Muße im Wandel

Von Godiwa Jung, Mai 2017

Das Phänomen Muße begleitet die Gesellschaft, seit es sie gibt und wurde unter verschiedenen Blickwinkeln, jedoch stets im Verhältnis zur körperlichen Arbeit, gelebt und beurteilt. Es ist ein gesellschaftlicher Bedeutungswandel in Bezug auf das Verständnis von Muße zu beobachten, sodass sich die Frage stellt, inwiefern eine moderne Gesellschaft, deren Leitidee die Leistungssteigerung ist, sich Muße leisten kann und möchte.

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Der Terminus Muße hat interessanterweise nicht nur die selben Sprachwurzeln wie die Begriffe Freizeit, Arbeitsruhe und Spielraum, sondern bedeutet im Griechischen auch Schule, wodurch auch auf eine lernende Tätigkeit verwiesen wird. Muße heißt also nicht zwingend Freizeit, noch kann sie allgemein mit Faulheit oder Trägheit gleichgesetzt werden. Ebenso wenig kann verallgemeinert werden, dass lediglich an stillen Orten Muße entstehen kann. Gärten, Bäder, Spaziergänge oder schöne Aussichten können der Entspannung dienen und helfen, Muße zu finden. Dennoch gibt es keine Garantie, durch diese Äußerlichkeiten in einer schöpferischen Versenkung die Zeit zu relativieren.

Im Gegensatz zur derzeit meist negativen Konnotation des Müßiggangs als untätige Bequemlichkeit und des müßiggängerischen Menschen als antriebslos und arbeitsscheu, ist der Begriff der Muße in einer Gesellschaft, in der Konzepte wie das der Entschleunigung Einzug gehalten haben, positiv besetzt. Heute wird der Begriff »Müßiggänger« häufig als Vorwurf oder Herabwürdigung benutzt, um Menschen zu beschreiben, die ein erwartetes Leistungsmaß nicht erfüllen. Dabei wurde das unbeschwert-beschauliche, erquickende, süße Nichtstun früher einmal als erstrebenswert betrachtet. Der Müßiggang stellte einen Raum dar, in dem der Mensch frei von Pflichten war, in dem nichts getan werden musste, jedoch alles entstehen durfte.

Freiheit und Muße als höchste Lebensform

Kein anderer Zeitraum als die Antike lebte die Kultur des Müßiggangs beständiger, ja rigoroser. Die in einer Polis lebenden Vollbürger des antiken Griechenland widmeten ihre Zeit dem Müßiggang, der vita contemplativa und damit dem guten Leben, das sich frei von zweckgebundener Arbeit abspielte. Die Aristokratie bildete den Teil der Gesellschaft, der primär politisch tätig war, denn nach aristotelischer Definition ist der Mensch dadurch sozial, dass er sich in der Polis aktiv betätigt. Aristoteles begreift Arbeit und Freiheit als Gegensätze. Wer nicht Herr jedes Augenblickes seines Lebens war, nicht unabhängig von der Notdurft des Lebens, war kein freier Mensch. Freiheit ist demnach nur vollkommen losgelöst von der Knechtschaft der Erwerbsarbeit möglich. Platon hält darüber hinaus die körperliche Arbeit für unvereinbar mit bürgerlicher Tugend, denn handwerkliche Tätigkeiten rufen körperliche Schäden hervor, stumpfen den Geist ab und lassen die Seele verkümmern. Diese Unvereinbarkeit körperlicher Arbeit mit einer höheren Lebensform, in der das Talent ausgebildet und die Persönlichkeit entfaltet werden, hatte einzig und allein ein Leben in Kontemplation als Ziel. Damit sich der freie Mensch ausschließlich einem Leben in Muße widmen konnte, musste er von der Arbeit befreit sein, ergo brauchte er Sklaven, welche die anstrengende, körperliche Arbeit, das Lebensnotwendige für ihn verrichteten.

Für Aristoteles ist das Herrschafts- und Abhängigkeitsverhältnis naturgegeben, insofern »einige Menschen von Natur aus Freie oder Sklaven sind«, das heißt, die einen den anderen übergeordnet sind, wie die Seele dem Leib, der Mensch dem Tier, die Männer den Frauen, die Besseren den Schlechteren. Brachte diese Art des Müßiggangs zwar einige der größten Philosophen hervor, geschah dies jedoch unter aus heutiger Sicht gnadenlosen und menschenverachtenden Verhältnissen.

Muße bedeutet plötzlich Faulheit

Auch im Mittelalter waren die Herrschaftsverhältnisse von einer Polarität geprägt, denn die Gesellschaft war in arbeitende Lehnsknechte und den von körperlicher Arbeit befreiten Adel geteilt. Während das Bauerntum Lebensnotwendiges erarbeitete, pflegte der Adel körperliche Arbeit zu unterlassen. Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung, zunehmendem Landausbau sowie einer schnell wachsenden Bevölkerung, ging

im Hochmittelalter eine sozioökonomische Aufwertung der Arbeit einher. Dies ist darauf zurückzuführen, dass durch Luthers Reformation alle Christen gleichgestellt wurden, Bauern wie Kleriker. Göttliche Gnade erlange nur derjenige, welcher Arbeit – für Luther Gottesdienst – leiste. Die Bewertung von Arbeit und Muße verkehrte sich komplett. Das Verständnis der Berufung, also der von Gott zugewiesene Beruf, dem man sich zu fügen hatte, blieb als Wertschätzung der entlohnten Arbeit unserer modernen, säkularen Gesellschaft erhalten. Einhergehend mit der Aufwertung der körperlichen Tätigkeit wurde von Thomas von Aquin im 13. Jahrhundert die Acidia als eine von sieben Todsünden verurteilt. Auch wenn man sich nicht ganz einig ist, was der griechisch-lateinische Begriff Acidia genau meint, wird er gemeinhin mit Müßiggang übersetzt. Obwohl sich der Adel weiterhin körperlicher Arbeit fernhielt, wurde Muße mit Faulheit gleichgesetzt und auch in Klöstern galt es, durch Lesen und Beten sich dieser Todsünde Acidia fernzuhalten. Demnach konnte im Mittelalter nur produktiv tätig sein, wer nicht Muße suchte, denn der kreativ schöpferische Akt wurde überdies dem Menschen abgesprochen und allein Gott vorbehalten.

