Hochsensibel

Von Henning Köhler, März 2017

Als die US-Psychotherapeutin Elaine Aron 1997 das im Prinzip längst bekannte Phänomen der sensory processing sensitivity – umgangssprachlich: Hoch- oder Hypersensibilität (HS) – detailliert und systematisch beschrieb, erregte sie damit unerwartetes Aufsehen.

Schätzungsweise 15 bis 20 Prozent aller Menschen sollen von HS betroffen sein. Sie sind empfindsam, genauer gesagt: feinsinnig bis zur Schmerzgrenze (oder darüber hinaus). Es handelt sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Persönlichkeitsmerkmal, das Licht- und Schattenseiten aufweist. Allerdings unterliegen die Betroffenen einem erhöhten Risiko, psychisch zu erkranken. Sie leiden weitaus stärker als andere unter der permanenten Reizflut in den modernen Lebensverhältnissen, stoßen bei ihren Mitmenschen oft auf Unverständnis und neigen zur Selbstentwertung. Viele Hochsensible waren schon als Kinder soziale Außenseiter und Schulversager. Legt man das heute allgemein anerkannte charakterologische Fünf-Faktoren-Modell (The Big Five) zugrunde, entsprechen Hochsensible in mancher Hinsicht den Kriterien der »emotional labilen« Grundverfassung. Auch Vieles von dem, was der Psychologe Jerome Kagan als »Hochreaktivität« beschreibt, trifft auf sie zu. HS lässt sich keinem der klassischen Temperamente eindeutig zuordnen. (Die geringste Affinität besteht zum Phlegma.) Jedoch erinnert das, was Rudolf Steiner im Heilpädagogischen Kurs über »seelisches Wundsein« sagt, an die HS-Symptomatik.

Obwohl sich seit rund 130 Jahren immer wieder einzelne Wissenschaftler mit Hochsensibilität beschäftigten, steckt die Ursachenforschung noch in den Anfängen. Aron hat eigentlich nichts Neues entdeckt, sie gab nur das richtige Signal zur richtigen Zeit, HS endlich als Normvariante anzuerkennen und zu begreifen, welche Stärken in dieser Wesensverfassung liegen. Dutzende Sach- und Fachbücher über Hochsensibilität folgten, während zugleich Lee Caroll und Jan Tober den »Indigo-Kinder«-Hype auslösten. Das Ganze geriet zu einer teilweise ärgerlichen esoterischen Mode. Ich selbst befasste mich schon ab 1990 im Kontext meiner Forschungen zur Sinneslehre mit hochempfindsamen Kindern und beschrieb wenig später auch ihre manchmal frappierende Fähigkeit, Dinge zu spüren, zu wissen, zu durchschauen, die ihnen eigentlich verborgen bleiben müssten.

Meine vorsichtigen Versuche, öffentlich darauf hinzuweisen, dass man solche Kinder immer häufiger antrifft und dass möglicherweise mehr und etwas anderes dahinter steckt als nur eine »Verhaltensstörung«, rief zum Teil feindselige Reaktionen hervor.

In Waldorfkreisen wird das Thema bis heute weitgehend ignoriert. Deshalb ergriff ich vor knapp drei Jahren die Initiative, eine Fachtagung über HS vorzubereiten (Kolumne K., April 2014). Damals bildete sich spontan ein Vorbereitungskreis mit Menschen aus ganz Deutschland.

Die Tagung findet vom 25.-28. Mai 2017 in Köln statt.

Anmeldung und Infos unter Tel. 0221-94 14 931. online: www.hochsensible-kinder-begleiten.de

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