Aufmerken. Wer ein Künstler seiner selbst sein will, muss aufwachen

Von Hildegard Kurt, Juli 2014

Ein Gespür für die Dimension von Kreativität kann sich einstellen, sobald klar wird: Die gesamte vom Menschen gemachte oder geprägte Welt geht aus Gestaltungsprozessen hervor.

Überreife Äpfel oder »Vom Es zum Du«.

»Was erfahre ich von dir?« Vom Beobachten zum Betrachten, Stille als Werkstoff. Entschleunigung erleben (Fotos: Rebecca Gasson)

Ob Landmine, Autobahnnetz, Kinderzeichnung oder Wirtschaftssystem, ob Bio-Piraterie, Energie-Genossenschaft, Musikstück, Massentierhaltung oder Schule – alles bezieht seine Existenz und Beschaffenheit aus von Menschen getroffenen Entscheidungen. Alles ist Materialisierung bestimmter Gedanken, Visionen, Ambitionen, Sehnsüchte, Ängste oder auch Aggressionen, ist geprägte Form – auch wenn manches Gestaltete wenig stimmig erscheinen mag und den künstlerischen Sinn kaum befriedigt.

»Alles ist Skulptur«. In dieser Einsicht fand Joseph Beuys den Schlüssel zu  seinem – nach eigenem Bekunden – wichtigsten Beitrag zur Kunst, wofür er die griffige, aber im Grunde nach wie vor rätselhafte Formel »jeder Mensch ein Künstler« prägte. In seiner letzten großen Rede, die er bei der Verleihung des Wilhelm-Lehmbruck-Preises zwei Wochen vor seinem Tod hielt, erklärte Beuys, der erste Impuls für die Erweiterung der Kunst sei für ihn von Lehmbrucks Skulpturen ausgegangen. Durch sie habe er verstanden, dass Skulptur oder Plastik nicht nur eine räumliche Kategorie, sondern auch ein überräumliches und überzeitliches Prinzip sei, wirksam in den seelischen und geistigen Kräften jedes einzelnen Menschen.

Die Idee »Soziale Skulptur« oder »Soziale Plastik« zielt also nicht darauf, Objekte in die Welt zu bringen. Sie will vielmehr den gesellschaftlichen Organismus in all seinen Funktionen aus den gegenwärtigen Deformationen überhaupt erst in humane Formen bringen – human im Sinne von menschenwürdig, was ökologische Gerechtigkeit mit einschließen würde. Mithin ergreift plastisches Gestalten hier nicht mehr nur physisches, sondern auch geistiges und seelisches Material. Die primären Werkstoffe der Sozialen Plastik sind das Denken, Fühlen und Wollen. Auch das Wahrnehmen, Sprechen, Hören und der Austausch gehören dazu. Oft erstarkt der künstlerische Sinn an Verdorbenem, an Leid und Schmerz. Er regt sich sodann als Willensimpuls hin zu einem innerlich beweglicheren, sich selbst ergreifenden, sich verlebendigenden Menschsein:  »Die alte Gestalt, die stirbt oder erstarrt ist, in eine lebendige, durchpulste, lebensfördernde, seelenfordernde, geistfördernde Gestalt umzugestalten. Das ist der erweiterte Kunstbegriff« (Beuys).

Das innere Atelier

Der primäre Ort, an dem solches Umgestalten stattfindet, ist jenes »innere Atelier«, das jedem Menschen von Geburt an zur Verfügung steht, selbst wenn es oft ein Leben lang unerkannt bleibt. Die Beuys-Schülerin Shelley Sacks, Leiterin des Social Sculpture Research Unit an der Oxford Brookes University, GB, der weltweit ersten Forschungseinrichtung zur Sozialen Plastik, spricht hier von einem »mietfreien Raum«, zu dem wir alle permanenten Zugang haben, und der noch dazu mobil ist. In dieses innere Atelier hineinzufinden, erfordert bereits ein Tätigsein des künstlerischen Sinns. Es geschieht, wenn ich innerlich ein wenig hinter mich selbst zurücktrete und beginne, mir dabei zuzuschauen, wie ich sehe, höre, denke, fühle, in Austausch trete. Von seinen ersten, oft faszinierenden, mitunter auch mühsamen Anfängen an beinhaltet  dieser Perspektivwechsel einen Freiheitsprozess. Denn indem ich von der Warte des »stillen Betrachters« aus – teilnahmsvoll, ohne zu verurteilen – mich selbst dabei wahrnehme, wie ich mich gegenüber dem, was ist, verhalte, identifiziere ich mich nicht mehr damit. Auch werde ich dann über kurz oder lang bestimmte Muster, Gewohnheiten, gar Automatismen erkennen, die mein Verhalten prägen, aber bislang unbemerkt blieben. Und auf einmal sehe ich zuvor unbemerkte Wahlmöglichkeiten in dieser verborgenen, aber so aktiven, wirksamen Sphäre. Ich komme an Ansatzpunkte, von denen aus es möglich wird, mein Wahrnehmen, Denken, meine Reaktionen und Aktionen zu entautomatisieren. Welch eine Befreiung! Und was für ein neuer, zukunftsvoller Raum tut sich da auf! Kann ich doch hier tatsächlich, so wie ein Bildhauer es mit Holz, Marmor, Metall oder Wachs tut,  die unsichtbaren, aber sehr wirksamen Werkstoffe bearbeiten, von deren Beschaffenheit das, was ich tue und einbringe, abhängt. Immer mehr werde ich damit zum Künstler, zur Künstlerin – von der Art, wie die Welt sie jetzt dringend braucht, um aus der sich globalisierenden »Todeszone« (Beuys) herauszufinden.

