Globalisierung, von innen betrachtet

Von Günther Dellbrügger, Juli 2013

Wenn wir heute von Globalisierung sprechen, denken wir an die rasenden virtuellen Geldströme, die verworrenen Wege der Ökonomie, aber auch an Macht und Wirkung der weltumspannenden Medien. Die Welt scheint undurchschaubar, nicht mehr zu lenken, nicht mehr gestaltbar. Gleichzeitig wird immer deutlicher, dass nur der Einzelne Verantwortung übernehmen kann. Wie kann er aus der Ohnmacht herausfinden und seine gestaltende Kraft als Individuum entfalten?

Foto: © Charlotte Fischer

Es ist eine Tatsache, dass alle Handlungen, alles Verhalten letztlich in Gedanken, Maximen, Leitideen ihren Ursprung haben und dass die Probleme sich nicht mit jenem Denken lösen lassen, das sie hervorruft. (Albert Einstein) 

Nehmen wir als aktuelles Beispiel den Werbeslogan eines Elektronikkonzerns: »Geiz ist geil«. Ein anderes Denken, das diesem Spruch begegnen könnte, wäre »Schenken ist geil«. Die zugrundeliegende Maxime wäre nicht bloße persönliche Mildtätigkeit, sondern Schenkgeld als ökonomische Kategorie neben Kaufgeld und Leihgeld. Das heißt konkret: Ohne ein neues Denken wird es keine Veränderung geben.

Diese kann aber nur vom freien Ich ausgehen, das durch Studium und Austausch angeregt wird. Initiativen wie »Direkte Demokratie«, »Sozialimpulse. Initiative Netzwerk Dreigliederung«, »Bedingungsloses Grundeinkommen« zielen darauf ab, den Einzelnen aus seiner Ohnmacht zu befreien, seine Initiativkraft zu entwickeln und ihm zu helfen, persönlich globale Verantwortung zu empfinden und im Leben zu praktizieren.

Der Weg des Individuums zu sich selbst und zu seiner Verantwortung ist zugleich der Weg, der es über sich selbst hinausführt: Wenn das Ich sich in sich selbst ergreift und frei wird, kann es global werden. Auf dem Weg zu geistiger Menschheitsempfindung können tödlicher Nationalismus und zerstörerischer »Raubtier-Kapitalismus« allmählich überwunden werden. Menschheit entsteht im Individuum, im und durch den Menschen.

Ein Silvesterabend mit Folgen

An einem Silvesterabend sitzt eine junge Frau mit ihrem Freund in Berlin in ihrer Wohnung. An diesem Silvester ist alles anders. Bisher hatte sie gefeiert, getanzt, getrunken, war am frühen Morgen ins Bett gefallen und hatte Neujahr ausgeschlafen. An diesem Silvester hält sie ihr Kind in den Armen, hofft, dass es nicht erschrickt über die Raketen, Böller und das Bengalische Feuer.

Mit dem Kind kommen ihr ganz neue Gedanken: Es ist gut möglich, dass es das Jahr 2100 erleben wird. Wie wird die Welt dann aussehen? Welche Welt werden wir ihm hinterlassen? Sie erinnert, was sie alles dazu gelesen hat, zum Beispiel dass wir auf der Erde – wenn wir unseren Lebensstil nicht energisch ändern – eine Atemluft haben werden, wie es sie heute nur in engen und stickigen U-Booten gibt.

Angesichts der absehbaren Zukunft ihres Sohnes erwacht in ihr das Gefühl globaler Verantwortung. Das Ichbewusstsein weitet sich.

Wie bei einem Zirkel zieht es immer größere Kreise, Kreise der Verantwortung für das Ganze. So entstand das Buch »Ideale. Auf der Suche nach dem, was zählt«, in dem Julia Friedrichs verschiedene Menschen des öffentlichen Lebens – Günter Grass, Gerhard Schröder, Ingo Schulze u.a. – befragt, was aus ihrem Verantwortungsgefühl, aus ihren Jugendidealen geworden ist. Aber hier beginnt auch die eigentliche Schwierigkeit. Denn wie geht es weiter, wenn grundsätzlich deutlich geworden ist: »Ich bin/wir sind verantwortlich«? Wie kommen wir dazu, konkret etwas zu tun?« Dem Tun geht immer ein Motiv voraus. Eine mehr oder weniger bewusste Idee motiviert mich, sie bringt mich in Bewegung, bewegt mich.

Auf der Ebene der Wahrnehmung, des Bewusstseins, der Ideen werden wir aber von Informationen überflutet, wir haben uns eines »Informations-Tsunamis« zu erwehren. Deshalb müssen wir uns schützen, können und wollen nicht alles, was wir erfahren, auch fühlen, empfinden, existenziell an uns herankommen lassen.

Wir blocken ab, auf die Dauer stumpfen wir ab, zucken innerlich die Schultern: Was soll ich schon machen? Genau diesen Zustand erlebt Julia Friedrichs als ein Grunddilemma unserer Zeit. Wir wissen so viel, wir wissen oft, was zu tun wäre, aber wir tun es nicht, sind wie gelähmt. Es gibt so viele brennende Probleme, dass man nicht weiß, wo man anfangen soll.

