4 um die Welt. Auf dem Landweg von China nach Deutschland

Von Jonathan Siebeck, Juli 2017

Wir befinden uns am Anfang unserer Reise von China über den Landweg nach Deutschland. Den ersten Monat sind wir als Betreuer auf Sommercamps für chinesische Kinder gewesen; erst gemeinsam zehn Tage außerhalb Pekings, dann weitere zehn Tage aufgeteilt im Süd-Osten des Landes, in Fujiu, und bei Chengdu, in der Mitte des Landes. Diese Camps werden von der Organisation »World Waldorf Camp« mit chinesischen und europäischen Betreuern organisiert. Letztere vermitteln nebenbei auch noch Englischkenntnisse, ein Angebot, das die Camps auch für Eltern attraktiv gemacht haben.

Im ehemaligen Aralsee (Jonathan, Simon)

Zwei mit Heu beladene Esel in den Fann-Mountains, Tadschikistan

China

Wir steigen in die überfüllte U-Bahn in Peking und versuchen, niemanden mit unseren voluminösen Rucksäcken anzurempeln. Einige Fahrgäste zücken ihre Smartphones und fotografieren uns. Mit großen Augen werden wir angeschaut, bis sich nach kurzer Zeit einer zu der Frage »Where you from« durchringen kann. Als wir »Germany« antworten, werden die Augen noch größer und wir bekommen zu hören, wie toll unser Land sei. »Can I take a foto with you?« Solche Begegnungen begleiteten uns durch ganz China. Wer käme in Deutschland auf die Idee, eine chinesische Reisegruppe zu fotografieren? Hier sind wir, wo wir auftauchen, stets eine Attraktion – vielleicht auch schon deshalb, weil wir mehr als einen Kopf größer sind als die durchschnittlichen Chinesen.

Ein paar Tage später stehen wir schon mehr als zwei Stunden in einem Trucker-Ort am Rand der Taklamakanwüste im Nordwesten Chinas, der zweitgrößten Sandwüste der Welt, und

warten auf eine Mitfahrgelegenheit. Auf unserem Pappschild steht der Name des nächsten Zielortes in chinesischen Schriftzeichen. Ein roter, schwer beladener Lastwagen hält und lässt uns einsteigen. Kommunizieren können wir der sprachlichen Barriere wegen nicht. Unsere Reiserichtung ist jedoch eindeutig, es gibt nur die eine große Straße.

Wir waren zuvor mit dem Zug von Chengdu nach Urumqi gekommen – die Strecke entspricht etwa der Entfernung Stuttgart-Moskau und dauert 48 Stunden ohne Umsteigen. Auf der langen Fahrt bekamen wir ein Gefühl für die extreme Größe und Gegensätzlichkeit des Landes – vom eher tropischen, dicht besiedelten Südosten, bis zum trockenen, dünn besiedelten Nord-westen. Dort leben Uiguren, die großen Wert darauf legen, keine Chinesen zu sein. Die meisten Straßenschilder sind hier auf Arabisch und nicht auf Chinesisch, die vorherrschende Religion ist der Islam.

Kirgistan – Tadschikistan – Usbekistan – Turkmenistan – Iran

Auch in Kirgistan staunten die Einheimischen immer sehr, wenn wir sagten, dass wir aus Deutschland kämen. Die meisten Kirgisen denken, Deutschland sei das Paradies. Sie zeigten sich gastfreundlich und hilfsbereit. Im Nordosten bei Karakol wandern wir durch Gebirgslandschaften, die uns an die Schweiz erinnern, jedoch sind die Berge schöner, mächtiger und unberührter.

Wir werden – wie auch in den anderen Ländern Zentralasiens – häufig mit der nationalsozialistischen Vergangenheit konfrontiert. Hitler wird hier als starker Herrscher gesehen, der nur Gutes für sein Volk wollte. Es ist uns unangenehm, wenn wir erklären müssen, dass durch ihn Millionen von Menschen getötet wurden. In Tadschikistan geht es durch das Pamirgebirge – eine wüsten­artige, karge Landschaft ohne Eis und Schnee, nahezu ohne Vegetation. Die erste Nacht verbringen wir in Murgab, einem kleinen Ort, ungefähr 3600 Meter hoch gelegen. Ackerbau ist hier nicht möglich. Die meisten Einheimischen züchten Schafe und Ziegen oder sind Händler auf dem kleinen Bazar, der das Zentrum dieser Siedlung bildet. Einige der Einwohner verdienen sich ihren Lebens­unterhalt durch Zimmervermietung. Man fühlt sich wie in eine andere Zeit versetzt. Als wir während einer Wanderung in den »Fann-Mountains« im Nord-Westen Tadschikistans unsere Zelte auf einem Pass aufbauen, kommen gegen Abend Männer mit einem Esel, der mit zwei Säcken Kohle beladen ist, aus dem Tal herauf. Sie ziehen weiter über den Pass ins Nachbartal. Am selben Abend und am nächsten Tag folgen weitere. Das Stadt-Land-Gefälle ist auffallend: In der Hauptstadt Duschanbe zeigt sich ein Reichtum, der ohne Korruption wohl kaum denkbar ist, während man sich in den ländlichen Gebieten wie ins 19. Jahrhundert versetzt fühlt.