Doch: So elementar das »innere Atelier« für eine Zukunft mit Zukunft sein dürfte, so desolat ist oft sein Zustand. Mehr denn je wird dieser Raum von Mächten belagert und besetzt, die darin nichts zu suchen haben: von Stress und Angst, die ihn zusammendrücken; vom allgegenwärtigen abstrakten Denken, das die Welt durchweg planbar machen will und damit oft alles – außen wie innen – planiert; von Drogen; von den kaum noch eindämmbaren Fluten der Medien- und Unterhaltungsindustrie … »Der Verlust des inneren Raumes ist eine der größten Wunden«, sagt die Kulturwissenschaftlerin Christina Kessler.

Die kompromisslose, geradezu kämpferische Entschlossenheit, mit der einst Jesus die Händler aus dem Tempel trieb, vermittelt eine Vorstellung von der Willenskraft, die es heute braucht, um den Tempel in uns, das innere Atelier vor Missbrauch zu schützen. Tatsächlich gehört wohl zum Signum der Gegenwartssituation: Erstmals in der Geschichte wird es für die Menschheit überlebenswichtig, diesen primären Raum, der in uns und zugleich kosmisch ist, zu erschließen, darin zu arbeiten, ihn zu pflegen, zu schützen. Wo ein blinder Fleck war, soll jetzt ein primärer Arbeitsplatz entstehen; eine primäre Werkstatt, in der wir alle schöpferisch am »Großen Wandel« (Joanna Macy) mitwirken.

Ästhetik als Gegenteil von Anästhesie

Noch einmal zurück zu der Tiefendimension der Freiheit, die sich – weit über die bürgerliche Freiheit hinaus – beim Arbeiten im inneren Atelier auftut. Es ist die Freiheit, nicht bleiben zu müssen, was und wie wir sind; die Freiheit, sich selbst ergreifen zu können; an den spezifisch menschlichen Eigenschaften und Fähigkeiten plastisch zu arbeiten; die Freiheit, sich in Entwicklung zu bringen und einander dabei zu unterstützen, in einem lebenslangen, individuellen und vor allem auch gemeinschaftlichen Prozess. Eine Gleichung hierfür könnte »Bildung = Selbst­bildung = Transformation = Kunst« lauten.

Vor diesem Hintergrund kann, wie Shelley Sacks und der Philosoph Wolfgang Welsch vorschlagen, »Ästhetik« neu verstanden werden und zwar als Gegenteil von Anästhesie. Damit beinhaltet »ästhetische Praxis« ein verlebendigtes Sein jenseits der allgegenwärtigen Betäubungen und inneren Absenzen. Und das wiederum verändert, wie Shelley Sacks erklärt, den Charakter von »Verantwortung«. Denn ein verlebendigtes Sein braucht keine Orientierung von außen per Vorschrift oder Gesetz. Im Prozess des Sich-Verlebendigens kann »Verantwortung« sich zur Fähigkeit weiterentwickeln, aus eigener ethischer Intuition heraus »auf ein Vernommenes zu antworten« (Martin Buber). Auch hier also ist dann der künstlerische Sinn am Werk: das – mit Beuys gesprochen – Vermögen, »aus Liebe zur Sache« heraus kreativ zum Agenten, zur Agentin des Wandels zu werden, und sei es im kleinsten Umkreis.

Auf welchen Wegen aber lässt sich, etwa in der Schule, zu einer solchen »ästhetischen Praxis« finden? Zu einem künstlerischen Bilden, das zugleich Selbstbildung ist? Wie den Punkt erreichen, wo mit einmal ein Aufhorchen, ein geduldiges Schauen, eine volle, gegenwärtige Stille entsteht?

Vom Es zum Du

Es erstaunt immer wieder, auf welch einfache Weisen sich das Wahrnehmen, auch das Denken entautomatisieren lassen. Manchmal genügt die Einladung, sich einem Ding der Natur – einem verrotteten Apfel vielleicht oder einem mit Flechten bewachsenen Ästchen – einmal versuchsweise auf ungewohnte Art zu widmen; ihm fünf Minuten Zeit zu schenken, so aufmerksam wie möglich und mit der Frage: »Was erfahre ich von dir?« Es gibt hier weder richtig noch falsch. Nur verschiedene Grade des Aufmerkens. Wo es gelingt, in ein ruhiges, präsentes, offenes Betrachten zu finden, kann erlebbar werden, wie der so genannte Gegenstand vor einem beginnt, zum Gegenüber zu werden – zu einem Gegenüberlebenden, Gegenwartenden, Wartenden. Was, mit Martin Buber gesprochen, eben noch ein »Es« war, verwandelt sich in ein »Du«. Eine Begegnung mit etwas Lebendigem findet statt. Und diese Begegnung wirkt wie aus der Zeit gehoben.

Dabei lässt sich spüren: Das, was die Welt lebendig hält, ist immer da. Nur wir sind ganz oft nicht da. Unser Aufmerken fehlt. Der künstlerische Sinn schläft.

Zur Autorin: Dr. Hildegard Kurt, Mitbegründerin des »und.Institut für Kunst, Kultur und Zukunftsfähigkeit e.V.« in Berlin, ist Kulturwissenschaftlerin, Autorin und auf dem Feld der Sozialen Plastik tätig.

www.hildegard-kurt.de | www.und-institut.de

Literatur:

Shelley Sacks und Hildegard Kurt: Die rote Blume. Ästhetische Praxis in Zeiten des Wandels, mit einem Vorwort von Wolfgang Sachs, Jasedow 2013