Marx – Markt – Mensch. Lehrerbildung im 21. Jahrhundert

Von Friedhelm Garbe, Mai 2011

Friedhelm Garbe, der an der Freien Waldorfschule Jena unterrichtet, versteht das Lehrer-Werden als Chance, das eigene Menschsein voll auszuschöpfen.

Neuer Staat, neue Ideologie. Die Angestellten und Beamten im staatseigenen Großkonzern »Staatsschule« hatten nach der Wende allenfalls die Wahl, ob sie bleiben oder ob sie gehen wollten. Die neuen Lehrpläne waren bindend, unabhängig davon, wie der Einzelne, der unterrichtende Lehrer, dazu stand.

Aber was bedeutet es aus der Sicht eines Kindes, wenn es miterlebt, dass seine Schule den Hebel umstellen kann von Marx auf Markt, und plötzlich reden alle Lehrer anders? Noch im letzten Jahr, wenn der Lehrer den Raum betrat, gehörte der Schwur auf den Sozialismus zum täglichen Morgengruß. »Immer bereit!«, hatten die Schüler militärisch zu antworten. Und heute findet sich plötzlich niemand mehr, der das richtig findet und dazu steht? Alle sind eigentlich schon immer dagegen gewesen, haben aber mitmachen müssen, weil ja die anderen alle mitmachten?

Sind Lehrer wirklich leer? Hülsen, jederzeit vom Staat neu befüllbar? – Andrerseits, wer wollte es verdenken, nach zwölf Jahren Nazi-Herrschaft und 40 Jahren DDR-Diktatur? Waren diese Zeiten etwa dazu angetan, den aufrechten Gang zu lernen?

Und wie ist das heute? Wird über unsere Gegenwart eines Tages auch so gesprochen werden, dass die meisten nur mitgemacht haben? 

Von einer Ideologie zur nächsten 

Eines darf jedenfalls nicht passieren: dass in den Waldorfschulen wiederum ein Hebel umgestellt wird, diesmal von Markt auf Mensch. »Im Mittelpunkt der Mensch«, prangt auf der Info-Tafel mancher Waldorfschule. – Ein gefährlicher Spruch, weil er so leicht zu missbrauchen ist. Ereignen muss er sich, in der Erfahrung des Kindes, der Eltern, des Kollegen! Aber wo das  geschieht, wird man auf das Spruchband verzichten. Das haben wir in der DDR gelernt. Nach außen getragene Wahrheit wird schnell zur Phrase.

Selbstverständlich sollte sich ein Waldorflehrer zu einem neuen Menschenbild bekennen. – Moment mal, hatte nicht genau das auch die DDR verlangt? Sind wir da nicht schon wieder bei der Gefahr von Lippenbekenntnissen, Scheinwirklichkeiten, Dogmen – den Kennzeichen von Diktaturen?

Nein, ein Lehrer muss frei sein! »Ich möchte ja aus Ihnen auch nicht lehrende Maschinen machen, sondern freie, selbständige Lehrpersonen«, sagte Rudolf Steiner im September 1919 zu den künftigen Waldorflehrern am Ende seines Seminarkurses. Der Waldorflehrer kann also tun und lassen, was er will. – Oder doch nicht? Wie entsteht Freiheit, die nicht sogleich in Willkür umschlägt?

1990 war mit Händen greifbar: Kindgemäße Pädagogik lebt von der Authentizität der Menschen, der Lehrer und Eltern, am jeweiligen Ort. Deshalb lässt sie sich nur bedingt importieren. Wie können dann Waldorfschulen in Ostdeutschland entstehen, nach Jahrzehnten der Diktatur? – Woher kommen die Lehrer? 

Auszubildende gibt es nicht 

Waldorflehrer kann man nicht »produzieren«. Unter mündigen Menschen kann es überhaupt keine »Auszubildenden« geben. Woher also kommen neue Lehrer? – Die Antwort ist einfach: aus sich selbst.

Lehrer der Zukunft entstehen nur dort, wo ein Mensch sich selber aufschwingt – zu sich selbst. Wo er sich bewusst wird, was überhaupt ein Mensch ist; dass er Mensch ist. Wo sich einer dazu entschließt, jenen aufzusuchen, der er sein könnte. – Waldorflehrer ist nicht der, der es ist, sondern der, der es wird.

Dazu braucht es inneren Mut. Mut, Sicherheiten zu verlassen, und statt dessen seine Möglichkeiten ernst zu nehmen – und die der Kinder!

Wer die spirituellen Dimensionen unseres Lebens zu ahnen beginnt, wird demütig und ehrfurchtsvoll gegenüber Anderen werden, insbesondere gegenüber Kindern. So kann Liebe wachsen.

Wer sich in diesem Sinne selbst als den erkennt, den es zu erziehen gilt, kann dadurch auch zum Lehrer werden für andere, für Kinder. 

