum Beispiel die Arbeitsgruppe des französischen Psychologen Alain Lieury die schulische Entwicklung einer großen Anzahl von Schülerinnen und Schülern in einer Langzeitstudie über mehrere Jahre verfolgt. In der achten und neunten Klasse testeten sie einerseits die Intelligenzquotienten der Jugendlichen und andererseits ihre Kenntnis unterrichtsbezogener Fachausdrücke. Auf Grund dieser Resultate prognostizierten sie die Abschlussleistungen. Das Ergebnis am Ende der Studie: Die Vorhersagen aufgrund der Begriffskenntnisse erlaubte eine wesentlich zuverlässige Vorhersage des schulischen Erfolges als der Intelligenz­quotient. Man mag an diese Studie die Frage stellen, ob »schulischer Erfolg« denn unbedingt das letzte Kriterium zur Bewertung erfolgreicher Bildung sein muss. Doch reihen sich diese Studien in viele andere ein, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen: Wissen scheint wichtiger zu sein als Intelligenz. 

Wissen zieht Wissen an 

Woran mag das liegen? Die Ausbildung von Intelligenz hat, wie Zwillingsstudien zeigen, einen nicht unerheblichen erblichen Anteil: Die Intelligenzquotienten (genetisch identischer) eineiiger Zwillinge liegen weit enger beieinander als jene (genetisch verschiedener) zweieiiger Zwillinge. Dennoch lässt sich Intelligenz zweifelsohne schulen. Allerdings ist der so zu gewinnende Zuwachs begrenzt. Die Aneignung von Wissen hingegen weist geradezu einen Schneeball-Effekt auf. Wissen zieht Wissen an. Je mehr ein Mensch weiß, desto mehr interessiert er sich für neues Wissen, das mit dem bereits Gewussten in Beziehung steht, desto besser merkt er es sich auch. Während Fortschritte in der Entwicklung der Intelligenz also nur langsam zu schulischen Erfolgen führen, reißt ein einmal angestoßener Wissenszuwachs das schulische Leistungsniveau unaufhaltsam mit sich.

Natürlich ist auch hier Wissen nicht gleich Wissen. Zunächst resultiert aus dem Gesagten, dass Wissen »vernetzt« sein muss, um Interesse zu wecken und gemerkt werden zu können. Diese Vernetzung wird wiederum durch Intelligenz gefördert. Allerdings ist dieses »begriffliche« Wissen, das wir in unserem »lexikalischen Gedächtnis« behalten, nur ein Aspekt. Wahrscheinlich noch wichtiger ist unser »episodisches Gedächtnis«, das diesem begrifflichen Wissen eine über seine inneren Vernetzungen hinaus gehende Bedeutung verleiht, indem es die Begriffe mit Erlebnissen, Bildern, Gefühlen und Geschichten verknüpft. Erst durch diese Verknüpfung wird Wissen im Prozess des Vergessens als wesentlich erkannt und somit auch erinnert. Lernen muss also vor allem »multi-episodisch« sein, wie es Alain Lieury nennt. Wenn Lernpsycho­logen die eingangs gestellte Frage mit »Ja« beantworten, ist dies also keineswegs ein Plädoyer für das gedanken- und gefühllose Auswendiglernen altpreußischer Prägung – aber vielleicht für nicht wenige Aspekte der Waldorfpädagogik: vom Erzählteil in den unteren Klassen bis zum phänomenologischen Unterricht in der Oberstufe. 

Zum Autor: Dr. Axel Ziemke ist Oberstufenlehrer für Biologie, Chemie, Philosophie, Schauspiel und Informatik an der Rudolf-Steiner-Schule Remscheid. 

»Je mehr ein Mensch weiß, desto mehr interessiert er sich für neues Wissen, das mit dem bereits Gewussten in Beziehung steht, desto besser merkt er es sich auch.«