Gigantisch

Von Henning Köhler, Februar 2017

»Man fühlt sich manchmal klein und hilflos vor der kindlichen Gefühlswelt, sie ist mächtiger als die unsrige«, schrieb Janusz Korczak. Viele Eltern, ErzieherInnen, LehrerInnen wissen ein Lied davon zu singen.

Aber woraus erklärt sich das? Sind wir nicht Giganten in den Augen der Kinder? Oh ja. Kinder schauen zu Erwachsenen auf wie zu unbegreiflich hohen Wesen. Es gibt zwei Möglichkeiten, mit dieser Rolle umzugehen, eine glaubwürdige und eine unglaubwürdige. Glaubwürdige Giganten sind liebevolle Beschützergiganten, und wenn der Schutz des Kindes es erfordert, lassen sie auch einmal Strenge walten. Strenge als beschützende Geste und Ausdruck von Liebe hat nichts Demütigendes. Der unglaubwürdige Gigant hingegen ist ein Drohgigant, Schimpfgigant, Bestrafergigant. Er verspielt das Vertrauen der Kinder. Sie sind tief enttäuscht von ihm.

Nun mutiert aber mancher, der eigentlich gern ein liebevoller Beschützergigant wäre, zum Droh-, Schimpf- und Bestrafergiganten. Und nicht selten steckt dahinter das von Korczak angesprochene Unterlegenheitsgefühl. Falsch gedeutet, kann uns dieses Gefühl nämlich auf den abwegigen Gedanken bringen, es gehe darum, mit Kindern Machtkämpfe auszutragen. Warum also fühlen sich Erwachsene gegenüber dem Seelenleben des Kindes manchmal so klein und hilflos? Korczak gab ein naheliegendes Beispiel: »Im Weinen des Kindes liegen Schmerz und Sehnsucht von Jahrhunderten.« Ein Satz zum Meditieren. Korczak war der letzte, dem es eingefallen wäre, jedes Kindergequengel lyrisch zu überhöhen. Er wollte nur sagen: In gewissen Momenten trauern Kinder auf eine Art, die unser Fassungsvermögen übersteigt – als ob ihr Schmerz ein Widerhall des Schmerzes der Weltseele wäre. Demgegenüber gibt es nur eine angemessene Haltung: Respekt und Bescheidenheit.

»Wahrhaftig bis zur Grenze des Erträglichen sind unsere Kinder«, schrieb Wolfgang Bergmann. »Die ganze Melancholie alles Lebenden und Sterbenden ist ihnen vertraut. Lange können sie über einen toten Vogel weinen. Ich suchte das Lieblingsstofftier meiner Tochter – ach was, ein Fetzen Stoff war es – nachts auf dem Spielplatz. Ein Freund kam hinzu, wir suchten zu zweit. Die Erschütterung des Kindes brachte uns ganz durcheinander. Das verquere Objekt musste gefunden werden. Kinder reißen die Wirklichkeit des Menschen auf, darin sind sie radikal, manchmal untröstlich, dann wieder von einem Lebensjubel erfüllt, der uns nicht mehr zur Verfügung steht.« Was Erwachsene demütig stimmen sollte, so Bergmann, ist »das Offenbarwerden tiefer Seinsverfassungen« durch Kinder. Der unersetzliche Stofffetzen! In Kinderhänden wird Stroh zu Gold, werden Kieselsteine zu Diamanten, Stofffetzen zu Heiligtümern. 

Das Gefühl, Kindern nicht gewachsen zu sein, ist erschreckend weit verbreitet. Eine Art Pädophobie. Alle Welt jammert, wie unmöglich »die heutigen Kinder« seien.

Meines Erachtens liegt etwas anderes vor: Urkindliches Verhalten wird heute bereits als Bedrohung wahrgenommen. Das wiederum irritiert die Kinder zutiefst. Mit entsprechenden Folgen.

Literatur: J. Korczak: Wie man ein Kind lieben soll | W. Bergmann: Geheimnisvoll wie der Himmel sind Kinder

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