Mahatma Gandhi macht es vor 

Einst kam eine Mutter zu Mahatma Gandhi mit der Bitte, er möge doch ihrem Sohn sagen, dass er nicht so oft Süßigkeiten essen solle. Sie versprach sich viel davon, denn ihr Sohn hatte ein besonders verehrungsvolles Vertrauen zu Gandhi. Gandhi wurde nachdenklich und bat sie, in vier Wochen noch einmal zu kommen. Als die Zeit vorüber war und die Mutter wieder vor ihm stand, sprach er: »Sage Deinem Sohn, er solle nicht so viele Süßigkeiten essen.« – Etwas irritiert fragte die Mutter zurück: »Konntest Du das nicht gleich sagen?« Aber Mahatma Gandhi antwortete: »Nein – erst musste ich selbst lernen, keine Süßigkeiten mehr zu essen ...«

Wo der Lehrer selber zum Schüler wird, lässt sich gut lernen. Denn auch Kinder sind keine Auszubildenden. Sie können aus sich selbst heraus lernen, und das wollen sie auch.

Und doch sind sie auf entsprechende Bedingungen angewiesen: auf Menschen, die sie verstehen und lieben; auf Menschen, die Vorbild sind – weniger durch das, was sie sind, als vielmehr durch ihr Werden. 

Ansteckende Gesundheit 

Aber das lässt sich doch nicht in einem Lehrerseminar vermitteln! Braucht es dann keine Seminare mehr? – Im Gegenteil! Auch Erwachsene bedürfen zeitweise der Begleitung. Jedoch kommt es auch hier darauf an, dass der Studierende nicht zum Auszubildenden wird, sondern dass er den anregenden, schöpferischen Freiraum erlebt, in dem er sich selbst entwickeln kann; wo er nicht neue Masken aufzusetzen lernt, wo er nicht verführt wird, neue Fassaden zu entwickeln, Ideologien zu verfallen, sondern wo er – wie beim Schälen einer Zwiebel – stufenweise zu sich selber finden kann.

Hier geht es um echtes Interesse füreinander, um Verbindlichkeit. Auch ein Erwachsener ist manchmal auf das Geschenk des Zutrauens angewiesen. Dozenten werden lernen, ihren Blick stärker auf die Werde-Möglichkeiten des Anderen zu richten, als auf den Stoff, den sie vermitteln möchten. So werden Entwicklungen ermöglicht; inneres Wachstum, das auf sich selbst gegründet ist und sich dadurch als ansteckende Gesundheit weiterentwickeln und sogar fortpflanzen kann. – Was machen wir, wenn wir gar nicht all die vielen Menschen unterbringen können, die in diesem Sinne gern Waldorflehrer werden möchten?

Das Überraschende ist: Solche Wege führen nicht in die Vereinzelung, aber durchaus zur Erkenntnis innerer Einsamkeit und Ohnmacht, zum Gefühl des Scheiterns. Und gerade in dieser Befähigung zu nüchterner Selbsterkenntnis wird sich dieser Weg als christlich erweisen – und als zeitgemäß in der Lehrerbildung. Ohne Karfreitag ist die Auferstehung nicht zu haben. Es braucht diesen Mut. 

Man muss bereit sein, sich beschenken zu lassen 

Der von sich selbst überzeugte (Waldorf-)Aktivist wird allmählich stiller. So kann jener geboren werden, der bereit ist, Hilfe anzunehmen. Der Himmel ist nie ganz verschlossen. Aber das erfährt nur der Mensch, der es erkennt. Der Schwächere ist hier der Stärkere.

Lehrer der Zukunft wird nur, wer bereit ist, sich beschenken zu lassen – auch von den Kindern. »Ich erkannte, dass die Jungen und Mädchen meine Lehrmeister wurden«, sagt Mahatma Gandhi.

Neue Pädagogik braucht neue Formen der Lehrerbildung: Ehrfurcht vor der erwachenden Individualität, Kenntnis menschlicher Entwicklungsgesetze, methodisch-didaktische Hilfestellungen, künstlerische Selbsterfahrung und vieles mehr. Aber vor allem kommt es auf eines an: auf die innere Haltung, die Gesinnung. Denn wir können heute Waldorfschulen, Seminare, »Institutionen schaffen, welche es auch seien, … es wird immer davon abhängen, was für Menschen innerhalb dieser Institutionen leben und wirken« (Rudolf Steiner, GA 306).

Schule ist schon lange nicht mehr das, was der Lehrer vermittelt, sondern ein Prozess: das, was sich zwischen ihm und den Kindern ereignet. Und daran wachsen beide – die Kinder und die Lehrer. 

Literatur

Rudolf Steiner: Erziehungskunst. Methodisch-Didaktisches, GA 294, Dornach 1986
Ders.: Die pädagogische Praxis, GA 306, Dornach 1989
Denken mit Mahatma Gandhi, Zürich 2006