Eingeknickt

Von Henning Köhler, Mai 2017

Im Oktober 2016 handelte meine Kolumne von Flüchtlingskindern, die im Mittelmeer ertrinken. Über 4.500 Menschen, davon etwa ein Sechstel Kinder, starben letztes Jahr bei dem Versuch, via Lybien nach Italien zu gelangen.

Es ist eine mutwillige Vertauschung von Ursache und Wirkung, allein »kriminelle Schleuserbanden« dafür verantwortlich zu machen. Es ist Mord durch unterlassene Hilfeleistung, jeden Tag.

Rund ein Drittel der Menschen, die in Europa Schutz suchen, sind minderjährig. Damit befassen sich die Befürworter einer restriktiven Flüchtlingspolitik ungern. Es bringt sie aus dem Konzept. Traumatisierte, halb verhungerte Kinder passen nicht ins xenophobische Feindbildschema. Noch besteht – theoretisch – ein breiter Konsens darüber, dass Kindern, gleich woher sie kommen, kein Leid geschehen dürfte. Deshalb setzte sich Beatrice von Storch (AfD) so in die Nesseln mit ihrer Forderung, illegale Einwanderer samt Frauen und Kindern notfalls mit der Schusswaffe zurückzutreiben. (Später hieß es, sie habe nur Warnschüsse gemeint.) Überhaupt müsste jedem das Wort im Hals stecken bleiben, der sich anschickt, Kinder als illegale Einwanderer zu bezeichnen. Oder gar als Wirtschaftsflüchtlinge, ganz davon abgesehen, dass die Umbenennung von Armutsflüchtlingen in Wirtschaftsflüchtlinge ein Paradebeispiel für semantische Umweltverschmutzung ist.

Wer will schon als Kinderschinder dastehen. Doch wie man es auch dreht und wendet: Die Abschottungspolitik der EU ist eine Politik billigend in Kauf genommener Grausamkeit  gegenüber Kindern. Darüber können wir nicht hinweg­sehen, auch wenn es schmerzt. Der Tod durch Ertrinken ist ja nur ein Teil des Horrors. Viele Erstaufnahmelager an den EU-Außengrenzen erfüllen nicht einmal humanitäre Mindeststandards. Flüchtlingskinder sind in großer Zahl »sexueller Gewalt, Ausbeutung und Misshandlungen aus­- gesetzt, auch durch sogenannte Sicherheitskräfte«, beklagt Justin Forsyth vom Kinderhilfswerk UNICEF.

Tausende verschwinden einfach – goldene Zeiten für Menschenhändler. Angesichts dieser immer mehr sich zuspitzenden Tragödie, so Forsyth, sei es »eine Aufgabe der Weltgemeinschaft mit höchster Priorität, sichere und legale Fluchtwege zu eröffnen und wirksame Schutzmaßnahmen zu ergreifen«.

Was stattdessen geschieht, steht jeden Tag in der Zeitung. Natürlich gibt es keine schnellen Lösungen. Alles hängt davon ab, welche Grundsatzentscheidungen getroffen werden. Die politisch Verantwortlichen der EU – auch Deutschlands – haben sich im Grundsatz dagegen entschieden, größtmögliche Hilfsbereitschaft walten zu lassen. Und viele, allzu viele Menschen finden das richtig.

Martin Walser, den ich oft und vehement kritisierte, gab der ZEIT ein beachtliches Interview. Dort verneigte er sich vor Angela Merkels »großartiger Aussage: ›Wir schaffen das.‹« Doch die Kanzlerin ist leider eingeknickt. Unter gewaltigem Druck, muss man hinzufügen. Hätte sie das Elend der Kinder über alle politischen Erwägungen gestellt … wer weiß.

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