Verkehrung: Arbeit als höchste Lebensform

In der modernen Gesellschaft hingegen erhält der Terminus Muße mancherorts eine positive Konnotation. Hannah Arendt unterscheidet in ihrer hierarchischen Handlungstheorie die Tätigkeiten Arbeiten, Herstellen und Handeln. Die Arbeit gibt das Leben als solches wieder, das Herstellen meint die Produktion von Dingen, die gebraucht werden, sowie künstlerische Tätigkeiten und Handeln ist als ideell-geistiger Vorgang zu verstehen, als Interaktion zwischen Individuen. Als arbeitendes Lebewesen (animal laborans) ist der Mensch ausschließlich für die Pro- und Reproduktion von Überlebensmitteln verantwortlich und damit ein auf die Arbeit reduziertes Tier.

Dem Leben des animal laborans wird kein Raum für Muße-Zeit zugesprochen. Ebenso wird durch diese Arbeit nichts erschaffen, was für ein individuelles Dasein abseits der Gattung Mensch von Dauer ist und den Menschen aus dem kreisförmigen Ewigkeitsprozess des Natürlichen befreit oder ihm eine eigene Geschichte verleiht. Nach Arendt wird der Mensch in der Kunst und Kultur, als »homo faber«, unsterblich, kann jedoch erst im Handeln, also im Bereich des Politischen, das ihm eigentlich Wesenhafte entfalten und als »zoon politikon« die Gesellschaft mitgestalten, was lediglich durch den Raum der Muße möglich wird.

Doch in unserer modernen Gesellschaft stiftet zum größten Teil klassische Erwerbsarbeit Sinn und das Gefühl eines erfüllten Daseins. Die Erwerbsarbeit bestimmt die Biographien der Menschen, während unbezahlte Arbeit meist unberücksichtigt bleibt.

Das Handeln ist an die unterste, das Arbeiten an oberste Stelle gerückt. Der Mensch als Arbeitstier hat sich von seinem politischen Wesen entfremdet. Gleichzeitig haben sich – Arendt folgend – vormals strikt voneinander getrennten Bereiche – das Private und das Öffentliche miteinander verflochten. Das Private, in welchem der Mensch sich darum verzehrt, seine Existenz zu erhalten, wurde spätestens in der Neuzeit über das Öffentliche, die von Lebensnotwendig­keiten unabhängige Sphäre, gestülpt. Bildet der ursprünglich neutrale und von Arendt gebrauchte Begriff otium, lateinisch für Muße(-zeit) oder Müßiggang, seine Negation im negotium, was Arbeitszeit beziehungszeise Beschäftigung bedeutet, gilt noch heute das mittelalterliche Sprichwort vom Müßiggang als aller Laster Anfang und somit als Negation des Tätigseins.

Spielen schafft Freiräume

Johan Huizinga wurde durch seine 1938 veröffentlichte Abhandlung »Homo ludens: Vom Ursprung der Kultur im Spiel« bekannt. Dem denkenden »homo sapiens« und dem schaffenden »homo faber« steht ein spielender »homo ludens« gegenüber, der im Spiel einer zweckentbundenen, jedoch nicht nutzlosen Tätigkeit nachgeht. Nach Huizinga erschaffe das Spielen Freiräume, welche den Ursprung aller Kulturentwicklung bildeten. Dieses Konzept nimmt auf, was bereits Friedrich Schiller in seinen ästhetischen Briefen postulierte, dass der Mensch nur da ganz Mensch sein könne, wo er spiele. Auch in der Hirnforschung ist längst erkannt worden, dass der Mensch erst durch kreatives Spielen sein Potenzial entfaltet, Lebendigkeit erfährt und das Gehirn auf Höchstform kommt.

Wie sähe eine Gesellschaft aus, in welcher das Individuum sich das otium zugestände, einen Raum, in welchem es sich einzig auf Muße besinnen könnte? Man könnte sich auf Trevrizent berufen, der Parzival lehrte, dass wer mit der vorge­blichen Todsünde Acidia nach seinesgleichen werfe, sich selbst einer ernsthafteren Todsünde schuldig mache; des­wegen solle man »die Muße gut sein lassen«. Wer also den Müßiggänger verurteilte, sei neidisch, geizig, zornig und eitel, was dem sozialen Ganzen selbst in Hinblick auf die Produktion nicht helfe. Denn für ein Miteinander in einer Gesellschaft, die im Gegensatz zur griechischen Polis nicht mehr auf körperliche Arbeit angewiesen ist, wäre es wünschenswert, sich auf die eigene schöpferische Tätigkeit zu fokussieren und nicht anderer Menschen Schaffen nach selbst geschaffenen Leistungsmaximen zu bewerten.

Zur Autorin: Godiwa Jung hat sich im Rahmen ihrer Bachelorarbeit mit dem Thema Muße und Müßiggang beschäftigt. Derzeit ist sie für eine Kinderrechtsorganisation in Berlin tätig.

Literatur: H. Arendt: Vita activa – oder Vom tätigen Leben, München 2008 | J. Huizinga: Homo ludens. Vom Ursprung der Kultur im Spiel, Reinbek 2011

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