Leben lernen durch Filmkunst

Von Mathias Maurer, Mai 2011

Kann ein Menschenpaar ein Götterpaar sein, heiraten und Kinder bekommen? Ja, wenn eine uralte Religion gelebte Gegenwart wird, wenn sich die Wege der Götter mit denen der Menschen kreuzen.

Waldorf-Filmkunst

In dem Film Die Legende von Shiva und Parvati begegnet eine junge Frau aus Schwaben einem Yogi im Himalaja. Sie verlieben sich, zwei Kinder werden geboren. Die Schüler des Yogi sehen in dem Paar die Inkarnation der Götter Shiva und Parvati. Wie in der uralten indischen Legende beginnt zwischen den beiden ein wechselvolles Spiel der Gegensätze. Nach einigen Jahren scheitert die Beziehung und die Mutter kehrt mit den Kindern nach Deutschland zurück. Krishna Saraswati, der Regisseur des Films, ist der Sohn der beiden und ehemaliger Waldorfschüler. –

Kann sich ein Paar mit einem Tanz existenziell so verbinden, dass es ihr gesamtes Leben bestimmt? Ja, mit Tango, denn er kann eine Lebensphilosophie sein. Die Protagonisten von Enrique y Judita gehören zu den besten Tangotänzern der Welt – wohnen halb in Deutschland, halb in Argentinien. Ihre künstlerische Arbeit ist untrennbar mit ihrer Liebesbeziehung verbunden. Sie leben den Tango auf der Bühne und im Leben: Sie entzweien, umarmen, konfrontieren und wiedervereinigen sich. Der Film von Andrea Roggon, ebenfalls ehemalige Waldorfschülerin, erzählt die Passion eines Paares, zeigt ihr hartes Training, ihre Erschöpfung und die gefeierten Auftritte. Ein Film, der den Tanz zur Lebensmetapher macht. Der Hauptdarsteller Enrique erzählt in dem Film eine Geschichte aus den Aufzeichnungen von Columbus: Es kommt der Tag, an dem die Hälfte der Essensvorräte aufgebraucht ist. Jetzt kann man noch umdrehen. Weiterzufahren erfordert dagegen Mut und eine Vision. Umkehren kann jeder. »Das war für mich der schönste Moment bei den Dreharbeiten«, sagt Andrea. In der Geschichte kommt zum Ausdruck, dass jede Beziehung und jede Vision eine Fahrt ins Ungewisse ist, dass immer Neuland betreten werden muss, damit es weiter geht. –

Kann ein Sohn mit seiner Mutter ihre Lebenslüge auflösen? Ja, wenn die Wahrheitssuche über bürgerlichen Konventionen steht. Regisseur Jan Raiber macht sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater und lüftet ein gut gehütetes Familiengeheimnis. Liebevoll, doch konsequent, nähert er sich Schritt für Schritt der Wahrheit. Manchmal ist er kurz vor der Aufgabe seines Vorhabens, bis er schließlich vor seinem wirk­­lichen Vater steht, der bis zu diesem Augenblick nichts von seinem Sohn ahnt. Alle meine Väter ist ein Film, der alle Beteiligten verändert, weil er ihnen die Wahrheit zumutet. Doch bis das erreicht ist, müssen viele Widerstände und Ängste überwunden werden. Das ist es, was dem Film eine befreiende und  heilende Wirkung gibt. 

