Sind wir Rabeneltern?

Von Heiko Heybey, Juli 2016

Ein Plädoyer für den Hort.

Foto: © Hort Hannover/Lena Sikorski

Wir »Waldis« genießen ja eher den Ruf, die Familie sehr hoch zu halten und damit nicht unbedingt die Unterbringung in einem Hort zu befürworten. Zu meiner (Waldorf-) Schulzeit gab es tatsächlich noch keinen Hort in unserer Schule und auch heute geht wohl der größere Teil der Waldorfschüler nicht in einen Hort. Aber die Zeiten ändern sich und heute denke ich manchmal: »Warum geht Euer Kind nicht in den Hort?« Für beides gibt es natürlich ganz praktische Gründe. Ein Hort wird benötigt, wenn beide Eltern berufstätig sind. Andererseits ist der Hort auch eine finanzielle Belastung, die sich nicht zwangsläufig rechnet und daher auch ein Grund sein kann, ihn nicht zu nutzen.

Warum also geht unser Sohn in den Hort? Die Antwort ist im Grunde einfach: Damit wir arbeiten dürfen! Denn unsere Arbeit ist für uns ein wichtiger Bestandteil unseres Lebens, eine Erfahrung, die wir nicht missen möchten, und der Hort ermöglicht es uns, die »Selbstverwirklichung« beizubehalten, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder sogar als »Rabeneltern« zu gelten. Der Hort ist für unseren Sohn mehr als eine Möglichkeit, die Zeit bis nach der Arbeit abzusitzen. Er ist Erlebnisraum, Erfahrungsraum, Entwicklungsraum, kurz: Der Hort gehört zur Familie.

Früher war alles besser?

Große Familien lebten in Dorfgemeinschaften, überall waren Kinder in der Nachbarschaft, man musste nur auf die Straße gehen (mit viel weniger Autos) und schon wurde gespielt und spielend gelernt: überschaubar, erlebbar, ereignisreich. Ok, ein Klischee. Aber heute, in einer großen Stadt, ist das Leben eben anders. Und nicht nur die Umwelt, auch unsere Prioritäten verändern sich.

Uns ist unsere Arbeit wichtig, Bestandteil unserer Persönlichkeit und Individualität. Die Familie ist oft klein, das Leben in der Innenstadt relativ hektisch, Freunde wohnen meist nicht um die Ecke. Dadurch verändert sich zwangsläufig die Erlebniswelt unserer Kinder.

Und genau hier ist der Hort ein Raum, der eben auch einem »Einzelkind« Erfahrungen ermöglicht, die es sonst nicht hätte. Eine Hortgruppe ist heterogen. Die Altersunterschiede und unterschiedlichen Persönlichkeiten führen dazu, dass sich die Kinder durch verschiedene Rollen entwickeln dürfen. Sie sind erst die »Kleinen« und lernen von den »Großen«. Am Ende sind sie selbst die Großen und dürfen Verantwortung tragen.  Es gibt große und kleine »Geschwister«, sympathische und unsympathische »Nachbarn« und viele Freunde und damit alle möglichen Erfahrungen, die in einem Klassenverband nicht in gleicher Weise möglich sind. Zumindest stelle ich mir das so vor und nehme die Hortgruppe so wahr.

Ganztagesschule oder Hort?

Der Hort bietet einen anderen, viel sichereren und geschützteren Rahmen, als die Ganztagesschule. Er ist eine klar definierte Gemeinschaft, etwas, das sehr nah an Familie herankommt. Eine große Rolle spielen hier natürlich auch die Betreuerinnen und Betreuer, die die Kinder mit viel Erfahrung und Empathie unterstützen, sie leiten und für sie da sind. Es geht nicht darum, dass unser Kind von irgendeiner – im schlimmsten Fall wechselnden – Aufsichtsperson betreut wird. Es geht darum, dass sich unsere Kinder frei entfalten können und dabei spielerisch auch Grenzen erlernen.

Der pädagogische Rahmen, die festen persönlichen Ansprechpartner, die regelmäßigen, immer gleichen Abläufe geben auch schüchternen oder Kindern mit weniger ausgeprägten »Ellenbogen« den notwendigen Halt und Schutz, der notwendig ist, damit sie sich frei entwickeln und behaupten können. Auch Kinder mit viel »Ellenbogen« lernen Rücksicht zu nehmen und Verantwortung für Schwächere zu tragen. Der Hort ist ein komplexes pädagogisches Gebilde und keine Aufbewahrungsanstalt für unser Kind. Wenn ich im außerschulischen Kontext, zum Beispiel im Sportverein oder im Urlaub bei anderen Kindern über mangelndes Sozialverhalten stolpere, dann habe ich tatsächlich oft gedacht: »Ein paar Jahre im Hort hätten dem Kind sicherlich ganz gut getan.«

Ich plädiere deshalb für die nachschulische Betreuung im festen Rahmen eines Hortes, statt für eine lose Betreuung in der Ganztagsschule – zumindest im Grundschulalter. Der Hort gibt den Kindern beim Einstieg in die Schulgemeinschaft Halt, lässt sie Freunde und Kontakte finden, sei es auf dem Schulhof, zu Klassenkameraden, zur Parallelklasse oder auch zu Kindern aus niedrigeren oder höheren Klassen – das ist mit Sicherheit ein Vorteil.

Für uns ist es ein »Hort der Familie«.

Wenn ich mir etwas wünschen dürfte, dann wäre es die kostenfreie Möglichkeit, dass alle Kinder und Eltern einen Hort nutzen können. Das wäre dann eine echte Wahlfreiheit, die es in unserer heutigen Umwelt Eltern und Kindern ermöglichen würde, die Erfahrungen zu machen, die  wichtig, aber nicht mehr selbstverständlich sind.

Zum Autor: Heiko Heybey ist Architekt, Mitgründer des SPANDAUprojekts und Vater eines Hortkindes.

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