Engagiert Euch!

Stéphane Hessel hat auf diesen Übergang von individueller Erkenntnis zu gemeinschaftlicher weltweiter Verantwortung den Finger gelegt. Sein flammender Aufruf »Empört Euch!« hat das mutlose und resignierte Ich der Menschen aufgerüttelt. Sein Schicksal – er überlebte das KZ Buchenwald – hat viele junge Menschen bewegt und sein geistiges Feuer hat bei vielen gezündet: Die Protestbewegung der jungen Generation in Spanien zum Beispiel ist ohne ihn undenkbar.

Etwas später folgte sein zweiter Aufruf in einer kleinen Schrift mit dem Titel »Engagiert euch!« Denn das Empören reicht nicht aus. Ich muss mich engagieren, für etwas einsetzen. Stéphane Hessel hinterlässt jedem von uns die »Hausaufgaben«: Erkennt, wo es brennt! Empört euch! Engagiert Euch! Ich füge hinzu: an welcher Stelle auch immer!

Niemand kann alles bewegen und schon gar nicht auf einmal. Wichtig erscheint mir aber, dass wir uns überhaupt engagieren und dadurch ins Handeln kommen und den verhängnisvollen Abgrund zwischen Denken, Fühlen und Wollen wenigstens an einer Stelle überwinden.

Zwischen Weltempfinden und Autismus

Doch wie erlernen wir den Blick auf das Ganze? Im Jahr 1989 erschien das Epoche machende Buch »Der Heimatplanet« mit Fotos unserer zarten, fragilen Erde, aus dem Weltraum fotografiert. Diese Bilder – noch heute von atemberaubender Schönheit – werden kommentiert von Raumfahrern aus den verschiedenen Nationen. Einer schildert, wie er zuerst beim Überfliegen seine Heimatstadt gesucht hat, dann sein Heimatland, bis er schließlich entdeckte, dass die ganze Erde unsere gemeinsame Heimat ist: wie ein Juwel auf dunklem Samt, der blaue Planet. Der Zirkel des menschlichen Bewusstseins umkreist und umfasst die Erde als ganze, wird global. Es gibt einen Holzstich in dem Buch »L’ atmosphère« von Camille Flammarion aus dem Jahre 1888, der die Erde darstellt, umgeben von den Planeten und Fixsternsphären. An einer Stelle durchbricht der überdimensionale Mensch diese Sphären, stößt neugierig wie durch eine Zeltwand hindurch und beginnt, den sichtbaren Kosmos zu betrachten. Er tritt aus dem bisherigen Zusammenhang heraus. Mittels der Technik kann der Mensch seit dem 20. Jahrhundert in einem Raumschiff die Erde als Ganze, physisch von außen betrachten. Seine Verantwortung für diesen schönen und zarten Planeten ist sichtbar geworden. Doch der Mensch vergisst zu schnell diese Bilder und landet wieder bei sich selbst. Im äußersten Fall sprechen wir dann von »Autismus«, der »Selbst-Krankheit«. Anfang des 20. Jahrhunderts wird erstmalig diese Krankheit beschrieben und diagnostiziert, am Ende desselben Jahrhunderts weitet sich unser Blick und unser Empfinden auf die Erde als ganze, auf die »Neue Heimat«, den Heimatplaneten Erde. Das ist bezeichnend für den Menschen: Er schwankt zwischen Autismus und Weltenempfinden.

»Nichts Menschliches ist mir fremd«

Nicht immer kannten die Menschen das Empfinden des allgemein Menschlichen. Erstmals wird es im zweiten Jahrhundert vor Christus benannt. Der Sklave Terenz (201-159 v. Chr.) hatte das Glück, von einem Römer, seinem »Besitzer«, ausgebildet und freigelassen zu werden. Dieser Terenz prägt dann als Dichter den berühmt gewordenen Satz: »homo sum, humani nil a me alienum puto« – »Ich bin Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd«. Noch Augustinus († 430 n. Chr.) weiß fünfhundert Jahre später von dem grandiosen Theatererfolg dieses Satzes zu sprechen, als sei er den Menschen (als Menschen!) aus dem Herzen gesprochen. Er berichtet: »Dieser Sentenz haben, wie man überliefert, sogar die mit törichten und ungebildeten Leuten voll besetzten Theater applaudiert.« Oder waren sie vielleicht gar nicht so töricht und ungebildet? Hatten das Herz »auf dem rechten Fleck«? Spürten, dass da aus der Zukunft etwas ihr Herz berührte: »Du bist mein Bruder, weil du Mensch bist.«? Ein Leitstern, dem wir noch heute nicht immer folgen.

Victoriasee in Unterfranken

Die Frage nach der Würde des Menschen ist nicht nur eine Rechtsfrage, sondern auch eine Kulturfrage. Heute begegnen sich Welten sehr verschiedener Kulturen in der Biographie einzelner Menschen. Nehmen wir ein Beispiel.

