Zeit – unsere wertvollste Ressource

Von Börries Hornemann, Mai 2017

Wir müssen die Gesellschaft neu erfinden. Ein Arbeitsbegriff, der nur Geld verdienen bedeutet, ist passé. Digitale Abstinenz, das Erleben der Wirklichkeit, Langeweile und Freude am Leben gehören zum Arbeitsethos der Zukunft.

Foto: © neal joup / photocase.de

Wir leben in paradoxen Zeiten. Wir alle profitieren von der Digitalisierung – und doch scheint die allgemeine Zufriedenheit nicht zuzunehmen. Vieles, was früher Königen vorbehalten war, ist heute im letzten Dorf bereits Standard. Wir sind umgeben von digitalen Assistenten. Gemessen am Lebenskomfort ist es heute angenehmer, ein armer Mensch zu sein als ein König vor 200 Jahren. Die meisten Präsidenten oder Milliardäre benutzen (mutmaßlich) das gleiche iPhone wie ich – Technik nivelliert die Standesunterschiede. Doch in vielen anderen Bereichen bestehen gravierende Unterschiede.

Roboter streiken nicht

Aktuell baut ein bayrischer Sportartikelhersteller eine vollautomatische »Speedfactory« in Herzogenaurach, in der Maschinen eigenständig Schuhe herstellen – ein Novum, dessen benötigte Forschung mit Steuergeldern finanziert wird. Ab Sommer 2017, wenn die ersten Schuhe vom Band laufen sollen, werden dort so gut wie keine Menschen mehr in der Produktion arbeiten. Nachdem im 20. Jahrhundert die Arbeitsplätze nach Fernost abgewandert waren und die Produkte anschließend eine Schiffsreise von sechs bis acht Wochen um die halbe Welt zurücklegen mussten, bis sie bei uns in den Läden ankamen, werden sich die Handelswege auf wenige Tage verkürzen. Just-in-Time nennen es die Ökonomen. Das trifft den Nerv konsumaffiner Kunden, die das Neueste noch schneller beziehen können. Am meisten aber profitiert der Hersteller, bei dem mehr Gewinn hängen bleibt. Dafür kommt weniger beim Staat an, da die Roboter schwarz arbeiten. Es entfallen Steuergelder, die gewöhnlich im Arbeitsprozess anfallen und vom Staat für die Umverteilung eingenommen werden. Diese neue Form der Produktion braucht weniger Menschen. Das schürt Angst. Aus Oxford kamen vor vier Jahren Forscherstimmen die prophezeiten, dass es nur zehn bis zwanzig Jahre dauern werde, bis 47 Prozent der aktuellen Jobs in den USA durch Maschinen ersetzt würden. Andere Studien kommen zu ähnlichen Ergebnissen. Schon heute gibt es nicht genügend Einkommens-Arbeitsplätze – in Europa ist die Jugendarbeitslosigkeit von Frankreich mit 24 Prozent bis Spanien mit über 50 Prozent ein gigantisches Problem, dessen tatsächliche soziale Folgen erst noch auf uns zukommen werden. Wenn jedem zweiten jungen Menschen eines Landes nach seiner Ausbildung oder seinem Studium gesagt wird, dass seine Arbeitskraft nicht gebraucht wird, ist das alles andere als eine Zukunftsperspektive.

Ein genauerer Blick zeigt: Selbstverständlich gibt es genug Arbeit. Auch Rationalisierung und Automatisierung lösen Arbeit nicht in Nichts auf. Es ist nur so, dass in vielen Arbeitsfeldern langfristig Roboter günstiger sind, weil sie fehler- und steuerfrei rund um die Uhr arbeiten können. Außerdem sind von ihnen keine Streiks zu erwarten und Lohnforderungen ausgeschlossen. Das macht sie billig, plan- und berechenbar. Fraglich ist also nicht die Arbeit, sondern das Einkommen.

