Knappe Ressourcen, viele Kinder

Von Beate Schaper-Burkard, Pia Wissen, Juli 2016

Offene Ganztagsschule an der Waldorfschule Mülheim an der Ruhr.

Foto: Ganztagsschule Mühlheim an der Ruhr

»Wo ein Heim ist, da ist auch ein Feuer, dann ist vielleicht auch da, wo ein Feuer ist, ein Heim.« (aus »Ronja Räubertochter«).

Der »Lebensraum Ganztagsschule« ist kein Zustand, sondern etwas, das man pflegen muss, das keimt und wächst und immer wieder neu aufblüht; er bedeutet für uns keinesfalls: den ganzen Tag Schule, vielmehr verstehen wir ihn als »Hort«.

In den drei Gruppen unserer »Offenen Ganztagsschule« (OGS) verbringen 98 Kinder, begleitet von sechs Erwachsenen, einen erheblichen Teil ihres Tages. Die 28 Erstklässler sind eine eigene Gruppe, sie dürfen sich während ihres ersten Schuljahres in geschütztem Rahmen in das Schulleben hineinfinden. Die 70 Kinder der Klassen zwei bis vier verteilen sich auf die beiden anderen Gruppen.

Nach dem Unterricht werden die Kinder in häuslicher Atmosphäre erwartet und empfangen. In der kalten Jahreszeit ist es gemütlich, sich erst einmal am warmen Ofen niederzulassen. Gemeinsames Essen in unseren eigenen Räumen, eine halbstündige Hausaufgabenzeit und das tägliche Vorlesen, vor allem aber Zeit für freies Spiel, bestimmen unseren Alltag. Es ist ein großer Haushalt, dem eine große Kindergruppe und je zwei Erwachsene angehören. Alle Kinder können am Nachmittag frei drinnen oder draußen auf unserem Unterstufen-Außengelände spielen, im angrenzenden Wäldchen immer dann, wenn ein Erwachsener sie begleitet. Wir haben eine Aufsichtspflicht!

Allerdings bieten sich hier auch wunderbare Spielmöglichkeiten außerhalb des Blickfelds der Erwachsenen. Das erweiterte Schulgelände darf von den älteren Kindern erobert werden, die jüngeren bleiben in Sichtweite am Haus. Stets sind in Haus, Garten und Umgebung tätige Erwachsene anwesend.

Kosten, Gehälter, Zuschüsse

Derzeit sind vier der sechs Mitarbeiterinnen pädagogische Fachkräfte, drei mit waldorfpädagogischer Zusatzausbildung. Vom Gesetzgeber wird weder gefordert, dass die in einer OGS tätigen Mitarbeiterinnen pädagogische Fachkräfte sind, noch gibt es Vorschriften zur Gruppengröße, entsprechend niedrig ist die Refinanzierung kalkuliert. Es gibt zurzeit in Nordrhein-Westfalen einen Landeszuschuss in Höhe von 1.200 Euro pro Kind und Jahr, einkommensabhängige Elternbeiträge in Höhe von durchschnittlich 50 Euro monatlich decken den geforderten Eigenanteil. Jede Mitarbeiterin bei uns hat eine Zweitdrittel-Stelle, eine Aufstockung zu einer vollen Stelle ist unter den gegebenen Bedingungen nicht möglich, was den Kreis potenzieller Mitarbeiter erheblich einschränkt.

So gab es in zwölf Jahren OGS außer gelegentlichen Praktikanten nie einen männlichen Mitarbeiter. Unsere Gehälter entsprechen etwa denen von Erzieherinnen im öffentlichen Dienst, in anderen Einrichtungen liegen sie häufig darunter, bewegen sich auch im Rahmen von Mini-Jobs.

Für uns bedeutet das, dass unsere Einnahmen überwiegend für Personalkosten eingesetzt werden. Kosten für die Verwaltung, Bewirtschaftung, Anschaffungen und Material werden vom allgemeinen, elternfinanzierten Schulhaushalt übernommen.

Somit verursacht das Modell »Offene Ganztagsschule« im Vergleich zum »Hort« deutlich weniger Kosten für das Land.

Der pädagogische Rückhalt

Unser OGS-Kollegium trifft sich wöchentlich zu einer gemeinsamen Konferenz. Darüber hinaus nehmen vier von sechs Kolleginnen an der wöchentlichen Lehrerkonferenz teil. Basis und Rückhalt für unsere Arbeit mit den Kindern finden wir in der Waldorfpädagogik. Ob wir diese immer unseren Ansprüchen gemäß umsetzen können, bleibt eine offene Frage.

Als OGS-Mitarbeiterinnen treffen wir unsere Entscheidungen nicht allein. Weitreichende pädagogische Fragen werden mit dem Lehrerkollegium oder der Schulführung abgestimmt. Trotz großer Autonomie im pädagogischen Handeln sind uns hier Grenzen gesetzt. Nicht immer ist der Blick aus Lehrersicht gleich dem der OGS-Mitarbeiter.

Wir sind überzeugt davon, dass es den Kindern gut tut, wenn sie von uns als tätigen Menschen umgeben sind. Im Zusammenhang mit einer Steigerung der Gruppengröße von 25 auf 35 Kinder bei den Kindern der Klassen zwei bis vier sind auch die erforderlichen hauswirtschaftlichen Tätigkeiten derart angewachsen, dass sie den Alltag prägen. Die Gruppengröße ist sowohl dem wachsenden Bedarf der Elternhäuser als auch finanziellen Erfordernissen geschuldet. Die Hausaufgabenbetreuung gestaltet sich bei einem Stellenschlüssel von 1:17 bisweilen sehr schwierig. Während der Essenszeit, wenn sich alle 30-35 Kinder gleichzeitig im Raum aufhalten, wird es oftmals sehr laut, obwohl die Kinder sich eigentlich nur unterhalten. Insbesondere in der Winterzeit oder bei Regenwetter fehlen den Kindern Rückzugsmöglichkeiten. Die Räume wurden für kleinere Gruppen konzipiert.

Was hilft? Wir müssen kein Soll erfüllen, weder für uns noch für die Kinder und haben alle Zeit der Welt. Immer wieder gilt es, den Kindern Aufmerksamkeit zu schenken, sie wahrzunehmen mit ihren Bedürfnissen, Ängsten, Sorgen, Freuden – alle zusammen und jedes für sich.

Zu den Autorinnen: Beate Schaper-Burkard ist Diplompädagogin mit Waldorfzusatzausbildung und begleitet Schüler aus der Unterstufe nach ihrem Unterricht; Pia Wissen ist Waldorferzieherin und unterrichtet auch am Erzieherseminar Köln; beide sind an der Offenen Ganztagsschule der FWS Mülheim tätig.

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