Wir sind in Ruschon im Pamirgebirge. Jeder kennt uns schon in diesem Dorf, aber selbst zehn Stunden reichen nicht aus, um jemanden zu finden, der uns mitnimmt. Zugegeben: Ruschon ist nicht gerade ideal zum Trampen. Ein junger Mann in einem Minibus hält an und bittet uns, einzusteigen. Genervt von all den Taxen, die sich uns an diesem Tag andienen wollten, lehnen wir erst ab, bis sich herausstellt, dass er uns zum Abendessen einladen möchte, da wir schon den ganzen Tag an der Straße stehen. Bei ihm zu Hause gibt es traditionell eine Suppe, Tee und Süßigkeiten. Übernachten können wir dort jedoch nicht, dafür geht es zu einer befreundeten Familie. Auch hier erleben wir eine Gastfreundschaft, die erst ein Vorgeschmack, auf das ist, was wir noch erfahren sollten.

In Usbekistan sind wir natürlich am Aralsee – besser an dem Ort, an dem er einmal gewesen ist. Dabei wird uns in einem zuvor nicht gekannten Ausmaß bewusst, was für drastische Folgen das Eingreifen des Menschen in das Gleichgewicht der Natur hinterlässt.

Auch die Moscheen in Samarkand mit ihren berühmten türkis-blauen Kuppeln sind auf dem Programm. Im Vergleich zu Kirgistan und Tadschikistan steht hier die Kultur im Vordergrund. In den fruchtbaren Bereichen des Landes wird Baumwolle angebaut, die dem Staat die notwendigen Einnahmen beschert, die er für den Ausbau der Infrastruktur, die hier besser ist als in den Nachbarländern, dringend braucht.

In Turkmenistan begegnen wir mitten in der Wüste einem grandiosen Naturschauspiel – bekannt als »Gate to Hell«, ein rund 30 Meter tiefer Krater von gut 60 Metern Durchmesser. Einheimische erzählen, dass dort vor 50, 60 Jahren auf der Suche nach anderen Ressourcen eine Gasquelle angebohrt wurde; über Jahre blieb das Leck unentdeckt, bis das ausströmende Gas explodierte. Seither ist es nicht gelungen, den Brand zu löschen. Mit minus 20 Grad erleben wir dort die kälteste Nacht unserer Reise und sind froh, uns am nächsten Morgen am Rand des Kraters aufwärmen zu können. Turkmenistan ist kein touristenfreund­liches Land.

Sechs Mal müssen wir für ein Fünftagesvisum auf die Botschaft und sind sehr stolz, als wir es haben, da die Ablehnungsquote bei 70 Prozent liegt. Erstmals begegnet uns offene Ablehnung. Als wir in einem heruntergekommenen Hotel über den Preis verhandeln wollen, werden wir rausgeschmissen. Wir sind froh, nach vier Tagen das Land wieder zu verlassen.

Wir haben schon einiges über die Gastfreundschaft im Iran gelesen oder von anderen Reisenden gehört. Und tatsächlich, sie übertrifft all unsere Erwartungen. Selbst zu viert passiert es uns, dass wir nach weniger als einer Minute, als wir in Isfahan auf einem Platz stehen, von einem jungen Mann angesprochen werden, ob er uns einladen darf. Die Menschen scheinen den schlechten politischen Ruf des Landes widerlegen zu wollen. Ein Mann, bei dem wir mehrere Tage wohnen, leiht uns seine gesamte Ski-Ausrüstung und kocht auch noch für uns, obwohl wir an der Reihe gewesen wären, uns erkenntlich zu zeigen.

Auch im Iran besteht ein stark ausgeprägtes Stadt-Land-Gefälle. In der Hauptstadt Teheran hat die gebildete Jugend nahezu keinen freiwilligen Kontakt zur Religion. Außer der gesetzlich verordneten Kleidung gibt es wenig in ihrem Leben, was auf eine muslimische Lebensweise hindeuten würde. In Teheran tragen junge Frauen westliche Kleidung. Das Oberteil muss über den Po reichen, das Kopftuch ist obligatorisch. Auf dem Land herrscht eine konservative Einstellung vor, die Frauen tragen den Tschador, der nur das Gesicht freilässt.

Wüsten begleiten uns auch hier über weite Teile der Reise, besonders im Süden, wo auch im Dezember die Temperaturen noch um die 30 Grad liegen.

Es folgen weitere zehn Länder – Armenien, Georgien, Türkei, Griechenland, Albanien, Montenegro, Bosnien-Herzegovina, Kroatien, Slowenien und Österreich – bis wir wieder in Deutschland ankommen, 17 Länder sind es insgesamt mit 13 Währungen und acht Zeitzonen innerhalb eines halben Jahres. Wir lernen Teile der Welt und ihre Bewohner kennen, von denen wir noch nie zuvor gehört haben.

Wir sind alle mit der Überzeugung zurückgekehrt, noch mehr von dieser Welt kennenlernen zu wollen. »Reisen heißt entdecken, wie engstirnig unsere Annahmen von anderen Ländern sind. Es verwandelt Vorstellung in Erfahrung. Und es zeigt, wie wunderschön unsere Welt ist«, fasst mein Reise­kamerad Lukas Krüger treffend zusammen.

Zum Autor: Jonathan Siebeck ehemaliger Schüler an der FWS Stuttgart Uhlandshöhe und seine drei Freunde Simon Eichholz, Lukas Krüger und Laurens Lohn von der FWS Gutenhalde/Filderstadt machten sich nach dem Abitur auf die Reise.

https://vierumdieweltblog.wordpress.com/

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