Abnorme Konstruktion

Von Lena Lottke, Februar 2016

Mit Empörung las ich den Artikel von Werner Kuhfuss »Kinder brauchen Vorbilder«.

Kuhfuss bezeichnet die Polarität von Männlich und Weiblich als ein unabänderliches Grundelement, das Kinder als Stabile bei all der Offenheit des Lebens benötigen. Damit liegt Kuhfuss jedoch falsch, denn diese Polarität ist eine normative Konstruktion und so nicht haltbar.

Zum einen gibt es weit mehr Geschlechtererleben als das von Mann und Frau. Bekannte Beispiele sind Homosexualität oder »Menschen im falschen Körper«. Es werden aber auch immer wieder Kinder geboren, die nicht eindeutig einem der beiden Geschlechter zugeordnet werden können. Diese Kinder werden als missgebildet angesehen und immer noch viel zu oft per medizinischem Eingriff in eine dieser Kategorien gedrängt, anstatt in die Natur oder in Gott zu vertrauen und gesellschaftlich Platz zu schaffen für ein Geschlecht, das seltener aber nicht unnatürlich ist. In Indien beispielsweise gibt es ein sozial verankertes und juristisch gleichberechtigtes drittes Geschlecht.

Zu Steiners Lebzeiten wurde all dieses facettenreiche Geschlechterdasein als abnorm und krank angesehen, mit Elektroschocks »kuriert« und später bekanntermaßen auch euthanasiert. Ein Festhalten an dieser Polarität hieße, diese Vielfalt zu verneinen. Kinder, die sich in den zwei Kategorien nicht wiederfinden, haben es dann um so schwerer, sich selbst in der Welt zu verorten und ein gesundes Selbstbewußtsein zu entwickeln.

Zum Anderen ist die Mütterlichkeit tatsächlich nicht mehr an ein Geschlecht gebunden. Was ist falsch daran, dass Männer ihre »weichen … Eigenschaften entwickeln« und ausleben? Ebenso gibt es genügend Erzieherinnen, die sogenannte männliche Attribute vorleben. Sie sind handfest, energisch, klar und bestimmt und »notfalls ein bisschen derb«. Auch Frauen können Nägel in die Wand hauen und »mit ordentlichen schwedischen Messern Stöcke schnitzen«. Die »Intelligenz im Tun« ist weder männlich noch weiblich, sie ist abhängig von dem oder der Tätigen.

In den hybernischen Mysterien haben die männlichen und weiblichen Urbilder deutlich Symbolcharakter. Ebenso deutlich wird gezeigt, dass der Mensch beide Urbilder in sich tragen und erkennen soll. Steiner war somit seiner Zeit weit voraus. Diese Ansicht wurde erst in den 70er Jahren unter der Bezeichnung »Geschlechtsspezifische Pädagogik« publik.

Auch ich bin der Meinung, dass nicht nur Frauen Erziehungs- und Bildungsarbeit leisten sollten, ganz nebenbei gesagt Professionen, in denen man schneller an den Rand seiner Kräfte gelangt als in jedem anderen Beruf. Wie kommt Herr Kuhfuss auf die Idee, dass mit dem Beruf des Erziehers »der Härte des Lebens in anderen Berufen« entgangen werden könnte?

Unsere Kinder kennen den Archetypen Mann oftmals in krankhafter Übersteigerung aus dem Fernsehen, von Werbeplakaten, aus Zeitschriften und Comics. Da Kinder noch immer in einer frauendominierten Welt aufwachsen, bleibt ihnen oft nichts anderes übrig, als sich Spiderman zum männlichen Vorbild zu nehmen. Gerade deswegen sollten sie an leibhaftigen Männern erleben, dass diese auch fürsorglich und weich sein können.

Der Artikel von Werner Kuhfuss ist unglaublich diskriminierend gegenüber allen, die sich nicht in der Polarität von Männlich-Weiblich verorten, gegenüber Kindergärtnerinnen und Kindergärtnern, gegenüber Frauen allgemein und gegenüber Männern, die nicht dem Urtyp des einsam kämpfenden Wolfes entsprechen.

Lena Lottke

Zu Kuhfuss: Kinder brauchen Vorbilder

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