Ein Zauber, den alle spüren 

Die drei Filmemacher möchten mit ihren Filmen etwas im wirklichen Leben und gemeinsam mit ihrem Publikum bewegen. Krishna erzählt: »Einmal habe ich meinen Film in einem kleinen schwäbischen Dorf gezeigt. Als ich dann vor der versammelten Dorfgemeinschaft stand und in die Gesichter der alten Bauern schaute, dachte ich, dass sie mit dem Film bestimmt nichts anfangen können – aber da hatte ich mich geirrt! Als ich am nächsten Tag durch das Dorf ging, hat ein Bauer seinen Traktor angehalten und sich mit Tränen in den Augen für den Film bedankt. Egal ob in einem schwäbischen Dorf oder in einem Technoclub in Bombay, immer wieder habe ich erlebt, dass der Film gerade dort, wo man es am wenigsten erwartet, eine starke Wirkung entfaltet.«

Der Gedanke hinter der Filmreihe ist, Impulse zu geben, von Mensch zu Mensch. »Wenn man gemeinsam einen Film gesehen hat, der alle im Saal berührt, dann liegt eine Art Zauber in der Luft und alle Anwesenden spüren, dass man gemeinsam etwas bewegen kann. Das sind die Momente, in denen ich genau weiß, warum ich Filme mache, da könnte ich vor Freude einen Purzelbaum schlagen«, sagt Krishna.

Die Regisseure heben mit ihren Filmen bewusst Grenzen auf: Sie gehen in Schulen und Universitäten, arbeiten mit Städten zusammen, zeigen sie in Gefängnissen und sprechen anschließend mit ihrem Publikum. »Durch die Filme und die Gespräche möchten wir einen Freiraum schaffen und Türen öffnen«, sagt Andrea. Schüler und Lehrer, Professoren und Studenten, Freie und Insassen begegnen sich durch die Filme und das Gespräch nicht in ihren üblichen Rollen, sondern als Menschen. Die Filme und die Gespräche werden so zu einem inspirierenden Ereignis, das weit über einen Filmabend hinausgeht.

Die Kunst, den eigenen Lebensweg zu gestalten und sich nicht nur als Opfer von Lebensumständen zu sehen, spiegelt sich nicht nur in den drei Filmen, sondern auch in der Haltung der drei Regisseure. »Wir gehen unseren eigenen Weg und geben unsere Filme frei und unabhängig von Mensch zu Mensch weiter«, sagt Jan. Die jungen Regisseure wollen mit ihren Filmen nicht in der Anonymität abgedunkelter Kinosäle verschwinden, sondern mitten ins Leben, in den Alltag hinein – und so auch etwas von ihrem Publikum lernen. »Wir orientieren uns nicht daran, wo ein Kino steht, sondern bringen das Kino einfach mit«, ergänzt Andrea. Nicht der Kommerz steht im Vordergrund, sondern dass ihre Filme von Hand zu Hand, von Herz zu Herz gehen. Denn es geht ihnen nicht um Filme, sondern um Menschen. Die Botschaft der Regisseure ist, dass es sich lohnt, das eigene Leben in die Hand zu nehmen und an seine Träume zu glauben – trotz allen Zweifeln und Rückschlägen, die es im Leben gibt. Und wohin geht die Reise für die drei Filmemacher in der nächsten Zeit? Der Hausmeister einer Schule hat ihnen kürzlich vorgeschlagen, mit ihren Filmen in den deutschen Bundestag zu gehen. »Wir finden, das ist eine gute Idee«, sagen die drei und lachen. Die Filme sind so wie ihre Regisseure: Sie handeln von Freiheit, Wahrhaftigkeit und Liebe.

Hinweis: Die Filme werden innerhalb von drei Wochen an drei Terminen vorgeführt. Es gibt zu jedem Termin vormittags eine Schülervorstellung für die Oberstufe und am Abend eine große öffentliche Veranstaltung mit anschließendem Gespräch. Die nächsten Staffeln finden im Juli, Oktober und November 2011 statt. Pro Staffel können maximal fünf Orte berücksichtigt werden. Interessierte Schulen, Universitäten und Städte werden um frühzeitige Anmeldung ge­beten.

Pressekontakt/Termine: Petra Schäkel, E-Mail: filmreihe(at)freie-geschichten.de. Die Filme sind auch auf DVD erhältlich: www.freie-geschichten.de

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