Eulen und Lerchen

Von Henning Köhler, Juli 2017

Im April 2017 richtete die US-amerikanische Akademie für Schlafmedizin eine Warnung an Eltern, Lehrer und die Politik: Man müsse endlich mehr Rücksicht darauf nehmen, dass sich bei Jugendlichen zwischen dem 13. und 18. Lebensjahr der Schlafrhythmus ändert.

Die Erkenntnis ist nicht neu. Man kann Eltern keinen Vorwurf machen, wenn sie mangels Fachwissen die Weigerung ihrer pubertierenden Kinder, »rechtzeitig« schlafen zu gehen, als eine Art oppositionelles Verhalten missverstehen.

Doch Ärzte, Lehrer und Erziehungsberater sollten es besser wissen. Viele Pubertierende, vor allem solche, die dem Chronotypus der »Eulen« angehören*, werden einfach nicht vor 23 Uhr müde. Sie kommen dann vielleicht erst nach Mitternacht zur Ruhe, und zwischen sechs und sieben klingelt schon der Wecker.

Da liegt es nahe, sich auf dem Schulweg Energy-Drinks zu besorgen oder immer ein paar Koffein-Tabletten in Reserve zu haben. Oft baut sich eine Schwellenangst vor dem Zu-Bett-Gehen auf. Der Zeitpunkt wird immer weiter hinausgezögert. Die neuen Medien verschärfen das Problem. Und Eltern dürfen nicht tatenlos zusehen, wenn Jugendliche halbe Nächte am Bildschirm verbringen!

Chronischer Schlafmangel ist gesundheitsschädigend, ruft Depressionen hervor, wirkt sich negativ auf die Lernmoti­vation aus und beeinträchtigt das Vermögens, den Lernstoff zu verarbeiten. Letzteres geschehe nämlich im Schlaf, betont Till Ronneberg, ein hierzulande führender Forscher auf diesem Gebiet. Deshalb fordert er wie seine amerikanischen Kollegen, der Unterricht müsse später beginnen, insbesondere für Jugendliche.

Joseph Kraus, Präsident des deutschen Lehrerverbandes, hält davon gar nichts. »Schule soll einstimmen auf die späteren Lebens- und Berufsrealitäten«, erklärt er, »die beginnen bei den allermeisten Menschen nicht erst um neun Uhr.« Da erübrigt sich jeder Kommentar.

Ich kenne die Gegenargumente: Busfahrpläne, berufstätigte Eltern, inakzeptable Verknappung der Schulzeit und so weiter. Trotzdem sollten Modelle eines gleitenden Schulbeginns erprobt werden. Was wäre so schlimm daran, wenn manche Schüler etwas früher, manche etwas später einträfen? 60 Minuten Spielraum erscheinen mir realistisch. Man stelle sich vor: In dieser Zeit stehen Lehrer für zwanglose Gespräche bereit. Ein paar Jugendliche spielen Basketball oder Tischfußball. Andere gehen den Unterrichtsstoff vom Vortag noch einmal durch. Wieder andere malen oder modellieren. Die Übermüdeten relaxen einfach noch ein Weilchen. Und soundso viele kommen eben eine Stunde später.

Der starre Uhrzeit-Takt ist nicht menschengemäß. Er widerspricht den natürlichen Rhythmen und schwächt das rhythmische System. Gesund sind gleitende Übergänge. Daran sollten wir gelegentlich denken.

* Man unterscheidet klassisch zwischen den Chronotypen der »Lerchen« (Tagmenschen, Frühaufsteher) und »Eulen« (Nachtmenschen, Morgenmuffel.) Manche Forscher halten das allerdings für eine unzulässige Vereinfachung.

Kommentare

Stefan Horender, Zürich, 03.07.17 16:07

Vielen Dank für diesen Artikel.
Ich möchte noch ergänzen, dass wir durch die Sommerzeit dieses Problem noch verschärfen, schliesslich fängt die Schule dadurch von Ende März bis Ende Oktober eine Stunde früher an.

Christian Ruoff, Berlin, 18.07.17 07:07

Danke für den wichtigen Artikel. Der Gleitzeit-Vorschlag scheint mir allerdings einigermaßen weltfremd. Welcher Jugendliche kommt denn um 8 Uhr, wenn er erst um 9 da sein muss und geht dann noch gar den Unterrichstoff vom Vortag durch?

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