Es gäbe die Freiheit zum Mensch-Sein

Wofür leben und lernen wir, wenn weite Teile des Arbeitsprozesses automatisiert ablaufen? Bei allem Berechenbaren sind wir den Algorithmen auf kurz oder lang unterlegen. Was also macht uns als Menschen aus? Allerorten heißt es, Bildung sei entscheidend. Die jungen Menschen müssten lernen, unternehmerischer zu denken. Nur, wie können Lehrer helfen, Unternehmertum zu lehren? Wo Nachahmung so wesentlich ist und abgesicherte Staatsbeamte vor den Kindern stehen. Die Lehrer haben sich ja gerade für das Gegenteil, für den »sicheren Hafen« entschieden. Schon in der Schule grassiert die Sorge unter Schülern, später einmal nicht gebraucht zu werden. Das setzt sich an den Hochschulen fort. Dort leiden aktuell 53 Prozent der Studierenden unter Stress – mehr als später die Arbeitnehmer (laut einer Online-Befragung der AOK). Das deutet darauf hin, dass wir weiterhin das Hamsterrad lehren. Aber gerade da werden die Roboter uns Menschen am schnellsten überholen. Eine zukunftsweisende Debatte befasst sich mit der Frage, wie wir alle Menschen ökonomisch so absichern, dass sie keine Angst haben müssen. Wie gelingt es, das Geld so zu verteilen, dass jeder das Unbedingte bedingungslos bekommt? Heute spricht die halbe Welt über das bedingungslose Grundeinkommen. Die Ergebnisse der großen Feldversuche z.B. in Finnland, Kanada und Kenia werden zeigen, ob und wie eine Einführung gelingen kann. Klar scheint, wenn die Leistungsgesellschaft so weitermacht, dienen entweder bald die Menschen den rasenden Robotern, um sich zwischendurch ausgebrannt dem letzten Rest Natur zur Regenerierung hinzugeben, oder aber die Arbeitsmaschinen stellen immer mehr Menschen frei – frei zum Mensch-Sein. Das wiederum bringt dann die eigentlichen Fragen auf den Tisch – zum Beispiel die Frage nach uns selbst.

Wenn das Warten verloren geht

Die Kehrseite der Industrie 4.0 aber ist, dass diese Fragen aufgrund des Konsums nicht ins Bewusstsein dringen. Die besten Kunden sind wir, wenn wir die digitalen Maschinen permanent mit unserer Aufmerksamkeit füttern. Nur bloß keine Zeit verlieren, bloß keinen Moment ohne Unterhaltung, bloß nichts verpassen. Früher gab es viele Orte der Dauer, an denen Menschen saßen und warteten. Heute verschwinden Warteräume aus unserer Wahrnehmung. Beim Behördengang oder in der Arztpraxis bekomme ich via SMS mitgeteilt, wann ich an der Reihe bin. Am Flughafen und Bahnhof wird das Warten schon längst vom Konsum verdrängt. Zwischen dem Einfahren der S- oder U-Bahnen halten große Bildschirme uns auf dem Laufenden. Das ist durchaus wörtlich zu verstehen: Sie halten unser permanentes Rasen aufrecht. In öffentlichen Verkehrsmitteln tragen Bildschirme dazu bei, dass wir weniger nach draußen oder in die Gesichter anderer Menschen blicken. Selbst die Kasse beim Bäcker strahlt einen kurzen Werbeclip aus, bevor die zu entrichtende Summe angezeigt wird. Als wäre Langeweile Frevel.

Langeweile ist ein Wert

Das Wort Langeweile gibt es erst seit dem 13. Jahrhundert, damals mit der neutralen Bedeutung, die es in sich trägt: eine lange Weile. Dauer war kein Negativkriterium. Noch bis ins 20. Jahrhundert wurde der Langeweile mit Hilfe von ausufernden Romanen gefrönt. Nun aber, im gehetzten Dauerlauf fällt es uns zunehmend schwerer, Dauer als eine sinnstiftende Erfahrung zu erleben. Die Ethik des bürgerlichen Tätig-Seins hängt eng mit der heutigen Koppelung von Sinn und Arbeit zusammen. Während ethisch-religiös der Calvinismus die Langeweile als Vergehen an Gott auszumerzen suchte, stampfte die Industrialisierung sie mit Maschinenkraft kurz und klein und die Digitalisierung scheint sie mit ihrer exponentiellen Beschleunigung nun final auszutreiben.

Eine heilsame Methode ist, sich an Orte zu begeben, an welchen diese Hektik (noch) nicht vorherrscht. Die Frage aber bleibt: Wie lange noch? Als ich vor einiger Zeit mit dem Zug von Moskau nach Bischkek (Kirgistan) gereist bin, standen fünf Tage Langeweile vor mir – herrliche Zeit. Selten waren Gespräche intensiver, selten die Ruhe beim lauten, langsamen Rattern über die Gleisspalten stärker spürbar. Aber: »Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet«, wusste Hans Magnus Enzensberger schon vor knapp 40 Jahren. So bringen wir zunehmend mit unserem Tourismus die Welt auf Takt.