Was verbindet Kisubi, ein armes Dorf in Uganda, und Rauhenebrach, ein Dorf im Steigerwald in Unterfranken? Ein Mensch. Francis Ssengendo stammt aus einer armen Familie in Uganda, er ist das jüngste von 13 Geschwistern. Mit 14 Jahren tritt Francis ins katholische Priesterseminar ein. Als Wasserträger verdient er sich die Schulgebühren. Mit 30 wird er Priester. Später hört er, dass die katholische Kirche in Deutschland Urlaubsvertretungen sucht. Unter den Hunderten von Priestern, die jedes Jahr aushelfen, ist eines Tages auch Francis. Einen Sommer lang hat er nun 15 Kirchen in 15 Dörfern zu versorgen. Die Leute sind erstaunt, wie gut er Deutsch und Englisch spricht, noch mehr erstaunt, dass er außer seiner Muttersprache Luganda noch Lusoga, Lutooro, Lunyoro, Lunyakole und Latein spricht. Altgriechisch liest er. In seinem Bewusstsein hält er ständig zwei Welten nebeneinander: seine bisherige Welt in Kisubi und seine neue Welt in Rauhenebrach. Er ist verblüfft über die eigene Dusche, den eigenen Kühlschrank, fließendes Wasser und Strom 24 Stunden am Tag! Zu Hause pumpen sie ihr Wasser aus dem Victoriasee, abends läuft ein Generator für einige Stunden. Er ist aber auch erstaunt über die wenigen Menschen in der Kirche, das viele Geld, die Hast immerzu, dass in den Gräbern mehrere Verstorbene liegen, dass keiner seine Ahnen kennt. Seine eigene Kenntnis reicht über Jahrhunderte zurück. Und erstaunt ist er, dass eine Portion Sauerbraten mit Blaukraut und Knödeln acht Euro kostet. Das sind 25.000 ugandische Schillinge. Sie reichen, um einem Waisenkind für drei Monate die Schule zu bezahlen. Ihm vergeht der Appetit.

Das Wort »Kulturschock« lehnt er entschieden ab. Er spricht stattdessen von »Wirtschaftsschock«. Denn Kultur sei etwas anderes als der wirtschaftliche Lebensstandard. »Kultur ist das Leben der Menschen«.

Und wo ist das Leben besser, reicher, menschlicher – im Steigerwald oder in Kisubi, frage ich mich unweigerlich?

Auf dem Weg zum universellen Ich

Die Geschichte der letzten dreitausend Jahre könnte man die Bewegung »Auf das Ich zu« nennen. Sie ist noch lange nicht an ihr Ziel gelangt, der Weg ist von Katastrophen und Rückschlägen gesäumt. Denn das Ich des Menschen ist ein »zweischneidiges Schwert«, es kann aus sich heraus für das Wohl seiner Mitmenschen wirken, es kann aber auch die ganze Welt für sich beanspruchen. Die große Zukunftsfrage ist: »Wie kommen wir über das Ich hinaus?« – ohne die Errungenschaft der individuellen, freien Persönlichkeit zu verlieren? Eine Antwort könnte der Philosoph Johann Gottlieb Fichte geben, für den der Mensch erst dann wirklich frei ist, wenn er andere frei macht, wenn von ihm der Atem der Freiheit ausgeht, etwas, das alles – bis hin zur Kreatur – »auf-atmen« lässt. Wir nehmen heute gern Freiheit für uns in Anspruch, aber beuten die Welt »in Freiheit« aus – nach dem Motto: »Ich bin so frei …«. Doch kommt unser Verhalten wie ein Bumerang wieder auf uns zurück: Die Erde erträgt uns so auf Dauer nicht! Diesen Aspekt hatte wohl der zurückgetretene Papst im Sinn, als er in seinem letzten öffentlichen Gebet im Februar diesen Jahres vor dem Ich, vor dem Egoismus und seinen allzu persönlichen Interessen warnte: »In den entscheidenden Momenten im Leben, im Grunde sogar in jedem Moment stehen wir am Scheideweg: Wollen wir dem Ich folgen oder Gott, den individuellen Interessen oder dem wirklich Guten?«

Ist das die einzige Alternative? Oder gibt es einen dritten Weg? Gibt es eine Möglichkeit, dass das Ich des Menschen sich entwickelt, sich wandelt, den Egoismus überwindet, auch wenn davon jetzt noch wenige Anzeichen zu sehen sind? Der Papst forderte: »Nicht ich, sondern Gott«. Paulus formulierte aus seinem Christuserlebnis heraus: »Nicht ich, sondern Christus in mir!«

Die Entdeckung des »Christus in uns« führt uns hinaus über die Polarität »Entweder dem Ich oder Gott folgen«. Jenseits von Kirche und Konfession liegt in dem Impuls »Nicht ich, sondern Christus in mir« die Möglichkeit, Individuum zu sein und doch universelle Anteilnahme und menschheitliche Solidarität zu entwickeln.

Literatur:

Rudolf Frieling: Die Menschlichkeit Gottes in Jesus Christus. Humanität und Christentum in Schriften, Bd. 3, Stuttgart 1982 | Roland Schulz: »Jenseits von Afrika«, in: Süddeutsche Zeitung Magazin, 50/2012