Stress und kein Lernen

Von Henning Köhler, Januar 2017

In unserer Elternberatungssprechstunde häufen sich Klagen über »den täglichen Hausaufgabenstress«. Viel Streit entbrennt deswegen: zwischen Eltern und Kindern, Kindern und Lehrern, Lehrern und Eltern. Unnötiger Streit, wie ich meine. Die Sache ist es einfach nicht wert.

Nach Erhebungen der OECD beträgt bei deutschen Schülern der durchschnittliche Zeitaufwand für Hausaufgaben ca. 4,5 Stunden pro Woche. Wie solche Zahlen zustande kommen, ist mir schleierhaft. Spätestens ab dem vierten, fünften Schuljahr entsprechen sie nicht mehr der Realität – sieht man einmal von Schülern ab, denen das Lernen ungewöhnlich leicht fällt. Soeben hatte ich mal wieder Gelegenheit, mit Oberstufenschülern einer Waldorfschule über das Thema zu diskutieren. Sie kritisierten übereinstimmend, ihre Lehrer sprächen sich bezüglich der Hausaufgaben nicht untereinander ab. Summa summarum komme so viel zusammen, dass noch die Abende, die Wochenenden, teilweise sogar die Ferien draufgingen. »Es bringt nur leider nichts«, sagte einer. »Irgendwann arbeitest du nur noch mechanisch dein Pensum ab«. Mehrere nickten.

Studien der TU Dresden (2008) und der Uni Kassel (2006) kamen zu dem – erwartungsgemäß von den Lehrerverbänden angezweifelten – Ergebnis, Hausaufgaben hätten keinen nachweisbaren positiven Effekt auf die Schulleistungen. (vgl. Kolumne K. Februar 2013). Stattdessen muss man mit unerwünschten Effekten rechnen. Erstens hat die Verschulung der schulfreien Zeit negative Rückwirkungen auf Konzentration und Motivation im Unterricht. Zweitens kommt es wegen der Hausaufgaben, wie gesagt, oft zu Störungen des Familienfriedens. Das belastet die Kinder, raubt ihnen den Schlaf, begünstigt Schulfrust und Schulangst.

In Spanien werden den Schülern laut OECD noch mehr Hausaufgaben aufgebrummt als bei uns. Der einflussreiche spanische Elternverband Ceapa läuft jetzt dagegen Sturm. Er droht für 2017 einen unbefristeten, totalen Hausauf­gabenstreik an. Begründung: Viele Schüler hätten heute ein größeres Arbeitspensum als berufstätige Erwachsene, dies könne nicht länger hingenommen werden. Darüber mokieren sich seit Jahren auch deutsche Bildungskritiker.

Der Ceapa-Vorsitzende José Luis Pazos wies darauf hin, dass Länder mit hoher Bildungsqualität die Hausaufgaben stark reduziert oder ganz abgeschafft haben. Nun ist bekanntlich sehr umstritten, was »hohe Bildungsqualität« bedeutet. Doch selbst wenn man die fragwürdigen PISA-Kriterien bejaht, gibt es keinen vernünftigen Grund, am Prinzip der Zwangshausaufgaben festzuhalten. Schon Rudolf Steiner lehnte das ab.

Etwas anderes sind freiwillige Hausaufgaben. Ich bin sicher: Die Zahl der Hausaufgabenmuffel in einer Klasse würde nicht steigen, sondern wahrscheinlich sogar sinken, wenn sie dürften, statt zu müssen. Übrigens hat der Verband der Schulleiter in der deutschsprachigen Schweiz (VSLCH) kürzlich bekannt gegeben, Hausaufgaben seien überflüssig. Es tut sich was. Wenigstens in dieser Sache.

Kommentare

Maren , 23.01.17 22:01

Vielen Dank für die Kolumne, sie spricht mir aus dem Herzen!
Ich möchte gerne noch ein weiteres Argument (rein gedanklich, ohne Studie) hinzufügen. Immer wieder wird über die Tatsache diskutiert, dass Kinder bildungsferner Familien oder Kinder von Eltern die hinlänglich Deutsch sprechen offensichtlich im Schnitt die schlechteren Abschlüsse haben. Ich gehe jetzt soweit zu behaupten, das liegt größtenteils an den Hausaufgaben: Wenn die Unterrichtsgestaltung darauf aufgebaut ist, dass in erster Linie zuhause geübt wird, hier aber faktisch nicht dabei geholfen werden kann, so liegt es doch auf der Hand, dass diese Kinder abgehängt werden! Insbesondere wenn anderere Kinder der Klasse zuhause unterstützt/korrigiert werden und somit der Gesamteindruck entsteht, dass die meisten Kinder den Stoff erfasst haben, der Lehrer also fortfahren kann... Hier beginnt meiner Einschätzung nach Bildungsbenachteiligung.

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