Eine andere Methode ist, sich freiwillig in zehntägige Vipassana-Meditationen zu begeben, wo die volle Aufmerksamkeit auf den Fluss des Atems gelenkt wird. Atmen, mehr nicht. Das feiert heute große Erfolge. Die Menschen sind so begeistert, dass die Workshops über zehn Tage samt Kost und Logis umsonst angeboten werden. Die anschließend gespendeten Beiträge tragen die Organisation. Aber führt die kurze Pause anschließend zu noch mehr Beschleunigung, weil das Verpasste nachzuholen ist?

Ein neuer Wohlstandsbegriff

Machen wir einen Versuch: Beobachten Sie sich die kommenden zwei Tage, wie häufig sie auf ihr Mobiltelefon gucken. Und fragen sie sich jedes Mal nach dem Blick, ob er wirklich nötig gewesen ist. Forscher des Bonner »Mental Balance«-Projekts, die über eine App das Verhalten von 60.000 Smartphone-Nutzern beobachteten, haben herausgefunden, dass die Nutzer 88-mal das Smartphone einschalten – pro Tag; 35-mal, um auf die Uhr zu blicken oder nachzuschauen, ob eine neue Nachricht eingetroffen ist; 53-mal zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen. Das heißt, alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein. Es gibt Gegenbewegungen. Mein Freund Paul ist Schreiner. Er kennt alle technischen Hilfsmittel seines Schreinerdaseins – und hat sich dennoch bewusst für eine langsame, kraftzehrende Handarbeit entschieden. Seine Werke sind Unikate, pure Handarbeit. Wenn er viel Geld bräuchte, könnte er es sich nicht leisten, sie so langsam herzustellen. Aber seine Freude und das Wirklichkeitserlebnis beim Arbeitsprozess überwiegen die Mühen. Und vielleicht merkt man es dem Ergebnis auch an. Außerdem kenne ich erfolgreiche Unternehmer, die ihr Smartphone gegen ein normales Handy eingetauscht haben – weil sie es sich zeitlich nicht leisten können und ehrlich zugeben, den Versuchungen nicht gewachsen zu sein.

Es bildet sich ein neuer Wohlstandsbegriff. Die Fixierung auf finanziellen Reichtum erweist sich als zu eng gedacht. Greta Taubert zeigt in ihrem Buch »Im Club der Zeitmillionäre«, wie in der Vielfalt heutiger Lebensentwürfe der Reichtum an Zeit zu einem wesentlichen Faktor wird. Der Risiko-Investor Albert Wenger, eine Größe der Startup-Welt, weil er in etliche bekannte Firmen als Erster investierte, schreibt in »World after Capital« (www.worldaftercapital.com), wie Geld zunehmend irrelevant wird und wir heute bereits in postkapitalistischen Zeiten leben – auch wenn das bisher nicht für alle Menschen gilt. Entscheidend ist, dass wir der Dominanz der digitalen Möglichkeiten neue Fähigkeiten gegenüberstellen müssen. Moshe Vardi, Professor für Computerwissenschaften in Texas sagt: »Die industrielle Revolution begann im 18. Jahrhundert und wir brauchten rund 200 Jahre, um einen modernen sozialen Wohlfahrtsstaat aufzubauen (…). Die nächsten 50 Jahre werden uns zwingen, die Gesellschaft neu zu erfinden, aber in einer sehr viel kürzeren Zeit.«

Während wir die Gesellschaft neu erfinden, müssen wir uns auch selbst neu finden, denn noch größer als die digitalen Möglichkeiten sind diejenigen, welche wir in uns tragen. Dafür braucht es innere Ruhe, Willen und Beharrlichkeit.

Zum Autor: Börries Hornemann war Waldorfschüler und ist Philosoph und Unternehmer. Er hat die Schweizer Volksabstimmung über ein bedingungsloses Grundeinkommen mitorganisiert und gründete das Forschungsnetzwerk Neopolis.

Literatur: »Sozialrevolution!« mit Beiträgen von Y. Varoufakis, G. Hüther, R. Reich und E. Brynjolfsson, Frankfurt 2017. www.sozialrevolution.de

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